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StartseiteBüchermarktDichten heißt Gott verstehen30.04.2019

Zum Tod des australischen Lyrikers Les MurrayDichten heißt Gott verstehen

Mit 80 Jahren starb Australiens bedeutendster Lyriker Les Murray. Er galt seit langem als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis. Aufgewachsen auf einer Farm, waren die Natur und Bewohner des Outbacks ein zentrales Thema seiner Lyrik. Als sein wichtigstes Werk gilt das Versepos "Fredy Neptune" von 1998.

Michael Braun im Gespräch mit Gisa Funck

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Der Lyriker Les Murray 2003 (imago stock&people /Christian Thiel)
Der Lyriker Les Murray 2003 bei einem Besuch in Berlin (imago stock&people /Christian Thiel)
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Gisa Funck: Der gestern verstorbene, 1938 geborene Dichter Les Murray galt als der bedeutendste Lyriker Australiens. Hallo, Herr Braun, vielleicht sagen Sie uns als erstes: Was hat Les Murray als Dichter eigentlich so herausragend gemacht? Was war an seiner Lyrik spezifisch?

Michael Braun: Ja, da kann man zuallererst vielleicht einen seiner Gedichtbände nennen: "translations from the natural world". Also: "Übersetzungen aus der Natur": Das ist das, was dieser Welt-Poet, der weit über den Radius Australiens bekannt war, ein Welt-Poet, der ja auch ein potentieller Kandidat für den Literaturnobelpreis war, also "Übersetzungen aus der Natur", das war genau das, was Murray in den 30 Gedichtbänden in seinem Lebens produziert hat. Eine religiös inspirierte Spielart von Naturdichtung, die man in Australien einst auch "bush poetry" genannt hat.

Religiös inspirierte Naturdichtung

Aber Les Murray ist darüber hinausgewachsen. Was er tat, war quasi die Schöpfung zu wiederholen in seinen Gedichten, "to the glory of God". "Zur Ehre Gottes": Das hat Les Murray über sein Werk als Motto geschrieben. Das ist eine zutiefst religiöse Naturpoesie, die er geschrieben hat.

Funck: Les Murray hat zeit seines Lebens fast 30 Bücher veröffentlicht. Und ab den 90er Jahren hat er diese Bücher überschrieben mit: "Zum Ruhme Gottes". War er denn ein so tief religiöser Mensch?  

Braun: Er hat im Verlauf seines Studiums in den 50er Jahren (er hat unter anderem Deutsch studiert und auch exzellent Deutsch gesprochen), in dieser Phase ist er konvertiert zum Katholizismus. Und das hat offenbar auch seinen Blick auf die Welt, auf die Natur verändert, der war seitdem dann quasi religiös imprägniert.

Funck: Hatte er denn Vorbilder aus der Lyrik, die ihn inspiriert haben - oder war er ein Autodidakt?

Ein Versepos nach dem Vorbild von Homers Odyssee

Braun: Er war im Grunde ein Autodidakt. Aber wie viele Dichter hat er sich natürlich in die Dichtung hineingelesen, indem er die großen Vorbilder zu Rate gezogen hat. Er hat zum Beispiel natürlich auch das Versepos überhaupt, Homers Odyssee, gelesen. Und das hat ihn dann später dazu bewogen, vor zwanzig Jahren, also 1998, sein Opus Magnum zu schreiben.

Das ist ein Versepos, das sich "Fredy Neptune" nennt, nach dem Namen des Protagonisten. Dabei handelt es sich (wie bei der Odyssee auch) um eine Reise, nicht nur über verschiedene Meere, um an verschiedene Küsten zu gelangen, sondern auch um eine Reise durch das Zeitalter der Extreme. Das ist bei Murray das 20. Jahrhundert. Und in diesem "Fredy Neptune", in diesem Versepos, da kommt sein Protagonist eben in das Deutschland des Nationalsozialismus, in das kommunistische Russland und auch nach Amerika. Und er erlebt dort, immer auf verschiedene Weise, seine Kulturschocks.

Funck: Man kann dieses Werk "Fredy Neptune" also als eine Odyssee des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Inwieweit hat Les Murray sich dabei denn tatsächlich an Homer orientiert?         

