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StartseiteInterview"Niki Lauda war ein Kopfmensch"21.05.2019

Zum Tod des österreichischen Rennfahrers"Niki Lauda war ein Kopfmensch"

Niki Lauda sei einer der wenigen Menschen gewesen, der innerhalb der Formel 1 volle Freiheiten genossen habe, sagte Motorsport-Experte Anno Hecker ("FAZ") zum Tode des ehemaligen Rennfahrers im Dlf. Lauda habe nie versucht, die Formel 1 zu verklären. Das sei bei den Fans gut angekommen.

Anno Hecker im Gespräch mit Christiane Kaess

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Niki Lauda beim Großen Preis von Tschechien am 16.08.2015 in Brno (Vaclav Salek/CTK/dpa)
Hatte Freiheiten in der Formel 1 wie kein Zweiter: Niki Lauda (Vaclav Salek/CTK/dpa)
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Christiane Kaess: "Ich habe es satt, blöd im Kreis herumzufahren." Das sagte Niki Lauda nach seinem ersten Rücktritt als Rennfahrer 1979. Es gibt viele selbstironische Zitate aus seinem Leben. Unter anderem deshalb kam er bei seinem Publikum gut an. In der vergangenen Nacht ist Niki Lauda im Alter von 70 Jahren verstorben.

Über Niki Lauda kann ich jetzt sprechen mit Anno Hecker. Er ist Motorsportexperte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Guten Tag, Herr Hecker.

Anno Hecker: Guten Tag, Frau Kaess.

Kaess: Was behalten Sie denn von Niki Lauda in Erinnerung?

Hecker: Ich würde sagen, vor allen Dingen seine Geradlinigkeit im Motorsportgeschäft, zumindest in der Formel 1, wo ich ihn ja über viele Jahre auch erlebt habe, seine Aufrichtigkeit in den Gesprächen. Das ist das, was der Formel 1 sehr fehlen wird.

Häufig gesprochen über die Fehlentwicklungen

Kaess: Sie sagen, Sie haben ihn viel erlebt. Sind Sie ihm persönlich begegnet und konnten mit ihm sprechen?

Hecker: Ja, sehr häufig. Man kann sagen, seit 1991 sehr intensiv zuerst, jetzt nicht mehr so intensiv, aber immer wieder bei Rennen und auch im letzten Jahr noch, bevor er dann noch im Juli, ist es, glaube ich, gewesen, nicht mehr an der Rennstrecke auftauchte, haben wir relativ häufig gesprochen über die Entwicklungen der Formel 1 und auch über die Fehlentwicklungen.

Anno Hecker, FAZ-Sportchef (Jessica Sturmberg)Anno Hecker, FAZ-Sportchef (Jessica Sturmberg)

Kaess: Als was für einen Menschen würden Sie ihn denn beschreiben?

Hecker: Das ist sehr schwer zu sagen, weil ich ja nur einen beruflichen Kontakt mit ihm hatte. Ich kann über sein Privatleben gar nichts sagen. Aber im beruflichen Leben kann ich nur wiederholen, dass er tatsächlich sehr direkt gewesen ist, dass er vor nichts Angst gehabt hat, vor niemandem, dass er eigentlich – und das ist vielleicht das Interessanteste in der Formel 1 – einer der wenigen Menschen gewesen ist, der volle Freiheiten genossen hat oder sich auch erkämpft hat. Er konnte im Grunde fast tun und machen was er wollte. Er konnte sein eigenes Team kritisieren, übrigens ja auch interessanterweise als RTL-Kommentator. Gleichzeitig als Aufsichtsratschef, wie eben angekündigt, seines Teams hat er quasi nach dem Rennen erklärt, was gut und schief gelaufen ist, und hat das interessanterweise in einer doch ja recht distanzierten Art getan, so dass man immer sagen konnte am Ende, er hat da sich selbst repräsentiert, sich, Niki Lauda, die Marke der Formel 1.

"Niki Lauda war ein Kopfmensch"

Kaess: Woher kam diese Freiheit? Woher hatte er die? Oder warum hatte er die? Warum konnte er sich mehr leisten als andere, wie Sie das gerade beschrieben haben?

