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StartseiteBüchermarktDer Außenseiter aus der Mark Brandenburg08.10.2020

Zum Tod des Schriftstellers Günter de BruynDer Außenseiter aus der Mark Brandenburg

Günter de Bruyn fand mit Romanen wie "Buridans Esel" oder "Neue Herrlichkeit" vor dem Mauerfall in Ost- und Westdeutschland sein Publikum. Zuletzt hat er vor allem mit Publikationen zur Geschichte Preußens von sich Reden gemacht. Nun ist er im Alter von 93 Jahren im brandenburgischen Görsdorf gestorben.

Von Ralph Gerstenberg

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In der Ost-Berliner Erlöserkirche fand im Oktober 1989 eine Veranstaltung statt unter dem Motto: Gegen den Schlaf der Vernunft. Mitwirkende waren Schriftsteller, Autoren, Künstler der DDR. Hier am Mikrofon Günter de Bruyn. (imago images / epd)
Mit wachem Blick verfolgte der Schriftsteller Günter de Bruyn das politische Geschehen in der DDR (imago images / epd)
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Die Literaturpreise, die er bekam, waren nach denen benannt, die er liebte und schätzte, in deren Tradition er sich sah: Lion Feuchtwanger, Heinrich und Thomas Mann, Jean Paul, Heinrich Böll und natürlich: Theodor Fontane. Sein Selbstbild stimmte offenbar mit dem überein, wie man ihn in der Öffentlichkeit wahrnahm. Günter de Bruyn war ein bürgerlicher Autor, dessen Bücher schon lange vor dem Mauerfall in ganz Deutschland erschienen waren. Den Nationalpreis, den er 1989 von der DDR-Regierung erhalten sollte, hat er wegen "Starre, Dialogunfähigkeit und Intoleranz" derselben dankend abgelehnt. In einem Interview, das er Mitte der 1990er Jahre gegeben hat, äußerte er sich rückblickend zu seiner durchaus exotischen Position als Schriftsteller im Arbeiter-und-Bauernstaat:

"Ich hab mich immer so in deutscher Tradition stehend als Autor empfunden und habe auch zu DDR-Zeiten bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt: Ich bin ein deutscher, in der DDR lebender Autor. (...) Dass mein Leben für DDR-Verhältnisse repräsentativ ist, glaube ich nicht. (...) Ich weiß andererseits aus meiner schriftstellerischen Erfahrung, dass Probleme, die ich in meinen Büchern behandelt habe, die kamen mir immer sehr spezifisch vor. Ich hatte immer ein bisschen Angst, dass das nur wenige Leute betreffen würde, und hab die sehr schöne Erfahrung gemacht, dass das doch nicht so war, dass auch mein relatives Außenseitertum doch irgendwas bringen konnte, was man übersetzen konnte in andere Leben und andere Verhältnisse."

Der Schriftsteller Günther de Bruyn und sein Roman "Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll" (Buchcover Fischerverlag, Autorenportrait: imago / Gerhard Leber) (Buchcover Fischerverlag, Autorenportrait: imago / Gerhard Leber)Günter de Bruyn "Der neunzigste Geburtstag. Ein ländliches Idyll" - Blick auf die ostdeutsche Provinz Im Roman möchte die Protagonistin Hedwig Leydenforst den 90. Geburtstag feiern und dafür eine Spendenaktion für Flüchtlinge starten. Günter De Bruyn bringt darin sein Misstrauen gegenüber ideologischen Denkmustern zum Ausdruck, mit einfühlsamen Figurenzeichnungen.

Mit Diktaturen kannte er sich aus

Die Außenseiter haben Günter de Bruyn immer angezogen. Keine Goethe-Biografie legte er vor, sondern ein vielbeachtetes Buch über "Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter", das 1975 in Ost- und ein Jahr später auch in Westdeutschland erschien. Die darin enthaltene Passage über die Zensur im Biedermeier wurde im "Leseland DDR" als Kritik in historischer Camouflage verstanden, auch weil de Bruyn die Gedanken zu diesem Thema an einigen Stellen so formulierte, dass nicht immer und jedem klar sein konnte, ob diese von Jean Paul oder vom Autor selbst stammten - zum Beispiel wenn er von Selbstzensur sprach.

