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StartseiteBüchermarktGrande Dame und "Landesverräterin"03.02.2020

Zum 150. Geburtstag von Annette KolbGrande Dame und "Landesverräterin"

Annette Kolb war während der Weimarer Republik eine bekannte Autorin, die für Frieden und die deutsch-französische Völkerfreundschaft kämpfte. Mit Machtantritt der Nationalsozialisten sank ihr Stern. Kolb musste fliehen und kehrte erst spät nach Deutschland zurück. Jetzt liegt eine Briefausgabe vor.

Von Matthias Kußmann

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Die deutsche Schriftstellerin Annette Kolb. Undatierte Aufnahme aus den 1950er Jahren. Foto: dpa | Verwendung weltweit (picture-alliance / dpa)
Annette Kolb - Meisterin des ironischen Gesellschaftsromans (picture-alliance / dpa)
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"Aber das sage ich doch gleich im Voraus, damit Sie es wissen und für alle Fälle - lieber gekillt oder liqui­diert als ohne Recht auf freie Meinungsäußerung zu leben…"

Das schrieb Annette Kolb einmal. Ein Satz, der als Motto über ihrem Leben und Werk stehen könnte. Am 3. Februar 1870 als Tochter einer Französin und eines Deutschen geboren, wuchs sie in München auf. Später reiste sie kreuz und quer durch Europa. Kolb schrieb Romane, Bio­gra­fien, Essays und Feuilletons und übersetzte aus dem Französischen. Sie war weltläufig, selbstbewusst, stritt für Frieden, Huma­nität – und die deutsch-franzö­sische Ver­stän­digung. Die beiden Weltkriege hinter­ließen tiefe Narben. In einem späten Radio­interview sagte die über 90jährige:

"Ich hasste den Krieg, ich hasste den Krieg! Ich hasste ihn, kann nicht sagen, wie ich da … Ich hab furchtbar gelitten."

In der Weimarer Republik war Kolb eine bekann­te­ Autorin­. Doch nach dem Krieg, als die "Gruppe 47" die Literatur prägte, sank ihr Stern. Ihre ironischen Gesellschaftsromane über das frühe 20. Jahrhundert fanden nur noch wenige Leser. Später war sie weitgehend vergessen, bis 2018 eine Werkausgabe an sie erinnerte.

Gut im Literaturbetrieb vernetzt

Nun ist bei Fischer ein Band mit Brie­fen von ihr erschienen, an Autorinnen und Autoren. Er heißt "Ich hätte dir noch so viel zu erzäh­len". Rund 140 Brie­fe von 1906 bis '67 erzählen von Kolbs Leben und Arbeit - und von 60 Jahren deut­scher Geschichte. Die Liste der Adressaten be­eindruckt:

"Lieber Herr Rilke … Verehrter Herr Ger­hard Hauptmann … Lieber Herr von Hofmanns­thal … Cher Romain Rolland … Liebster Hermann Hesse … Liebe Luise Rinser … Lieber Erich Kästner … Ach lieber Thomas Mann …"

Im damals männlich geprägten Literaturbetrieb ist Kolb gut vernetzt, auch mit Politikern und Diplomaten. In ihren unterhaltsamen Briefen wechselt sie vom Deutschen ins Französi­sche und zurück, spielt mit der Sprache, streut baye­rischen Dialekt ein. Recht­schreibung und Interpunk­tion kümmern sie wenig. Sie schreibt drauf­los, bleibt selten lang bei einer Sache. Hier etwas über Lektüre, da über Musik­, dazwischen Gesell­schafts-Tratsch und immer wieder Spott - auch über sich selbst. An Alfred Walter Heymel:

"Ich schrieb Ihnen eben einen so saudummen Brief, dass es nicht zum aushalten war, und ich ihn wieder zerriß."

Entschieden ist sie, wenn es um ihr Werk geht. Sie pocht auf höhere Honorare für Übersetzungen und journalistische Texte:

"… recht viel Honorar bitte!"

Und sie verlangt gute Startbedingungen für ihre Bücher - etwa im Ersten Weltkrieg für ihre versöhnlichen "Briefe einer Deutsch-Französin":

"Das Buch muss aber 1. mit einem Schallrohr auf­treten, (…) 2. muss das Buch schnell erscheinen. Das ist meine Bedingung. Wenn ich das nicht kontractlich habe, je renonce (verzichte ich)."

Das Buch erschien denn auch einige Monate später.

Als "Landesverräterin" mit Berufsverbot belegt

Der Unterstrom der Briefe ist die Zeit, in der die Autorin lebt, mit allen Umbrüchen: Belle Epoque, Erster Weltkrieg, Weimarer Repu­blik, NS-Jahre, Zweiter Weltkrieg, Nach­kriegs­zeit und Wirtschaftswunder. 1915 hält sie in Dresden einen Vor­trag und wirbt für die Grün­dung einer inter­natio­nalen pazi­fisti­schen Zeitschrift – und das im Ersten Welt­krieg! Schon gilt sie als "Landes­ver­räte­rin" und erhält vom Bayrischen Kriegs­ministe­rium Publikations- und Reiseverbot.

"Weil ich die Presse angegriffen hab. Es ist auch in Frankreich notiert worden, dass ich die französische Presse angegriffen hab. Aber besonders die deut­sche."

1917 gelingt Kolb die Flucht in die Schweiz. Endlich kann sie wieder sagen, was sie denkt. Und sie be­freun­det sich mit René Schickele, dem politisch en­ga­gierten elsässischen Autor. Er publiziert Texte von ihr in der Zeitschrift "Die weißen Blätter" und wird ihr engster Freund - auch, weil er ihre Streit­lust akzep­tiert.

