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StartseiteKalenderblattHans Poelzig nahm das Bauhaus-Prinzip vorweg30.04.2019

Zum 150. Geburtstag des Architekten Hans Poelzig nahm das Bauhaus-Prinzip vorweg

Ob klassisch, romantisch oder à la Bauhaus: Der Architekt Hans Poelzig prägte eine humane, auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtete Architektur. Sein Erfolg endete mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Von Jochen Stöckmann

Der deutsche Architekt Hans Poelzig in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er war einer der Hauptvertreter der expressionistischen Architektur in Deutschland. Zu seinen wichtigsten Werken gehören das IG-Hochhaus in Frankfurt am Main, das Haus der Freundschaft in Istanbul (1916) und der Umbau des Großen Schauspielhauses in Berlin (1918/1919). Hans Poelzig wurde am 30., April 1896 in Berlin geboren und starb ebenda am 14. Juni 1936. | Verwendung weltweit (picture-alliance / dpa / Friedrich Rohrmann)
Der Architekt Hans Poelzig war einer der Hauptvertreter der expressionistischen Architektur in Deutschland. (picture-alliance / dpa / Friedrich Rohrmann)
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Kirchen, Kinos und Cafés, Einfamilienhäuser oder Bürokomplexe, Theater, Talsperren, Kraftwerke und Chemiefabriken, Wassertürme und Wochenendhäuser – das alles hat Hans Poelzig gebaut. Zwar gilt der Architekt, am 30. April 1869 in Berlin geboren, als "Expressionist", aber sein Markenzeichen war kein Stil, sondern seine ganz besondere Methode. Damit nahm er bereits 1903 in Breslau als Direktor der Kunstakademie das Prinzip des Bauhauses vorweg.

"In Breslau verbindet Poelzig Entwerfen und Lehren. Die Lehrwerkstätten und einzelne Künstler der Akademie arbeiten an Poelzigs Gebäuden mit. Diese Verbindung sucht er immer wieder", sagt Julius Posener.

Posener, der spätere Architekturhistoriker, konnte in Berlin bei Poelzig studieren. 1923 hatte der leidenschaftliche Lehrer eine Professur an der Technischen Hochschule bekommen, und zwar neben Heinrich Tessenow, der als konsequenter Reformarchitekt einen einheitlichen Baustil vertrat. 

"Die einen gingen zu Poelzig, die anderen gingen zu Tessenow. Und bei Tessenow fanden sie an den Wänden und auf allen Tischen Zeichnungen, die waren bis in den Stil hinein: Tessenow! Und wenn sie zu Poelzig kamen ins Seminar, dann gab es keine zwei Entwürfe, die stilistisch einander ähnlich gesehen hätten."

Ob klassisch, romantisch oder à la Bauhaus, die Fassade spielte für Poelzig nie die Hauptrolle. Entscheidend war die ganz konkrete Bauaufgabe, der Reißbrettentwurf mit Blick auf das tägliche Leben: die Lage des Essplatzes zur Küche, der Unterschied zwischen bequemen und unbequemen Treppen, der Umgang mit Licht und Luft. Diese "Wohnungskunst", so kritisierte Poelzig 1931, war keine Frage der Technik:

"Bei der Glorifikation des Technischen freut man sich nur zu leicht an jedem Gasrohr und Heizkörper, an jeder Beton-Konstruktion, bringt alles so unverhüllt wie möglich zum Ausdruck und meint, damit hätte man seine Modernität bewiesen."

Handwerk als Grundlage der Kunst

Poelzig dagegen wollte beim Entwerfen und Bauen vermitteln zwischen den durch die Moderne getrennten Sphären von Technik, Kunst und handwerklicher Tradition. Dafür, so Julius Posener, suchte der umtriebige und eloquente Architekt immer wieder Bundesgenossen: 

"Sein Beharren auf der Werkstatt, also auf dem Handwerk als Grundlage der Kunst, berührt sich mit Gedanken, die im Deutschen Werkbund besonders in den frühen zwanziger Jahren gepflegt wurden."

Noch vor dem Ersten Weltkrieg hatte Poelzig sich im Werkbund engagiert. 1919 wurde er zum Vorsitzenden gewählt. 

"Seine Autorität war unbestritten. Wollte man aber neue Arbeiten von Poelzig sehen, so musste man ins Theater gehen – oder ins Kino, zu dem Film 'Der Golem', für den er die Golem-Stadt aufgebaut hat", sagt Posener. 

Für den Stummfilm-Klassiker hatte Poelzig 1920 ein mittelalterlich verwinkeltes Labyrinth enger Gassen mit eng aneinandergelehnten Häusern gestaltet – als ausdrucksstarke Kulisse. Ähnlich expressionistisch waren seine eigenen Gemälde, Bühnenbilder – und der Umbau einer ehemaligen Berliner Markthalle zum Großen Schauspielhaus mit Rundbögen und tropfsteinartigen Hängezapfen unter spektakulär ausgeleuchteten Kuppeln.

Mit dieser dramatischen Wirkung wollte der Theaterunternehmer Max Reinhardt 1919 sein Publikum anlocken. Ein Jahrzehnt später, bei dem IG-Farben-Haus in Frankfurt oder dem Haus des Rundfunks in Berlin, sah Poelzig sich vor einer ganz anderen Aufgabe: 

"Eine neue Schönheit zieht herauf, die – das ist keine Frage – gerade auch in den Industriebauten selbst ihren machtvollsten Ausdruck findet."

Deshalb wirkt der IG-Farben-Bau in Frankfurt auf den ersten Blick monumental, aber hinter der 250 Meter langen Fassade hat der Architekt klug durchdachte Grundrisse angelegt.

Diese humane, auf menschliche Bedürfnisse ausgerichtete Architektur war nach 1933, mit dem Machtantritt der Nazis, nicht mehr gefragt: Ohne Aufträge und aus seinen Ehrenämtern gedrängt, starb Hans Poelzig 1936 in Berlin, kurz vor seiner geplanten Ausreise in die Türkei.

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