Mittwoch, 01.04.2020
 
Seit 19:15 Uhr Der Kultur-Abend
StartseiteBüchermarktEin souveräner und streitbarer Geist04.02.2020

Zum Tod des Philosophen George SteinerEin souveräner und streitbarer Geist

George Steiners Denkstil war eine aparte Mischung aus kontinentaleuropäischer Metaphysik und englisch-analytischer Skepsis. Er war kein textfrommer Philologe, vielmehr nahm er sich die Freiheit eines souveränen Geistes. Am Montag starb der große Philosoph und Meister des Lesens im Alter von 90 Jahren.

Von Thomas Palzer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
George Steiner (picture alliance / Effigie / Leemage)
"Von der frühesten Kindheit ab - meinem Vater Dank - habe ich sehr systematisch gelesen" - Francis George Steiner (picture alliance / Effigie / Leemage)
Mehr zum Thema

Buch der Woche Hoffnung auf den unermüdlichen Leser

Grammatik der Schöpfung

Belege für die nie endende Schöpfung

George Steiner war ein erzählender Philosoph, jemand, der Gedanken dichtete. Zwischen Philosophie und Poesie gab es für ihn keinerlei Unterschied. In Platon sah er einem so großen Dramatiker wie in Shakespeare. Mit dieser Haltung erwies er sich als ausgesprochen unzeitgemäß – denn sie widersprach dem angestrengten Versuch der Geisteswissenschaften, es den Naturwissenschaften an Präzision und Wissenschaftlichkeit nachzutun. Dem stand Steiner misstrauisch, wenn nicht ablehnend gegenüber. Seine Bücher, zumal Gedanken dichten - das im Original als "Poetry of Thoughts" 2011 publiziert wurde - legen davon Zeugnis ab.

Sprache ist keine Terminologie

Die Gedankenwelten, die seine Essays eröffnen – von der "Grammatik der Schöpfung" über "Die Logokraten" und "Der Meister und seine Schüler" bis "Von realer Gegenwart" und "Im Raum der Stille: Lektüren" - belegen auf elegante Weise, dass ihr Autor die Vergeblichkeit von Versuchen durchschaute. Die Genauigkeit der Sprache liegt paradoxerweise in ihrer Vieldeutigkeit. Wird diese zugunsten einer Vereindeutigung kastriert und begrenzt, nimmt man der Sprache genau das, was sie ausmacht. Terminologisch lässt sich Literatur ihrem Sinn nach nicht erfassen. Steiner erkannte, dass ein solches Vorgehen, wie es heute unter der Regie des Szientismus üblich geworden ist, sogar das Wesentliche der Geisteswissenschaften bedroht: den Geist.

"Ich bin sehr skeptisch über Forschung in den Humaniores. Ein junger Naturwissenschaftler arbeitet an einem Problem, und er weiß, dass er am nächsten Montag ein bisserl mehr weiß als heute. Sogar wenn er kein Genie ist, ist er auf einem laufenden Band, welches dem Morgen entgegengeht. Wir sind in unserem Fach Grabwächter. Logisch-syntaktisch, will das sehr sorgfältig ausdrücken, ist es ein Blödsinn zu sagen: Es wird nie mehr einen Mozart, einen Shakespeare, einen Dante, einen Goethe, einen Michelangelo im Westen geben. Das ist doch logisch Blödsinn. Man hat kein recht, einen statistischen Sprung nicht zu machen. Und jedoch, und jedoch. Fast instinktmäßig: Die meisten von uns glauben, dass das richtig ist ..."

Sein Daseinsstil europäisch, sein Denkstil leidenschaftlich

George Steiner war zeitlebens kein textfrommer Philologe – vielmehr nahm er sich die Freiheit eines souveränen und streitbaren Geistes, der Stellung bezieht. So war für ihn die kreative, schöpferische Beziehung zwischen Denken und Sprache abhängig von dem biologischen Geschlecht, das diesem Prozess jeweils zugrunde liegt. Frauen benutzen ein anderes Vokabular als Männer – und dasjenige Vokabular, das beiden zur Verfügung steht, wird von jedem Geschlecht auf seine Weise benutzt. Besonders offensichtlich wird das am Donjuanismus, am sexuellen Argot, wie Steiner es nennt, der fragt, warum es keinen weiblichen Casanova gegeben habe. Für solche Thesen würde er heute von manchen Universitäten schlichtweg ausgeladen werden.

Steiners Daseinsstil war europäisch, sein Denkstil leidenschaftlich - eine aparte Mischung aus kontinentaleuropäischer Metaphysik und englisch-analytischer Skepsis. In Steiner, so könnte man sagen, berühren sich Wittgenstein und Heidegger auf fruchtbare Weise.

George Steiner war in eine jüdische Familie hineingeboren – und als Jude hatte er Gründe, die Bücher zu lieben, die Bibliotheken, die seine Heimat waren. Für ihn waren Denken und Sprache dialektisch verknüpft, denn es ist das eine, das das andere formt und ihm sein Gepräge gibt. Sprache wie Denken sind Phänomene, die nicht – wie etwa die Mathematik - universell sind, sondern geschichtlich. Jede Sprache, die gesprochen wird, eröffnet eine andere Wirklichkeit, die ihrerseits von keiner einzelnen Sprache erschöpft werden kann. Mit jeder Sprache, die ausstirbt, geht darum ein unerhörter Reichtum an Perspektiven, an differenten Denk- und Sichtweisen verloren

"Ich habe vor Jahren schon geschrieben – ein Versuch, der sehr umstritten ist -, dass das Judentum seit der Zerstörung des Tempels usw. nur eine Heimat hat: das Buch. Wir gehen von Land zu Land, von Katastrophe zu Katastrophe, aber das Buch steckt in unserer Tasche. Wir lesen weiter zusammen, wir lesen mit unseren Kindern, wir lernen auswendig, wir kommentieren, wir schreiben einen Text um den Text herum. Unser einziger Pass, der einzige Pass, der mir wertvoll ist, ist eben das Recht, im Text eine Heimstätte zu finden."

