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StartseiteBüchermarktEine „kleine, struppige Personnage“19.07.2019

Zum 200. Geburtstag Gottfried KellersEine „kleine, struppige Personnage“

Der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller, der am 19. Juli 1819 geboren wurde, gilt vielen als harmloser Klassiker. Doch sein Werk birgt ungeahnte Abgründe und faszinierende Zumutungen. Aber vertritt Keller nicht eine längst überholte Literatur für gebildete Freunde konventionellen Erzählens?

Von Dorothea Dieckmann

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Buchrücken: Gottfried Keller: Gesammelte Werke, Zeitgenössisches Porträt des schweizer Schriftstellers Gottfried Keller (1819-1890) (Foto Buchrücken: imago images  imagebrokerNitzschke, Zeichnung: dpa Bilderdienste/Bifab)
Der Schweizer Autor Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 geboren (Foto Buchrücken: imago images imagebrokerNitzschke, Zeichnung: dpa Bilderdienste/Bifab)

Wenn ja, dann hätte Kellers Werk nur mehr musealen, allenfalls didaktischen Wert. Im Schulunterricht gelten seine Texte als Beispiele des "poetischen Realismus", verstanden als Schilderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit plus ein wenig ästhetische Ausmalerei. Hören wir dagegen Walter Benjamin:

"Alle Bücher dieses Mannes gehören zu den zweideutigsten und gefährlichsten Produkten der Literatur."

Und der zeitgenössische Kritiker Josef Hofmiller schrieb:

"Bei Keller kommt immer der Moment, wo er ein Loch durch die Tapete stößt oder mit dem Ärmel ein Porzellanservice unter den Tisch wischt, um dann mit leuchtenden Augen homerisch, halkyonisch weiterzufahren. Da wird der kleine Mann mit dem mächtigen Haupt (...) auf einmal kompromisslos, vulkanisch. Im Dichten: sublim, hart an Kleist, hart an Shakespeare. Wer dies Eruptive bei ihm nicht sieht, hat keine Ahnung, was Gottfried Keller wirklich ist."

Was ist, wer war Gottfried Keller wirklich? Sein Leben ist, nicht zuletzt durch den autobiographisch grundierten Roman "Der grüne Heinrich", gut dokumentiert. Zwei bald nach seinem Tod veröffentlichte Biographien berichten von offiziellen Festen zu Kellers späten runden Geburtstagen und von seinem Staatsbegräbnis:

"Ein Leichenbegängnis wie das Gottfried Kellers (...) hatte Zürich noch keines gesehen (...). Das ganze Schweizerland schritt hinter dem Sarge (...) in einem Wald umflorter Banner. Kellers Heimatlied brauste durch die Hallen."

"Unersättliche Sehnsucht", ein freier Künstler zu werden

Zwischen dieser pompösen Szenerie und dem Bild des Künstlers als junger Mann ist kaum ein größerer Kontrast denkbar. Der Fünfjährige, der seinen Vater verloren hat, sitzt tagelang träumend am Fenster. Der Sechsjährige wird am ersten Tag in der Armenschule vom Lehrer wegen einer Phantasieantwort minutenlang an den Haaren gerissen. Die Schullaufbahn endet für den Fünfzehnjährigen mit einem Rauswurf. Von da an entwickelt er lesend, schreibend, malend die "unersättliche Sehnsucht", ein freier Künstler zu werden. Sie überdauert gegen alle inneren und äußeren Widerstände:

"Den 19. Juli 1837. Heute ist mein achtzehnter Geburtstag; von heute an über zwei Jahre gelob' ich mir, einigen Ruhm zu gewinnen; wo nicht, so werf' ich die Kunst zum Teufel und lerne das Schusterhandwerk.
Heute ist mein 19. Geburtstag, und ich sehe ein, dass es dummes Zeug war, was ich vor einem Jahr geschrieben habe.
Nun bin ich volle zwanzig Jahre alt (...) und stehe immer auf dem alten Flecke.
Mein vierundzwanzigster Geburtstag (...) ist regnerisch und stürmisch an meinem Innern vorübergezogen. Meine Hoffnungen sind um nichts besser geworden."

