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StartseiteKultur heuteGrenzgänger und Störenfried03.03.2019

Zum Tod von Arnulf BaringGrenzgänger und Störenfried

Laut und streitlustig wollte Arnulf Baring sein, egal ob als Wissenschaftler oder Talkshowgast. Der Geschichts- und Politikwissenschaftler gefiel sich in seiner Rolle als Bürgerschreck und Patriot. Am wohlsten fühlte er sich inmitten unterschiedlichster Meinungen, sagte der Historiker Paul Nolte im Dlf.

Paul Nolte im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Arnulf Baring, Historiker, aufgenommen am 26.03.2014. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Legte keinen Wert auf Schalldämpfer: Arnulf Baring (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
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Anja Reinhardt:Er wurde 1932 kurz vor dem Ende der Weimarer Republik geboren: der Historiker und Jurist Arnulf Baring, der zu den lautesten und sicher auch zu den unbequemsten Stimmen der Bundesrepublik gehörte. In den 50er Jahren wurde er Mitglied der SPD, war mit seinen Büchern auch daran beteiligt, den Mythos Willy Brandt zu zementieren, 1983 wurde er dann aus der Partei ausgeschlossen, weil sein Engagement für Hans Dietrich Genscher im Bundestagswahlkampf zu groß war. Arnulf Baring wollte ließ sich nicht einordnen und auch nicht einschüchtern, immer wieder suchte er sowohl den Dialog als auch den Streit. Und immer war er ein leidenschaftlicher Verfechter der Demokratie – auch das sicher ein Resultat seiner Kriegserfahrung.

Gestern ist Arnulf Baring im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben. Frage an den Historiker Paul Nolte, Nachfolger von Arnulf Baring am Friedrich Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin: Wie haben Sie Ihren Vorgänger in Erinnerung?

Paul Nolte: Ich bin Arnulf Baring gar nicht so häufig begegnet und habe ihn, wie wahrscheinlich die meisten Menschen, zunehmend in Talkshows im Fernsehen in seinen medialen Äußerungen wahrgenommen. Aber ich erinnere mich sehr gut an die erste Begegnung, als ich noch nicht einmal in Berlin als Professor war - das stand damals kurz bevor – bei einer Buchvorstellung. Da war er zugegen und argumentierte, stritt ganz heftig mit und sagte dann einen Satz, der mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Die Jüngeren sollten doch auch mal den Schalldämpfer aus der Trompete nehmen!

Also an dem, was da geäußert wurde, was von Jüngeren wie mir gesagt wurde, da missfiel ihm, dass das nicht offensiv, noch nicht streitlustig genug war, dass da noch zu viel Schalldämpfer drauf war. Also: Er wollte laut und streitlustig sein, das ist mir unmittelbar in Erinnerung.

Weg mit der Zipfelmütze, her mit politischem Bewusstsein

Reinhardt: Ja, so haben ihn auch viele in Erinnerung. Es gibt ja diesen Satz von ihm, dass doch bitte die jüngere Generation auf die Barrikaden gehen sollte. Was genau hat ihn denn da gestört an der jüngeren Generation? Dass es da nicht  genügend Geschichtsbewusstsein gibt? Oder für das, was Geschichte im Hier und Jetzt sein kann?

Nolte: Ich glaube, er wollte die Bürger insgesamt. Der Titel dieses Beitrages war "Bürger auf die Barrikaden", er war jemand, der auch so ein bißchen ein Bürgerschreck, ein Bürgerrevoluzzer sein wollte, der die Bürger der Bundesrepublik aus ihrer Verschlafenheit, aus ihrer micheligen Zipfelmützigkeit – ja, so wie der Deutsche im 19. Jahrhundert schon als Klischee, dieser schlafmützige Mensch mit der Zipfelmütze gerade aus dem Bett gestiegen, kein politisches Bewußtsein – da wollte er die Menschen damals aufrütteln. In gewisser Weise war er damit, wie auch mit so manchen Äußerungen es häufig über ihn gesagt wurde,  seiner Zeit voraus.