Hecker: Ich glaube, das hängt stark auch mit seiner Biographie zusammen, möglicherweise auch stark mit diesem schweren Unfall am 1. August 1976, den er ja eigentlich nur knapp überlebt hat, auch mit diesen schweren Verbrennungen im Gesicht. 42 Tage später wieder im Rennwagen zu sitzen, das wird ein bisschen verklärt als Heldentum. Er sah das eher als logische Konsequenz, denn er hatte einfach Angst vor den Folgen, wenn man zu lange grübelt.

Ein Kopfmensch! Niki Lauda war ein Kopfmensch, ein intelligenter Mensch, der genau wusste, was passieren kann, der sich selbst therapiert hat, aus meiner Sicht. Das ist sehr stark angekommen in der Formel 1 und das hat er fortgetrieben, im Grunde bis zu seinen letzten Auftritten im letzten Frühjahr in der Formel 1. Er hat nie versucht, die Formel 1 zu verklären, sondern er hat immer versucht, auf den Punkt zu kommen, und das ist sehr stark bei den Zuschauern angekommen, weil sie ja sehr komplex ist. Er war im Grunde der Übersetzer der Formel 1 und das hat den Leuten sehr imponiert, und so hat er unglaubliche Freiheiten genossen.

Kaess: Viele sagen, er war ein Stehaufmännchen, im Beruflichen wie im Privaten. Würden Sie ihn auch so beschreiben?

Hecker: Ja, das kann man schon an der Biographie erkennen. Der Unfall war so schwer, dass die Ärzte ja 76 gesagt haben, es war ein Wunder, dass er das überlebt hat. Dann ist er im folgenden Rennen Vierter geworden. Er hat dann das letzte Rennen dieser Saison vorzeitig aufgegeben, weil es so regnete und er sagte, ich riskiere mein Leben nicht noch einmal. Er hat in einer Zeit gelebt, in der fast jährlich ein Pilot ums Leben gekommen ist, und wusste, dass es diese Risiken gibt. Ich würde sagen, er ist mit dem Kopf durch das Leben gefahren. Die große Tragödie mit dem Flugzeugabsturz 1991 hat ihn lange Zeit sichtlich bewegt. Da gibt es auch Kritik, die ich allerdings nicht so einschätzen kann, weil ich seine Geschäfte und sein Geschäftsgebaren auch nicht kenne. Aber er war sicherlich jemand, an dem das nicht spurlos vorübergegangen ist, obwohl er mir wiederholt gesagt hat, dass er im Leben eigentlich gar keine Freunde habe.

Der erste, der mir einem Fitness-Coach zusammenarbeitete

Kaess: Was hat er für den Motorsport bedeutet?

Hecker: Er war jemand, der zu einem Zeitpunkt in den 70er-Jahren, als die Formel 1 so als Playboy-Gruppe galt – nach den Rennen wurde dann gefeiert, geraucht, getrunken, man hielt sich am Pool auf. Das war der extreme Punkt zu den Gefahren und den Risiken am nächsten Sonntag. Mitunter wusste der Pilot ja nicht, ob er am Nachmittag das Hotelzimmer wiedersehen würde. In dieser Phase ist Lauda mit dem Kopf vorausgegangen und hat für sich entschieden, ich mag nicht der Talentierteste sein am Lenkrad - wir reden jetzt von einem sehr hohen Niveau -, sondern ich muss mir das erarbeiten und analysieren. Da hat das begonnen, was Michael Schumacher später fortgesetzt hat: Fitness-Training, Strategien, das Ausnutzen der kognitiven Fähigkeiten. Das hat er eigentlich als erster in dieser Phase – ich will jetzt nicht in die 60er- oder in die 30er-Jahre zurückgehen; da überschätzen Sie jetzt mein Wissen -, aber das ist ganz bedeutend eigentlich gewesen, der erste, der auch mit einem Fitness-Coach gearbeitet hat und das vorangetrieben hat, die Modernisierung des Piloten zu einem kompletten Sportler auch, wenn man so will.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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