Meisterhafte Studie zu Heidegger

Die Bücher, das Lesen, die Sprache – das sind die elementaren Themen im Werk George Steiners. Und sie alle werden vereint in dem, was man seit Hofmannsthals Lord Chandos-Brief von 1902 die Sprachkrise nennt - in der Tatsache nämlich, dass Subjektivität und Objektivität immer weiter auseinanderfallen, weil den Dingen die geistige Substanz genommen ist, anders gesagt: weil Wein zu Alkohol verkümmert ist und ein Butterbrot mit Honig zu Kalorien.

Und aus genau diesem Grund ist Steiner an dem umstrittensten Philosophen der Gegenwart nicht vorbeigekommen – an Martin Heidegger, in dem sich die Sprachkrise auf diabolische Weise inkarniert hat: Auf der einen Seite das künstlerische Werk einer großen Philosophie, auf der anderen Seite das Schweigen desselben Autors zur Shoa - zur Vernichtung der Juden aus gewissermaßen objektiven, nämlich ideologischen Gründen. In Heidegger ist große Sprachpoesie mit bauernschlauer Feigheit eine unheilige, eine obszöne Ehe eingegangen.

Durch das Idiom der englischen Originalsprache zu größter Klarheit gezwungen, publizierte Steiner 1978 folgerichtig eine meisterhafte Studie zu Heidegger, in der gewissermaßen der ganze Steiner aufzufinden ist – der Rabbiner, der Philosoph, der Gelehrte und der in den europäischen Literaturen umfassend Belesene. Überhaupt: das Lesen. Steiner selbst sah sich weniger als Philosoph, als maître de penseur, denn als maître de lecteur – als Meister des Lesens.

"Von der frühesten Kindheit ab – meinem Vater Dank – habe ich sehr systematisch gelesen. Mein Vater hat schon, als ich vier, viereinhalb Jahre alt war, mit mir gelesen und dann eine ganz einfache Methode erfunden: Ich musste ihm auf einem kleinen Stück Papier einen Précis, eine Zusammenfassung des Buches notieren mit einem kleinen Urteil. Hast Du's lieb? Oder nicht lieb? Bevor ich das nächste Buch gekriegt habe. Dieser ganz kleine pädagogische Trick war von größter Wichtigkeit."

Der Verlust der Stille

Doch zum Problem der Sprache gehört zwingend das Problem des Schweigens und der Stille – gehören also jene Bereiche, zu denen die Sprache nicht vordringt, etwa Mathematik und Musik. Steiner selbst wollte in Chicago ursprünglich Naturwissenschaften studieren, weil seine mathematischen Fähigkeiten jedoch nicht genügten, wandte er sich enttäuscht der Philosophie und Literatur zu. Das Glück des Lesens entdeckte er danach.

In der Iliterarität der Gegenwart, der Tatsache, dass amerikanische Schüler wie ihre europäischen Mitschüler kaum noch in der Lage sind, geduldig und ohne Musikbegleitung zu lesen – deswegen und trotz einer noch nie dagewesenen Buchstabenmenge, die sich über die Medien und das Netz bis in die letzten Winkel der Welt ergießt – sah Steiner in der wachsenden Iliterarität der Gegenwart eine Bedrohung der Kultur. Aber nicht nur im eher als konsumistisch zu benennenden Verhalten sah er bedroht, was genaues und ernstes lesen ist – nämlich keine bloße Partitur zu erzeugen für das eigene Kopfkino -, es gab auch soziale Komponenten, von denen er den logos bedroht sah:

"Um ernst zu lesen, braucht man Zeit, ein bisschen Ruhe, ein bisschen Stillschweigen – fast würde ich sagen: ein bisschen Raum. In der modernen Welt wird es immer schwieriger, wird es zu einem großen Luxus z. B. genug Raum zu haben, um eine persönliche Bibliothek zu sammeln. Das ist schon wirklich ein seltener Reichtum. In den kleinen Wohnungen von jungen Menschen – wo findet man den Platz? Das Stillschweigen kostet mehr und mehr. In der modernen Stadt, in chaotischem Lärm der Kosmogonie unserer Kultur, ist eine ruhige Stunde fast ein Wunder, ein Mirakel Gottes."

Europa scheint selbst nicht mehr genau zu wissen, woher es kommt und wohin es gehen will. Und ausgerechnet jetzt hat es mit dem Tod George Steiners einen der profundesten Kenner und Interpreten verloren - und einer seiner wichtigsten Verteidiger.

George Steiner: "Grammatik der Schöpfung".
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer.
Hanser Verlag, München 352 Seiten, (vergriffen)

Georg Steiner: "Martin Heidegger".
Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer.
Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 22,90 Euro.

Georg Steiner: "Von realer Gegenwart".
Aus dem Englischen von Jörg Trobitius
Hanser Verlag, München, 320 Seiten, 24,90 Euro.

Georg Steiner: "Im Raum der Stille: Lektüren".
Aus dem Englischen von Nikolaus Bornhorn.
Suhrkamp Verlag, Berlin, 272 Seiten, 22,90 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk