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StartseiteInterviewZum Abschiedsbesuch Vaclav Havels in Berlin17.01.2003

Zum Abschiedsbesuch Vaclav Havels in Berlin

Milan Horacek

<strong>Lange: </strong> Ein Abschiedsbesuch steht heute in Berlin an. Gut zwei Wochen bevor er aus dem Amt scheidet, kommt der tschechische Präsident Vaclav Havel heute in die Hauptstadt des Nachbarlandes. Seine Gesprächspartner dort wissen, was sie an ihm haben beziehungsweise gehabt haben. Vaclav Havel hat viel für sein Land ertragen als Häftling und verfemter Schriftsteller, als Bürgerrechtler der Charta 77. Er war die Schlüsselfigur in der Tschechoslowakei damals bei der Samtenen Revolution in Prag. Er hat später dafür gesorgt, dass die Tschechische Republik in die westliche Staatengemeinschaft integriert wird, und ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass sich das deutsch-tschechische Verhältnis weitgehend entkrampft hat. Über diesen Abschied und das, was nach Vaclav Havel kommt, wollen wir nun mit Milan Horacek sprechen, einst Bürgerrechtler wie Havel, dann Mitbegründer und einer der ersten Bundestagsabgeordneten der Grünen, heute Leiter des Prager Büros der Heinrich-Böll-Stiftung. Herr Horacek, wissen die Tschechen wirklich zu schätzen, was sie an dem Politiker und Präsidenten Vaclav Havel hatten?

Horacek: Das glaube ich schon. Das kriegt man mit, wenn man in Prag lebt. Es ist natürlich immer so, dass es aus verschiedenen Gründen auch Differenzen gibt, aber insgesamt glaube ich, ist er doch der Politiker, der den größten Zuspruch bekommen hat.

Lange: Wie wird denn seine Amtszeit und seine Amtsführung von den Bürgern gesehen?

Horacek: Insgesamt positiv. Also die Umfragergebnisse sind im Großen und Ganzen positiv, aber es gibt auch einen Teil der Bevölkerung, meistens Kommunisten oder Mitglieder der Kommunistischen Partei, die etwas unzufrieden gewesen sind und ihn immer wieder kritisieren, weil er sie die ganze Zeit zum Beispiel nicht auf die Burg geladen hat. Das ist auch verständlich. Er hat sie nicht ausgegrenzt, aber er hat schon ziemlich deutlich gemacht, dass es auch damit zu tun hat, dass nämlich die Kommunistische Partei bis heute nicht die Positionen revidiert hat, die sie vertreten hat. Nach wie vor ist für sie zum Beispiel die ganze Bewegung, die Okkupation der Tschechoslowakei 1968 positiv. Nicht nur weil er ein ehemaliger Dissident ist und mehrmals im Gefängnis war usw., aber ein Freigeist, ein Philosoph, ein Dichter kann dann nicht solche Menschen positiv beurteilen.

Lange: Ist denn Havel jetzt weiterhin Vorbild oder Leitbild, oder gehört er einer Zeit an, die jetzt eigentlich auch in Tschechien vorbei ist?

Horacek: Das ist eine gute Frage, weil sich die Gesellschaft natürlich auch in Tschechien entwickelt. Einerseits gab es eine ziemlich rasante Entwicklung nach 1990, in der ein Teil, vielleicht sogar ein größerer Teil der Bevölkerung verfallen ist in eine Stimmung, dass wenn man sozusagen nur will, dann kann man aus dieser verengten und im Grunde beschränkten kommunistischen oder normalisierten sozialistische Gesellschaft eine freie demokratische, eine kapitalistische Gesellschaft entwickeln, und es hat sich gezeigt, dass es aus vielen Gründen nicht so einfach ist. Weil aber in einem Teil der Bevölkerung auch eine gewisse Gläubigkeit ist, dass der Präsident alles aus der Burg richtet, haben sich dann auch logischerweise einige Enttäuschungen auf den Havel gerichtet. Er war der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, und er ist nach der Teilung 1992 der Tschechischen Republik dennoch, sagen wir, eine große Respektsperson geblieben.

Lange: Was kommt denn jetzt nach Havel? So wie die Präsidentenwahl bislang abgelaufen ist, lässt das doch nicht erwarten, dass sein Stil unbedingt als Maßstab genommen wird.

Horacek: Das ist auch eine sehr gute Frage, weil Havel auch schon eine Ausnahmeerscheinung ist. Es ist doch auch sein ganzer Lebensweg und sozusagen auch sein politischer Weg ein besonderer gewesen. Im Frühjahr 1989 war er im Gefängnis, und am Ende des Jahres wurde er zum Präsidenten gewählt, und in seiner Präsidentschaftszeit kam die Teilung mit der Slowakei, die kam aber dann friedlich, und das Land wurde unter ihm in die NATO eingeführt, und jetzt wurden wir zu der EU eingeladen. Also es ist schon deutlich - die Wahl vorgestern hat gezeigt, dass es nach drei Runden immer noch nicht gelungen ist, einen überzeugenden Kandidaten zu wählen -, dass es mit Vaclav schon eine Ausnahmezeit war; so eine Persönlichkeit hat man einmal in 100 Jahren.

Lange: Kommen wir auf das deutsch-tschechische Verhältnis zu sprechen. Da hat er dafür gesorgt, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen kein Tabuthema mehr ist, aber die Benes-Dekrete sind immer noch in der Welt. Sehen Sie Möglichkeiten, diese Frage einmal so zu regeln, dass alle Betroffenen damit ihren Frieden machen können, oder ist jetzt eigentlich die letzte Chance damit verstrichen?

Horacek: Chancen sind nie verstrichen. Ich glaube schon, was die Benes-Dekrte angeht, dass es früher oder später schon zu einer ehrlichen Betrachtung kommt, denn das, was nach dem Zweiten Weltkrieg passiert ist, war natürlich kein Ruhmesblatt für die Entwicklung der gesamten Geschichte. Man weiß und muss es richtig einordnen, zuerst war natürlich die Okkupation des Hitler-Regimes, was aber dann mit der Vertreibung der Deutschen passierte war nicht nur Unrecht, es waren Verbrechen, die reflektiert und diskutiert werden müssen. Die Benes-Dekrete betrafen nicht nur die Sudetendeutschen. Es ist verständlich, dass hier nur die Problematik der Sudetendeutschen angesprochen wird, aber die Benes-Dekrete waren eigentlich der erste Schritt zu der kommunistischen Wirtschaft. Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern wurden enteignet. Es wurden Bauern, die über 250 Hektar Land besaßen, enteignet usw. Das waren schon die ersten Schritte, und sie betrafen die gesamte tschechoslowakische Gesellschaft.

Lange: Also es gibt auch ein innenpolitisches Interesse, diese Fragen aufzuklären?

Horacek: Das wird früher oder später kommen.

Link: Interview als RealAudio

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