Da war Keller verschuldet, ja hungernd aus München zurückgekehrt, wo er vergeblich versucht hatte, als Maler zu reüssieren. Im Überschwang der Vormärzzeit veröffentlichte er agitatorische Gedichte – Auftakt zu einer Lyrik von atemberaubender und verstörender Schönheit. In diese Zeit fallen die ersten Gedanken zu jenem Künstlerroman, der Jahrzehnte später abgeschlossen wurde: "Der grüne Heinrich". Stipendien ermöglichten Keller weitere sieben Jahre in Deutschland – erst in Heidelberg, wo er durch die Begegnung mit Ludwig Feuerbach die Grenze zum Atheismus überschritt, dann in Berlin, wo er Band für Band seines nicht enden wollenden Romans schrieb, während er längst andere Werke im Kopf hatte:

"Es ist eine skandalöse Geschichte mit diesem verfluchten Alp von Roman! Ich darf nichts anderes schreiben, bis er abgeliefert ist, und doch mag ich ihn zeitweise gar nicht ansehen",

schrieb er an einen Freund. Mit 35 und damit in der klassischen, aber auch arithmetischen Mitte seines Lebens, war Gottfried Keller ein gelobter, aber kaum gelesener Schriftsteller. Im selbstgewählten deutschen Exil hatte er die Einsamkeit einer "stummen Schildkröte" erlebt, aber auch viele Freunde gewonnen. Zahllos sind die Geschichten der Kneipenexzesse, Prügeleien und herzzerreißenden Liebesenttäuschungen der "kleinen struppigen Personnage", wie Keller sich selbst nannte. Prägnant kennzeichnete Walter Benjamin sein "melancholisch-cholerisches Wesen", dessen eine Seite sich in einem Brief äußert:

"Wer sollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es keine rechte Freude gibt? Selbst wenn sie ein Reflex körperlichen Leidens ist, kann sie eher vielleicht eine Wohltat als ein Übel sein, eine Schutzwehr gegen triviale Ruchlosigkeit."

Abgründiger Humor

Kellers abgründiger Humor erinnerte Benjamin an ein "Grotten- und Höhlensystem". Adolf Muschg, der sich recht monoton an einer psychoanalytischen Deutung versuchte, betonte Kellers hedonistische Todesgewissheit, und W. G. Sebald sprach von den "Gespenstern" in seiner Prosa:

"Wer sich dahinbewegt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, der spürt immer wieder mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten hinuntergeht."

Im Zuge seiner Mumifizierung zum Klassiker haben viele Exegeten den experimentellen Eigensinn von Kellers Werk vernachlässigt. Gegenüber der frühen, präzisen und wunderbar anschaulichen Darstellung "Über Gottfried Keller" von Paul Rilla oder dem vor drei Jahren von Ursula Amrein besorgten "Gottfried Keller-Handbuch" trägt das jüngste Buch des Literaturwissenschaftlers Ulrich Kittstein leider zu Kellers Verharmlosung bei. Auf 500 Seiten durchkämmt es Thema für Thema das Werk des titelgebenden "bürgerlichen Außenseiters", kommt aber über eine brave Fleißarbeit nicht hinaus. Am Ende werden in Kellers "Weltanschauung" die "realitätsfremden" von den "verblüffend aktuellen" Elementen geschieden. Das Ergebnis klingt wie eine zweite Grabrede:

"Kellers (...) sinnliche Fülle und (...) gedankliche Vielschichtigkeit (...) sichern ihm dauerhaft einen Platz im literarischen Kanon und machen das Studium seiner Werke auch noch im 21. Jahrhundert zu einem (...) ästhetischen und intellektuellen Vergnügen."

Keller ist lebendig, anders als es dieser professorale Abgesang nahelegt. Sein Werk birgt Zumutungen, die das Etikett des "poetischen Realismus" weit hinter sich lassen – im "Grünen Heinrich" ebenso wie in den späteren "Leuten von Seldwyla", den "Sieben Legenden" oder dem romanlangen "Sinngedicht". Kern der Novellen war die Idee zu "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Eine archaisch-heidnische Schicht durchzieht das kleine Meisterwerk. An einer Stelle traktieren die Kinder eine Puppe wie einen "Marterleib" und sperren schließlich eine "große blaue Fliege" in den hohlen Kopf:

"Die Kinder hielten den Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende jetzt einem weissagenden Haupte (...). Aber (...) das wenige Leben in dem dürftig geformten Bilde erregte die menschliche Grausamkeit (...). So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein (...). Dann empfanden sie einiges Grauen, dass sie etwas Geformtes und Belebtes begraben hatten, und entfernten sich ein gutes Stück von der unheimlichen Stätte."

"Reichsunmittelbarkeit der Poesie"

Kühne Verbindungen, wie hier die zwischen Kindheit und Opferritus, sind keine Ausnahme in Kellers Schreiben, das ebenso antike wie barocke Züge trägt. Da sind die Passagen im "Grünen Heinrich", die vom Raritätenkabinett der Trödlerin Margreth handeln, die wie eine vorzeitliche Matriarchin über ihr phantastisches Reich herrscht. Oder die Geschichte vom misshandelten Meretlein, an dessen Körper alle grausamen geistlichen Zähmungsversuche scheitern. Zudem enthält Kellers Welt einen Hang zum Vexierspiel, der im Zyklus "Das Sinngedicht" zu einem Reigen von Partnerwahlgeschichten führt und die Ordnung der Geschlechter komplett durcheinanderwirbelt. Dichtern wie Theodor Storm oder Paul Heyse waren Kellers erzählerische Eskapaden unheimlich. Ihrem Protest entgegnete der Kritisierte:

"Diese schöne Erfindung, die wahrscheinlich dem Büchlein Schaden zufügt, gehört zu den Schnurren, die mir fast unwiderstehlich aufstoßen (...) [Es ist mir] alsdann, sobald sie unerwartet da sind, nicht mehr möglich, sie zu tilgen (...). Im Stillen nenne ich dergleichen die Reichsunmittelbarkeit der Poesie."

Trotz wachsender Anerkennung als Schriftsteller wäre Keller nie zu seinen späten Ehren gekommen, wäre der kämpferische Liberale nicht unerwartet zum Staatsschreiber ernannt worden. Nach fünfzehn Jahren gab er den Posten auf und machte sich an die zweite Fassung des "Grünen Heinrich". "Martin Salander", der zweite und letzte Roman, bezeugt eine resignierte Sicht auf Gegenwart und Zukunft. In satirischer, ja grotesker Weise beschreibt das Alterswerk Korruption, Naturzerstörung und Geldgier. Zum 70. Geburtstag des Autors, ein knappes Jahr vor seinem Tod, erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke – und ja: Es lohnt sich, sie zu lesen.

Ulrich Kittstein: "Gottfried Keller. Ein bürgerlicher Außenseiter"
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. 512 Seiten, 48 Euro.

Ursula Amrein (Hrsg.): "Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung"
Metzler Verlag, Stuttgart. 463 Seiten, 24,99 Euro.

W. G. Sebald: "Logis in einem Landhaus"
Hanser Verlag, München. 188 Seiten, 19,90 Euro.

Paul Rilla: "Über Gottfried Keller. Sein Leben in Selbstzeugnissen und Zeugnissen von Zeitgenossen"
Diogenes Verlag, Zürich. 414 Seiten.

Adolf Muschg: "Gottfried Keller"
Suhrkamp Verlag, Berlin. 411 Seiten.

Thomas Böning u.a.: "Gottfried Keller: Sämtliche Werke in 7 Bänden"
Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M.

Carl Helbling: "Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in 4 Bänden"
Benteli Verlag, Bern.

Walter Benjamin: "Gottfried Keller. Zu Ehren einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke"
In: Literarische und ästhetische Essays, Gesammelte Schriften Bd. II/1
Suhrkamp Verlag, Berlin.

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