"Lieber Schickele, zu Ihnen 'fasst man ein Herz' - das ist das Wort, das ist Ihre specielle Note für den anderen – ich will schon über die Dinge mit ihnen argumentiren. Wir verstehen uns über alle Meinungs­ver­schie­denheiten zu gut."

Ob sie mehr als nur Freundschaft von ihm erhofft? Zeitlebens hat Kolb keinen festen Partner und keine Kinder.

"Ein Kind zu haben, noch einmal mich, wär mir ein Grauen gewesen. (…) Ich hätte nie heiraten können. Dazu fand ich mich nicht schön genug. Nein, ich hätt´s nicht wollen. Ich hab mir nie, nie-nie-nie-nie-nie! – aber auch nicht eine Sekunde meines Lebens zu heiraten gewünscht."

Buchcover: Annette Kolb: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen" (Buchcover: S. Fischer Verlag, Hintergrund: G. Bergs)Buchcover: Annette Kolb: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen" (Buchcover: S. Fischer Verlag, Hintergrund: G. Bergs)

Kreative Jahre in Badenweiler

1923 kauft Schickele ein Haus in Badenweiler, süd­lich von Freiburg, mit Blick nach Frankreich. Kurz darauf bezieht Kolb ein Haus da­neben. Die nächsten Jahre sind die kreativ­sten ihres Lebens. Sie schreibt sechs Bücher, da­runter den Bestseller-Roman "Daphne Herbst" über das bürgerliche München vor dem Ersten Weltkrieg. Mit über 60 kann sie sich nun endlich ein Auto leisten. Einer Freundin berichtet sie:

"…auf Credit wird mir ein kleiner Opel angeboten, o Dori ich werd ihn kaufen und wenn ich damit in den Schuldenturm hinein chauffire."

Ein Dauerproblem der Autorin: Sobald Geld herein­kommt, gibt sie es mit vollen Händen aus. In vielen Briefen klagt sie über finanziel­le Sorgen. Über­schat­tet ist die Badenweiler Zeit aber vor allem vom er­starkenden National­sozialismus. In einem Brief an Kurt Tucholsky schreibt sie:

"Bleibt nur die Trauer in einer solchen Zeit zu leben, denn zu wirken gibt es nichts. (…) Nächstens wird einem der Process gemacht, wenn man aus den Evangelien alle Sentenzen gegen das totschlagen citiert."

Dennoch macht Annette Kolb aus ihrem Hass auf die Nazis keinen Hehl. 1932 heißt es in ihrem Essay­band "Beschwerde­buch" provozierend:

"Wenn mir jemand sagt: 'Ich bin kein Nazi, aber…', dann weiß ich schon, daß er einer ist."

Anfang 1933 warnt sie der Autor Man­fred Hausmann, sie solle Deutschland verlas­sen, es könne gefährlich für sie werden. Kolb flieht in die Schweiz, dann nach Frank­reich und wird fran­zö­sische Staatsbürgerin. Sie schreibt eine Mozart-Biografie und den Roman "Die Schaukel" über ihre Münchner Jugend - damals, in besseren Zeiten. Am 10. Mai 1940 marschieren deutsche Truppen in Frankreich ein. Wieder flieht Kolb in die Schweiz. An Thomas Mann:

"Wir sind Alle versprengt, keiner weiss vom anderen. (…) wenn mein permis de séjour (die Aufenthalts­genehmigung) nicht verlängert wird muss ich am 3. Sept. fort. Wohin? Gott weiss! wird ganz Frank­reich besetzt, dann ist mir die Welt versperrt."

Späte Rückkehr nach Deutschland

Mit Hilfe von Freunden emigriert die über 70­-jährige nach New York, wo sie sich nie zuhause fühlt. Mit Presseartikeln hält sie sich über Wasser, beendet ihre Schubert-Biografie und wartet vier lange Jahre auf das Kriegsende. 1945 kehrt sie erschöpft nach Paris zu­rück. Sie schreibt Essays und publiziert 1960 die Exilerinnerungen "Memento". Im Jahr darauf wagt sie die Rückkehr nach Deutschland – vielleicht ist ja Versöhnung möglich.

"Weil ich eben Deutschland doch liebe. Und weil ich eine große, große Bewunderung für den deutschen Widerstand hatte. Der vielleicht das Heldenhafteste war an Widerstand, was es gab. Dass sie gar nichts wollten, als wie nur das Land von seiner Schmach befreit sehen."

Annette Kolb lebt wieder in München, der Heimat­stadt. Sie wird mit Preisen überhäuft - wohl auch als Wiedergutmachung dafür, dass sie zweimal aus Deutschland ins Exil getrieben wurde. 1964 erschei­nen ihre Erinnerungen "Zeit­bilder". Doch die über 90jährige vereinsamt, fast alle Freunde sind tot. Und sie traut dem Wirtschaftswunderland nicht.

"Es gibt viele nationalsozialistische Naturen, die geblieben sind als Erben. Das finde ich. Und das ist das, was mich entfremdet und was mich unglücklich macht. Ich bin sehr pessimistisch, für diese Welt bin ich sehr pessimistisch."

Die Schriftstellerin, Pazifistin und überzeugte Euro­päerin Annette Kolb stirbt am 3. Dezember 1967, hoch betagt mit 97 Jahren - eine Grande Dame der Literatur. Der gut edierte und kom­mentierte Brief­band aus dem Fischer-Verlag ist eine Einladung, ihrem Leben und Werk neu zu begegnen.

Annette Kolb: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen"
Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller
Herausgegeben von Cornelia Michél und Albert M. Debrunner
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 319 Seiten, 24 Euro.

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