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StartseiteKultur heuteEmotional, nie sentimental17.12.2015

Zum Tod der Mezzosopranistin Stella DoufexisEmotional, nie sentimental

Alle großen Opernhäuser in Deutschland und Europa haben sie gebucht. Wenn man ihren Gesang charakterisieren sollte, stehen seltene Adjektive zur Auswahl: warm, honigfließend, engelhaft. Die Stimme einer großen Sängerin ist für immer verstummt. Am Dienstag ist Stella Doufexis im Alter von 47 Jahren in Berlin gestorben.

Von Uwe Friedrich

Stella Doufexis an der Komischen Oper in Berlin im Stück "Xerxes" von Georg Friedrich Händel (picture-alliance / dpa)
Stella Doufexis an der Komischen Oper in Berlin im Stück "Xerxes" von Georg Friedrich Händel (picture-alliance / dpa)
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Den zögernden Dänenprinzen Hamlet hatte ihr Ehemann Christian Jost für die Mezzosopranistin Stella Doufexis komponiert. Ein burschikoser Jüngling stand im Juli 2009 auf der Bühne der Komischen Oper Berlin, erinnerte von fern an die Stummfilmschauspielerin Asta Nielsen, die den Hamlet einst auch spielte. Sie sang so feinnervig und untergründig angespannt, so zwanglos und natürlich, fernab von jedem Mezzosopranklischee. Damit entwickelte sie einen alptraumhaften Sog, dem sich kaum jemand entziehen konnte.

Aber Stella Doufexis konnte nicht nur ernst und verzweifelt auf der Bühne sein. Ihr komödiantisches Talent zeigte sie als lustvoller Perserkönig Xerxes in Stefan Herheims Inszenierung der gleichnamigen Händeloper, ebenfalls an der Komischen Oper, deren Ensemble sie von 2005 bis 2012 angehörte. Hier probierte sie auch den Octavian im "Rosenkavalier" aus, eine Rolle, die sie ebenfalls mit großem Erfolg auf internationalen Bühnen sang, etwa bei Christoph Waltz Debüt als Opernregisseur in Antwerpen vor ziemlich genau zwei Jahren. Nie ruhte sie sich bequem in luxuriösem Klang aus, sondern holte aus jedem Werk das Äußerste an Emotion, ohne sich dem Zuhörer jemals sentimental aufzudrängen.

Phänomenale Bühnenpräsenz

Stella Doufexis studierte in Berlin bei der legendären Ingrid Figur, aus deren Klasse auch die Sopranistinnen Christine Schäfer und Claudia Barainsky hervorgingen. An der Hochschule der Künste unterrichteten damals auch der Komponist Aribert Reimann und der Pianist Axel Bauni, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeitete. Zeitgenössische Musik gehörte zentral zu ihrem Künstlerleben, auch das ist unter Opernsängern nicht selbstverständlich. Ihr Verständnis für musikalische Strukturen wirkte sich dann wiederum auf ihre Interpretationen der klassischen und romantischen Musik aus. Reproduktion nur weil es schön ist und weil man es kann, das war ihr spürbar zu wenig. Sie probierte lieber Neues aus. Gerade auf der Opernbühne erfordert das besonderen Mut, denn das tendenziell konservative Opernpublikum hat häufig ein genaues Bild davon im Kopf, wie beispielsweise eine Carmen auszusehen und zu klingen hat.

Die zerbrechliche, eher herb timbrierte Sängerin hatte es da schwer in der umstrittenen Inszenierung von Sebastian Baumgarten, ebenfalls an der Komischen Oper Berlin. Wenn sie sich über die gemischte Publikumsreaktion geärgert oder auch nur gewundert hat, so hat sie es nicht gezeigt, auch das gehörte zu ihrer äußerst professionellen Haltung. Sie teilte ihre Kunst extrem großzügig mit dem Publikum. Auch im Gespräch war Stella Doufexis außerordentlich freundlich, nachdenklich und diskussionsfreudig. Wie auf der Bühne kam sie in Hochform, wenn sie sich am Partner reiben konnte, um Energie für sich und ihr Gegenüber daraus zu gewinnen.

In München, Stuttgart, Barcelona, Frankfurt oder Brüssel stand sie auf den großen Opernbühnen, auch als Konzertsängerin war sie sehr präsent und musizierte immer wieder mit den bedeutendsten Dirigenten unserer Tage. Trotz einer langen Krankheit übte sie ihre Kunst weiterhin aus, hätte noch in der vergangenen Woche mit dem Deutschen Symphonie-Orchester das Mozart-Requiem aufführen sollen, dass sie kurz vorher absagen musste. Auch mit der Komischen Oper waren weitere Inszenierungen verabredet. Von der herausragenden Künstlerin Stella Doufexis bleiben außer den Erinnerungen an ihre phänomenale Bühnenpräsenz einige vorbildliche Aufnahmen besonders des französischen Liedrepertoires. Am Dienstag ist sie mit nur 47 Jahren in Berlin gestorben.

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