"Mit dem, was er ‚Selbst-Zensierung’ nennt, beschreibt er, was zur wirklichen Gefahr für den Wahrheitsgehalt von Literatur werden könnte: den unter Zensurdruck und geistiger Manipulation einsetzenden Vorgang, der aus einem sozialen Hemmnis ein psychisches macht, äußere Grenzen vorverlegt ins Innere des Schreibenden und damit zwar den Zensurbeamten entlastet, die Literatur aber von Wirklichkeit entleert."

Mit Zensur und Diktaturen kannte de Bruyn sich aus. Als jüngstes von vier Kindern am 1. November 1926 im Berliner Vorort Britz geboren - der Vater bayrischer Katholik, die Mutter preußisch protestantisch - kam er kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 zur Schule. Was er im Nationalsozialismus und im Krieg bis hin zur Gründung der DDR 1949 erlebt hatte, schrieb er in seinen Jugenderinnerungen "Zwischenbilanz" nieder. Von Sinnlosigkeiten und Drangsalen bei der Hitlerjugend ist da die Rede, von äußerlicher Anpassung und innerer Distanz.

"Natürlich waren wir alle, die wir 1933 Lesen und Schreiben gelernt hatten, von der herrschenden Ideologie infiziert worden (...) Von der Welt isoliert, dumm gehalten und mit Vorurteilen beladen, waren wir als williges Kanonenfutter aufgewachsen; aber fanatische Nazis waren wir wider Erwarten nicht geworden.

Ein unsicherer Kandidat

Literatur wurde für Günter de Bruyn Fluchtpunkt, Wissens- und Kraftquell zugleich. Nach ausgiebiger Karl-May-Lektüre las er sich - von Hölderlin bis Rilke - quer durch die in der NS-Zeit erhältlichen Klassiker und griff bei Gelegenheit auch in den Giftschrank seines Vaters, in dem sich die Bücher verbotener Autoren wie Remarque und Arnold Zweig unter Verschluss befanden. Wie so viele seiner noch minderjährigen Altersgenossen wurde er in den voranschreitenden Kriegsjahren als Flakhelfer und Soldat ausgebildet und erlitt gegen Kriegsende eine schwere Kopfverletzung. Zunächst als Neulehrer in der sowjetischen Besatzungszone, später als Bibliothekar in der frisch gegründeten DDR, erlebte er, wie eine Ideologie durch eine andere ersetzt wurde. Als Katholik und Nichtparteimitglied galt er von vornherein als "unsicherer Kandidat", auf den man ein Auge haben musste. Der "Skeptiker", so schrieb er in seinen Erinnerungen, wurde "bald zum Außenseiter", dem das Mitläufer- und Duckmäusertum der Mehrheit ein Gräuel war.

"Neben den wenigen wahrhaft Bekehrten und der Masse der Mitläufer gab es (...) natürlich auch karrieresüchtige Anpasser, in deren Züchtung der Staat später führend war. Diese falschen Gläubigen waren mir in ihren Beweggründen zwar begreiflicher als die echten, dafür aber so widerwärtig, dass ich später als Schriftsteller vor allem sie zum Ziel meiner Kritik machte."

Scheinbar harmlose Alltagsgeschichten

In Romanen wie "Buridans Esel" und "Preisverleihung" oder in der 1982 mit Kurt Böwe und Hermann Beyer verfilmten Erzählung "Märkische Forschungen" thematisierte de Bruyn immer wieder Konflikte, die Menschen im realsozialistischen Alltag auszutragen hatten, in dem das Ideologische und das Private kaum voneinander zu trennen waren. In seinen Geschichten, die leicht erzählt und unterhaltsam, scheinbar harmlos daherkamen, ging es um Ehebruch und Karriereambitionen, Anpassung und Aufrichtigkeit, Selbsttreue und Scheinmoral. Ihr Erfolgsgeheimnis sowie ihr kritisches Potential bestanden darin, dass de Bruyn die Verhältnisse in der DDR genau so beschrieb, wie sie waren, und die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit dort verortete, wo sie wahrgenommen wurden: am Arbeitsplatz, in privaten Beziehungen, im persönlichen Umfeld. Seine Figuren waren keine moralisch einwandfreien sozialistischen Persönlichkeiten, sondern Menschen, wie man sie kannte. Zum Beispiel Viktor Kößling, die Hauptfigur aus dem Roman "Neue Herrlichkeit". Kößling ist ein Opportunist par excellence.  Er sei es gewöhnt, "der zu sein, der gewünscht wird", heißt es über ihn – und an anderer Stelle:

"Er will sich nicht lenkend und leitend über andere erheben; ihm genügt es, mit ihnen auszukommen."

