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StartseiteKultur heute"Die politische Krise des Ostens darf keine nationale werden"02.10.2018

Zum Tag der Deutschen Einheit 2018"Die politische Krise des Ostens darf keine nationale werden"

Für viele sei der Übergang von der DDR zum wiedervereinigten Deutschland hart gewesen, sagte die Schriftstellerin und ehemalige DDR-Sportlerin Ines Geipel im Dlf. Doch sie beobachtet auch, dass die Diktaturerfahrung als Verantwortungsentlastung missbraucht werde. Der Osten hocke mental noch immer in der Diktatur.

Ines Geipel im Gespräch mit Michael Köhler

Die Schriftstellerin Ines Geipel (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Michael Köhler: Morgen ist "Tag der Deutschen Einheit". Wir wollen nicht über Bevölkerungsschwund und ungleiche Lebensverhältnisse sprechen, sondern über Gewalt, Ausschreitungen und Wut.

Die Schriftstellerin und Publizistin sowie ehemalige DDR-Spitzenathletin Ines Geipel befasst sich viel mit Fragen der deutschen Einigungsgeschichte und falschen Opfermythen. Sie hat ein Buch über "Generation Mauer" geschrieben, zuletzt einen Roman vorgelegt, "Die Tochter des Diktators", und veröffentlicht Anfang kommenden Jahres ein Buch mit dem Titel "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass." Darin fragt sie nach den Wurzeln der Wut.

Die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland, die Demos in Chemnitz nach der tödlichen Messerattacke, die Abberufung eines Verfassungsschutzpräsidenten, infolgedessen eine taumelnde Koalition, im Frühjahr die "Dresdner Erklärung" über angebliche illegale Masseneinwanderung und gestern die Festnahme offenbar gewaltbereiter Rechtsextremer unter dem Namen "Revolution Chemnitz":  Ein normales Jahr der Einigungsgeschichte ist 2018 nicht, oder?

Ines Geipel: Na ja. Es merkt ja jeder, dass wir in einer mehr als unruhigen, auch sogar brenzligen Situation stecken und dass wir schauen müssen, dass diese politische Krise des Ostens nicht zu einer nationalen wird.

Frivole Ersatzdiskussion

Köhler: Richard Schröder, der Theologe und ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende der frei gewählten Volkskammer der DDR, hat gesagt: Das Volk der Ostdeutschen ist erst nach der deutschen Vereinigung entstanden. – Eine gewagte These. – Was er damit auch sagen will: Von der Dominanz der Westdeutschen im Osten zu reden und ihrer Demütigung durch selbige, wolle er nicht sprechen, könne er nicht, und er hält davon auch nichts. Und ich glaube, Sie auch nicht, oder?

Geipel: Es ist ja ein bisschen merkwürdig. Ich höre jetzt im Radio immerzu, dass ich eine Abgehängte bin, dass ich eine Enttäuschte bin. Jede Partei erzählt mir, dass es mir schlecht geht. Gestern lese ich im "Tagesspiegel", dass der Westen sich beim Osten entschuldigen muss. Ich glaube, da können wir uns doch nicht ewig dran aufhalten, dass die Implosion einer Diktatur ein harscher Vorgang ist. Da werden Fehler gemacht, da gibt es ohne Frage auch Opfer. Für viele war der Übergang hart, für manche sehr hart. Das gehört alles besprochen und aufgearbeitet. Aber das merken wir doch auch, dass Diktaturen per se auch Verantwortungsentlastung sind, und in meinen Augen verharrt der Osten in dieser Entlastung seit mittlerweile 80 Jahren. Das heißt, er hockt mental immer noch in der Diktatur, und ich halte diese immer lauter werdende Demütigungs- oder Opfererzählung, das halte ich wirklich für eine ausgesprochen frivole Ersatzdiskussion. Das ärgert auch richtig. Und am Ende ist es ja auch eine Umschreibung. Ich finde es auch merkwürdig ahistorisch und auch apsychologisch.

Köhler: Westdeutsche Fremdbestimmung plus Demütigungserfahrung ergibt ostdeutschen Hass. So eine Formel ist zu einfach, weil Sie sagen, diese Opfererzählung hat auch entlastende Funktionen?

Geipel: Ja, der Westen ist natürlich jetzt immer schnell zu pass, weil man sich dahinter wunderbar auch verstecken kann. In meinen Augen hat der ostdeutsche Hass einen ewig langen Faden, und er hat auch vor allen Dingen mit der Destruktionsgeschichte im Osten zu tun. Diese innere Kapsel der enormen Gewalt, Angst, die Traumageschichte, die ist noch nicht aufgebrochen beziehungsweise sie bricht gerade auf, aber eben so, dass sie kaum noch einzufangen ist. Es geht um den enormen Wunsch nach Zerstörung, nach Selbstzerstörung, um fehlende Autonomie über das eigene Leben, innere Leere. Das sind ja alles Diktaturschäden. Es hat Wucht, es stört auf, man wird bemerkt, aber das hat mit Demokratie nichts zu tun.

Ostdeutsche Geschichtslüge

Köhler: Sie haben von der Destruktionsgeschichte gerade gesprochen. Soweit ich Sie kenne, auch aus Gesprächen mit Ihnen bisher, weiß ich, dass Sie der Auffassung sind, dass die Gewalt- und Brutalitätsgeschichte des Ostens noch nicht geschrieben ist. Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, zwei Diktaturen sind einfach eine zu viel.

Geipel: Na ja. Wir sehen ja, dass dieses Ostding auch wirklich kompliziert ist. Da muss man ein paar Mal um die Ecke denken. Und das ist, wenn wir diese Oberflächenphänomene medial abfragen, fast nicht zu machen. Was fehlt: Die Schuldfrage im Osten im Hinblick auf die erste Diktatur ist nicht geklärt. Bei der zweiten schon gar nicht, weil man schon gar nicht mehr von Diktatur sprechen darf. Es ist nicht klar, wie die erste Diktatur in der zweiten rezipiert wurde. Und zu diesem Double Bind eins und zwei kommen wir auch nicht in einem Gespräch. Das Problem ist natürlich auch, dass diese ostdeutsche Geschichtslüge, diese Abwehr, diese Verleugnung ja durch den Westen auch ganz ordentlich promotet wird, aus den unterschiedlichsten Gründen. Und was mir in dem aktuellen Zusammenhang sehr auffällt, ist, dass es wirklich eine regelrecht schreiende Diskrepanz gibt zwischen dem, was in der aktuellen Geschichtsforschung/-schreibung passiert, wo ganz klar der Osten, die DDR (nicht nur Diktatur, sondern es geht um Totalitarismus) ganz klar beschrieben und analysiert wird, und im öffentlichen Diskurs haben wir diese Pittiplatsch-Erklärung. Und diese wirklich sehr große Diskrepanz, ich glaube, die sollten wir schließen, zwischen einer sauberen historischen Arbeit und der Notwendigkeit, diese Härtesubstanz des Ostens wirklich auch ins Mentale zu holen, in die Gefühlswelt der Menschen, und das hat dann am Ende natürlich auch immer mit Familiengeschichten zu tun.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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