In gewisser Weise war das ja auch ein Appell: Mensch, seid mal Wutbürger! Nehmt das nicht alles hin! Vor allen Dingen aber war es ein Impuls, der aus seiner Generationserfahrung kam. Jemand, der Jahrgang 1932 ist, ein Kriegskind, der den Feuersturm in Dresden miterlebt, überlebt hat; das war die Generation, die Männer vor allen Dingen, die in die Wissenschaft gegangen sind, und sich aus dieser Erfahrung des 2. Weltkriegs und des Nationalsozialismus ganz klar zur Demokratie in der Bundesrepublik, zum Westen bekannt haben. Und für die es ja auch ein Prinzip war: Nicht schweigen!

Da sind wir wieder bei dem Punkt, sich laut artikulieren und immer fest beim Westen stehen!

Es ist auch kein Zufall, dass er in seiner Biographie tatsächlich sehr international, gar nicht deutsch-provinziell geprägt war, sondern eben in allen drei Ländern der ehemaligen West-Alliierten der Bundesrepublik Zeit zugebracht hat, von mehreren Monaten bis mehreren Jahren.

Sein patriotischer Gestus konnte nerven

Reinhardt: Aber trotzdem war er auch jemand, der eigentlich schon sehr früh den Blick nach Osten gerichtet hat. Der auf Probleme aufmerksam gemacht hat, der offenbar Angst davor gehabt hat, dass sich die ostdeutschen Teile entvölkern würden – wie sehr hat er denn da vorausschauend gedacht?

Nolte: Ja, er hat dann in der Zeit nach der Wiedervereinigung vor allen Dingen eine kritische Begleiterrolle gespielt. Er kam ja sehr stark aus diesem westdeutschen, bundesrepublikanischen Bewusstsein aber hatte sich, wie viele, auch durch seine Dresdner Herkunft, hatte er sich bewahrt für diesen ostdeutschen Blick, so wie ein Außenminister Genscher. So hat er sich insbesondere über die Situation des wiedervereinigten Deutschlands viele Gedanken gemacht und hat auch gesagt: Mensch Leute, geht da im Westen nicht so bräsig ran, nicht so über-selbstbewusst, nicht so arrogant ran. Diese Probleme fallen uns später wieder auf den Kopf. Aber bei allem war er doch ein ganz klarer – so hat er sich auch selber bezeichnet – ein Patriot, dessen patriotischer Gestus eben manchen auch in seinen öffentlichen Auftritten schon wieder gehörig auf die Nerven ging. Weil er mal wieder dieses Problem aufwarf: Wie ist das mit Deutschland, geht es Deutschland noch gut? Und von daher war es in der Wahrnehmung von manchen – ich würde das nicht teilen – nur noch ein kleiner Schritt bis zu Positionen wie denen von Thilo Sarrazin; "Deutschland schafft sich ab" – ein ähnlich pointiertes Nachdenken über Deutschland, aber ich denke, Baring ist da der wesentlich Rationalere geblieben.

Grenzgänger zwischen den Disziplinen

Immer Argumenten zugänglich, und er wollte sich auch immer gerne mit seinen Gegnern umgeben. Ihm war es am wohlsten, wenn er nicht in einem Klima des Konsenses war, sondern wenn er mit Leuten mit denen er streiten konnte, die unterschiedlicher Meinung waren, am Tisch sitzen konnte.

Arnulf Baring war in vieler Hinsicht ein Grenzgänger und er ließ sich nicht festnageln. SPD-Mitglied, 1952, als junger Mann, das lag auch in einer Bewegung seiner Generation. Dann hat er sich später von der SPD entfremdet, sich aber auch nicht festlegen lassen unbedingt auf eine andere Partei. Er war ja auch ein Grenzgänger zwischen den Disziplinen, zwischen der Politikwissenschaft und der Geschichte, dabei hatte er in Jura promoviert, war Volljurist. Also – es war ihm ganz wichtig und er hat auch immer einen Punkt daraus gemacht, sich nicht festlegen zu lassen, sondern dieser Grenzgänger und ein bisschen auch dieser Störenfried in der politischen Kultur und in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik zu bleiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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