Die Stasi-Akte de Bruyn

In der DDR galt Günter de Bruyn als kritische Stimme - unaufgeregt, integer, jemand, der sich vor keinen Karren spannen ließ, aber auch keine Karriere als professioneller Regimekritiker anstrebte. In der 1996 zu seinem 60. Geburtstag erschienenen Autobiografie "Vierzig Jahre" - eine Bilanz seines Lebens in der inzwischen untergegangenen DDR - gab er zu, wie Christa Wolf und andere der Staatssicherheit als Informant gedient zu haben. Eine Einsicht, die ihm offenbar erst nach dem Mauerfall beim Lesen seiner Stasiakte gekommen war.

"Auch bei wiederholter Lektüre kommen Angst und Scham wieder, und es quält mich das Misstrauen in mein Erinnerungsvermögen, das offensichtlich in den inzwischen vergangenen Jahren schönfärbend und entlastend tätig gewesen war. Ohne Kenntnis der Akten hätte ich diese Episode anders berichtet. Ich wäre guten Gewissens schonender mit mir umgegangen, weil einiges, was mich belastet, verdrängt oder vergessen war. In meiner Erinnerung hatte ich mich standhafter verhalten, und das endgültige Nein hatte ich früher gesagt."

"Ich hab die Zusammenarbeit mit denen ja abgelehnt. Und ich hab das immer für mich als stillen Widerstandsakt empfunden. Und hab nachher erst in den Akten gemerkt, dass meine Erinnerung da ganz falsch war, dass die nämlich doch von mir was erfahren haben, die zwar sehr böse waren, als ich das abgelehnt habe, als ich das durchschaut habe, aber ich hab einfach aus Angst tatsächlich mit denen geredet. Das ist ne Sache, die ich mir schon sehr übel nehme."

Das Überleben der märkischen Alleen

Der glaubwürdige Umgang mit der eigenen Person und die Resistenz gegen Indoktrination und Vereinnahmung haben Günter de Bruyn zu einem Schriftsteller werden lassen, der bis zuletzt sein Publikum fand. In der Historie Preußens, in der er sich auskannte wie kaum ein zweiter, entdeckte er immer wieder vergessene Lebensgeschichten wie die des 1768 in Königsberg geborenen Dichters Zacharias Werner, eines der meistgespielten und umstrittensten Bühnenautoren seiner Zeit, der als sexuell Getriebener Trost und Halt im religiösen Mystizismus fand, mit dem er andere schließlich zu bekehren gedachte. Das Predigen und Missionieren waren Günter de Bruyns Sache nicht. In seinem 2018 erschienenen Roman "Der neunzigste Geburtstag" brachte er nach dreißigjähriger Abstinenz als Romancier noch einmal sein tiefes Misstrauen gegenüber ideologisch gefärbten Denkmustern in einem Gegenwartsstoff zum Ausdruck. Mit dem für ihn typischen Sinn für Ironie sezierte der Stilist de Bruyn darin die sprachlichen Entgleisungen der Political Correctness sowie die hilflosen Handlungen gut gemeinter Symbolpolitik nach der Flüchtlingskrise von 2015. Der Roman spielt dort, wo Günter de Bruyn bis zuletzt zurückgezogen gelebt hat - in seiner alleenreichen märkischen Heimat, die schon so viele gesellschaftliche Veränderungen überstanden hat, wie er bereits 1996 rückblickend feststellte.

"Ich hab Brandenburg in der Weimarer Republik und unter der Hitlerzeit erlebt. Die ist vorbeigegangen. Und ich habe es als DDR erlebt, und die ist auch vorbeigegangen. Und die Alleen stehen glücklicherweise immer noch, und ich hoffe, die überleben auch noch die moderne Zeit jetzt."

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