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StartseiteKultur heuteWarum Kunst nicht immer edel sein muss30.04.2020

Zum Tod des Kurators Germano CelantWarum Kunst nicht immer edel sein muss

Er verhalf der "Arte Povera", der Kunst aus gewöhnlichen, unedlen, "armen" Materialien wie Erde, Holz oder Glas, zu Weltruhm. Später arbeitete der Kurator Germano Celant an einigen der wichtigsten Museen in Europa und den USA. Im Alter von 80 Jahren ist der gebürtige Genueser nun gestorben.

Wulf Herzogenrath im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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 Germano Celant, Kurator für zeitgenössische Kunst am Guggenheim Museum New York, aufgenommen im Museum Deutsche Guggenheim in Berlin 2004 (dpa / Stephanie Pilick)
Arme Kunst und reiche Kunstwelt: der italienische Kurator Germano Celant 2004 in Berlin (dpa / Stephanie Pilick)
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Gerade einmal 27 Jahre jung war Germano Celant, als er der Kunstgeschichte den Begriff "Arte Povera" hinzufügte. Er veröffentlichte seine These von der Kunst, "Notes for a Guerilla", 1967 zunächst im Fachmagazin "Flash Art". Noch im selben Jahr folgte eine erste Ausstellung zum Thema in einer Galerie in Celants Geburtsstadt Genua, später dann eine zweite in Bologna. Die Kunst aus einfachen, "armen" Materialien stellte bewusst eine Gegenposition zur "Pop Art" dar, die gleichzeitig in den USA ihren Siegeszug um die Welt begann: italienischer Humanismus und Individualität gegen amerikanische Coolness und Serialität.

Eine "schillernd interessante" Persönlichkeit nante der deutsche Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath, ehemaliger Direktor der Bremer Kunsthalle, im Deutschlandfunk seinen Kollegen: "Für Italien war es fast typisch, dass ein – zunächst als Kritiker kunsthistorisch gebildet auftretender – Kollege institutionsfrei war." Im deutschsparchigen Raum seien Kuratorinnen und Kuratoren damals - mit Ausnahme von Harald Szeemann - in der Regel schon fest an Museen gebunden gewesen. Die seien für moderne Kunst in Italien aber erst in den 1990er-Jahren gegründet worden.

Alltagsgegenstände als Kunstwerk: eine Installation aus 4.600 Schnapsgläsern von Jannis Kounellis, Teil der Ausstellung "Translating China". (picture alliance / dpa / How Hwee Young) (picture alliance / dpa / How Hwee Young)Unter dem Begriff Arte Povera ("Arme Kunst") wurden ab Mitte der 1960er-Jahre die Arbeiten von überwiegend italienischen Künstlerinnen und Künstlern zusammengefasst, die bewusst mit scheinbar minderwertigen, unedlen Materialien wie Holz, Glas, Textilien, Fäden oder Erde arbeiteten: Marisa und Mario Merz, Giuseppe Penone, Giovanni Anselmo, Luciano Fabro, Eva Hesse, Micelangelo Pistoletto und Fabrizio Plessi gehörten zu ihnen. Sie setzen damit ganz bewusst eine Gegenposition zum Abstrakten Expressionismus in den USA, der auf jeden Bezug zur Wirklichkeit verzichten wollte und stattdessen auf die Kraft von Farbe und großer Geste setze. Und sie grenzten sich von der in Großbritannien und in Amerika etablierten "Pop Art" ab, die die Alltags- und Konsumwelt in großen, flachen, plakativen bunten Motiven als bildwürdig erklärten. Dem Kurator Germano Celant gelang es ab 1967, diese eigentlich individuellen Positionen unter einem Begriff zu einen - und über zahlreiche Ausstellungen auch erfolgreich zu vermarkten. (Das Bild zeigt eine Installation aus 4.000 Schnapsgläsern von Jannis Kounellis.)

"Intellektueller Kopf der Gruppe"

Germano Celant sei auch der intellektuelle Kopf der "Arte povera"-Bewegung gewesen, so Herzogenrath:

"Künstler lassen sich nicht gern in eine Gruppe einweisen, weil sie doch Einzelkämpfer sind. Das hat er brillant gemacht, indem er überall Ausstellungen mit Arte Povera selber initiierte oder es einbaute, was natürlich noch raffinierter war, in den großen Überblick über italienische Kunst. Das hat er im Centre Pompidou gemacht. Das hat er im Guggenheim gemacht, wo er auch eine Art fester Gastkurator war. Er hat die Internationalisierung geschafft."

"Kampf um Markt und Institutionen"

Dabei habe es immer auch Kontakte zum Handel gegeben, so Herzogenrath, "weil das in Italien, anders als bei uns in Deutschland, miteinander ging. Es war auch ein Kampf um den Markt und um die Institutionen."

Inhaltlich habe Germano Celant aber nie Einfluss genommen: "Er hat den Künstlern den Raum gelassen und sie selbständig arbeiten lassen." Das habe den Italiener zum Beispiel vom Franzosen André Breton unterschieden, an dessen inhaltlicher Einflussnahme schließlich die Gruppe der Surrealisten zerbrochen sei.

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