"Fredy Neptune": Eine Reise durchs unheilvolle 20. Jahrhundert

Braun: Er hat sich nur sehr frei an Homer orientiert. In seinem Werk ist es dann (abweichend von Homer) nämlich so, dass sein Protagonist am Ausgangspunkt ein Trauma erleidet. Der erlebt, wie im Jahr 1915 in der Türkei ein Mensch bei lebendigem Leib verbrannt wird, und das führt bei ihm zu einem Trauma und zu einer Schmerz-Unempfindlichkeit - und löst eine Gefühlstaubheit bei ihm aus. Und so kann Murrays Protagonist, weil er keine Schmerzen mehr empfindet, sehr robust zu Werke gehen, wenn er danach in den verschiedenen Ländern mit Unheilsgeschichte konfrontiert wird: in Deutschland, in Russland und in Amerika.

Funck: Les Murray, geboren am 17. Oktober 1938 in Nabiac, das ist eine sehr ländliche Gegend in Südost-Australien, der war - muss man sagen - kein attraktiver Mann, er war relativ dick und außerdem als Einzelkind in der Provinz aufgewachsen. Und er selbst hat in Interviews immer wieder betont, dass diese Außerseiter-Erfahrung für ihn wichtig war als Auslöser zum Schreiben. Wie würden Sie das im nachhinein einschätzen?

Prägende Außenseiter-Erfahrung

Braun: Ja, Les Murray, ich durfte ihn auch schon im Gespräch erleben. Er war ein Koloss. Ein Koloss der Dichtung und auch in seiner äußeren Erscheinung ein Koloss. Er strahlte aber eine unglaubliche Gelassenheit und Weisheit aus, als ich ihm vor 15 Jahren begegnet bin. Natürlich, wenn man so eine Statur hat, ist man immer auch Außenseiter. Und man ist vielleicht auch Außenseiter, wenn man sich in Australien für deutsche Literatur interessiert. 

Auch sein Alter Ego im Versepos, dieser Fredy Neptune, der wird auch immer wieder geschmäht für seine deutsche Herkunft. Denn dieser Protagonist ist von deutsch-australischer Herkunft. Der heißt eigentlich Friedrich Adolf Böttcher.

Wechselvolle Editionsgeschichte

Funck: Es gab offenbar eine starke Affinität von Les Murray für Deutschland. Wie war denn dann eigentlich hier die Geschichte seiner Rezeption in Deutschland? Wie und wann wurde sein Werk in Deutschland wahrgenommen?

Braun: Man darf als Stichdatum hier das Jahr 1995 nennen. Da wurde Les Murray im deutschsprachigen Raum auf einen Schlag bekannt, als man ihm den Petrarca-Preis verliehen hat. Kurz danach erschien 1996 ein Auswahlband, der eigentlich bis heute die größte Fundgrube ist für das Werk von Les Murray: "Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen" hieß das Buch damals, im Hanser Verlag erschienen und in der Übersetzung von Margitt Lehbert, die fast alle dichterischen Werke, die auf Deutsch vorliegen, von ihm übersetzt hat - allerdings mit Ausnahme von "Fredy Neptune", also seinem berühmten Versepos, das Thomas Eichhorn übersetzt hat.

Funck: Und wie ging es dann weiter mit der Editionsgeschichte von Murrays Werk in Deutschland?

Enges Verhältnis zur deutschen Übersetzerin

Braun: Die Editionsgeschichte lief dann so weiter, dass sich mit Les Murray und seiner Übersetzerin Margitt Lehbert zwei gefunden hatten, die sehr stark aufeinander bezogen waren.

Margitt Lehbert hat in den Folgejahren dann selbst einen Verlag gegründet, die Edition Rugerup, die in Schweden ansässig ist und auch einen Sitz in Berlin hat. In dieser Edition Rugerup sind dann nach und nach sehr viele Werke von Les Murray auf Deutsch, in der Übersetzung von Margitt Lehbert erschienen. Und das hat vielleicht die Wirkung gehabt, nicht das größte Publikum zu erreichen. Aber es sind in fast allen Fällen exzellente Übersetzungen, die Margitt Lehbert angefertigt hat.

Die Editionsgeschichte seines Werkes ist also selbst eine kleine Irrfahrt, die Les Murray hier hingelegt hat: Vom Hanser Verlag hin zur Publikation des großen Versepos "Fredy Neptune" damals im Ammann Verlag - und dann eben weiter zu den Gedichtwerken, die noch kamen auf Deutsch, die dann in der Edition Rugerup herausgebracht wurden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.       

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