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StartseiteKultur heuteZum letzten Mal10.05.2009

Zum letzten Mal

Drei Uraufführungen bei der "Langen Nacht der Autoren" in Hamburg

Das Hamburger Thalia Theater zählte in den letzten Jahren zu den Stellen, an denen ganz entschieden das Neue gefördert wird. Neue Stücke, neue Autoren – darum geht es bei den Hamburger Autoren-Theatertagen, die jetzt zum neunten und letzten Mal stattfanden. Denn mit dem Wechsel von Thalia-Intendant Ulrich Khuon an das Deutsche Theater Berlin, nimmt er diese Werkschau zeitgenössischer Stücke mit und führt sie dort weiter.

Von Hartmut Krug

Das Thalia Theater in Hamburg (Arno Declair)
Das Thalia Theater in Hamburg (Arno Declair)

Es beginnt mit einem poetischen Bild: Große, weiße Schirme schweben über der leeren Bühne, über die einige skurril-poetische, ganz in sich gekehrte Figuren wandern, bis plappernde Weißkittel-Paare dazukommen und sie hinaus- und abführen. Nur eine Frau wehrt sich und kehrt protestierend mehrmals zurück, worauf sich jedes Mal mehr Krankenwärter um sie bemühen. Wenn sich dann die Weißkittel zum morgendlichen Rauchertreffen um ein Kofferradio versammeln, sendet das über den jetzt heruntergelassenen Sonnenschirmen schwebende "Radio Rhapsodie" schlimme Nachrichten und beruhigende Musik.

Die Menschen ziehen sich im Rhythmus von Led Zeppelins Song "Kashmir" die Kittel aus, cremen sich ein und lassen sich zum Wohlfühlbild in Badekleidung in Liegestühlen, obwohl die Radiomoderatoren über ein Erdbeben berichten, das in wenigen Stunden ihre Anstaltsinsel vernichten und sie alle töten wird. Was sie zwar dazu bringt, sich zitternd zu kratzen, doch sie behaupten weiter im Chor, "Aber wir sind doch glücklich" und bekräftigen dies mit der Liedzeile "and thousand kisses deep."

Regisseur Andreas Kriegenburg hat dieses lange Vorspiel als theatrales Beeindruckungsmaterial zu Anja Hillings Stück "Radio Rhapsodie" hinzuerfunden. Er lässt das meiste, was von und über die vier nicht zueinander findenden Paare, die sich in Anja Hillings Stück bei drohendem Weltende weiterhin als individuelle Gefühlssucher betätigen, vom Chor der Schauspielstudenten brüllen. Kriegenburgs Kunstfertigkeiten verkitschen leider Anja Hillings Stück, das zwar nicht zu ihren besten gehört, doch als Denkmodell einige Schärfe besitzt.

Es ist ein Stück über unsere Zeit. Die Klimakatastrophe, ja die Apokalypse droht, doch niemand tut etwas, und eine kommentierende Medienmaschine lullt uns ein und läuft einfach weiter. Niemand nimmt etwas anderes wahr als nur sich selbst, ohne dabei wirklich bei und mit sich zu sein, und alle Figuren sind mit ihren Lebensgeschichten nur Stoff, gemacht von und für die Medien. Statt "echter" psychischer gibt es nur "Medienkrankheiten": So gibt es einen Stalker, einen alten Filmstar und eine wunderschöne Frau, die sich sexuell und sehnsüchtig mit Tieren vereint (Stichwort Raubbau an der Natur), es gibt einen Triebtäter und einen Mann, der sich für einen Heavy-Metal-Star hält. Aber weniger um Liebe und um deren Beziehungen geht es in diesem Stück, in das die Autorin allzu viele Bedeutungsebenen eingezogen hat, sondern um ein Bild für unsere Welthaltung.

Mit Anja Hillings Stück begann gestern die letzte Hamburger "Lange Nacht der Autoren" am Thalia Theater. Doch eigentlich hatte sie bereits am 25. April begonnen, bevor sie mit dem noch-Thalia-Theater-Intendanten Ulrich Khuon von Hamburg an dessen neue Wirkungsstätte, das Deutsche Theater in Berlin, zieht. Am 25. April nämlich eröffnete Armin Petras mit der Uraufführung seines Stückes "Rose - Oder die Liebe ist nicht genug" die Autorentheatertage. Da es diesmal vier neue Stücke gab, hätten diese, an einem Abend gespielt, die "Lange Nacht" gar zu lang dauern lassen. Gezeigt wurden vier Stücke als Ergebnis von Werkaufträgen an Autoren, die die "Lange Nacht" geprägt haben, inszeniert von renommierten Regisseuren, die hier bereits andere Stücke dieser Autoren inszeniert hatten. Was es diesmal nicht gab, waren Experimente, eine Vorauswahl durch einen Juror und einen Wettbewerb, sondern eine "best-of"-Werkschau."

Lukas Bärfuss Stück "Amygdala", benannt nach einem Gebiet in unserem Gehirn, das für emotionale Reaktionen zuständig ist, beschäftigt sich auf zugleich tiefgründige wie komödiantisch direkte Weise mit menschlichen Verhaltensweisen bei gesellschaftlichem Stress. Bärfuss gelang ein intelligentes Stück, das ein wunderbares Angebot für spielfreudige Schauspieler ist und in Hamburg von diesen mit Wonne für sich und die Zuschauer genutzt und von Stephan Kimmig wirkungskräftig und sensibel inszeniert wurde. Es geht auf oft urkomische Weise um die neurophysiologische Frage, wie das Verhalten und die Gefühle von Menschen entstehen und beeinflussbar sind. Gezeigt werden auf einer Bühne mit einem schäbigen Labor, wie zwei Pat- und Patachonartige Männer als Probanden in einem altruistischen Test immer wieder an sich und dem anderen scheitern. Sie agieren panisch aggressiv und hyperaktiv, während eine desorientiert panische Frau im Wald ein wildes Tier getroffen haben will, dem sie ins Auge schaute und entdeckte, dass in ihrer Seele völlige Leere herrscht. Ihr Ehemann, der Hirnphysiologe aus den Tests, wird vom Besuch einer wissenschaftlichen Koryphäe in total übersteigerte Selbstzweifel getrieben, eine Szene, die der Schauspieler Peter Jordan zu einem virtuosen Solo nutzt, und ein Freier spielt mit einer Prostituierten sein Testspiel über die Manipulierbarkeit des Menschen.

Gegen dieses Stück hatte René Polleschs "JFK", das die Anfangsbuchstaben der Schauspielernamen zitiert, keine Chance. Das seit Dezember wohl fünfte Stück des Regisseurs und Autors, nächste Woche wird ein weiteres in Stuttgart folgen, variiert so routiniert wie uninspiriert sein Diskursmaterial über die Wirklichkeit des Schauspielers und das Schauspielen. Das Ganze macht inszenatorisch wie dramaturgisch den Eindruck, als habe Pollesch mal eben seinen Zettelkasten ausgeschüttet. So endet die erfolgreiche Ära der Hamburger "Langen Nacht der Autoren" bei ihrer überlangen neunten und letzten Ausgabe insgesamt mit einem durchaus gemischten Ergebnis.

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