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StartseiteKultur heuteDer schrille Witz der Verzweiflung01.01.2019

Zum Tod von Edgar HilsenrathDer schrille Witz der Verzweiflung

Der in Leipzig geborene jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath überlebte den Holocaust. Dieser spielte eine zentrale Rolle in seinem Werk - bekannt wurde er etwa mit "Nacht" und "Der Nazi & der Friseur". Am Montag ist der Autor mit 92 Jahren gestorben.

Von Jörg Plath

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Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath (picture alliance / dpa / Claudia Esch-Kenkel)
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Zitat aus einem Buch Edgar Hilsenraths: Meine fünf Väter besuchten meine Mutter jeden Abend. Sie standen Schlange vor ihrer Zimmertür. (…) Erst als der Pelzhändler misstrauisch wurde, gab es Krach. Eines Tages sagte er zu meiner Mutter: "Hören Sie mal, Minna. Das kann nicht so weitergehen. Ich dachte, es wären nur mein Kutscher und mein Hausdiener. Aber fünf Männer in der Schlange, das ist zu viel. Schließlich ist das ein anständiges Haus." - "Aller guten Dinge sind drei", sagte meine Mutter. - "Aber nicht fünf", sagte der Pelzhändler. "Fünf bestimmt nicht."

Auf ziemlich anarchische Weise wird in seinen Büchern geschwatzt, gescherzt, geulkt, kalauert, bevorzugt über Sex und Tod. Pointen über Pointen, je derber und drastischer, desto besser, halten die Romane von Edgar Hilsenrath im Innersten zusammen.

Edgar Hilsenrath: "Also, ich hatte als Jugendlicher überhaupt keinen Humor. Den Humor habe ich erst nach dem Krieg bekommen und zwar, weil es die einzige Möglichkeit war, um alle bösen Erinnerungen zu verkraften, durch eine Art Galgenhumor."

Die bösen Erinnerungen verdankte Edgar Hilsenrath den rumänischen Helfershelfern des nationalsozialistischen Judenmords. Aus Angst vor Pogromen hatte sein Vater, ein jüdischer Kaufmann in Halle, die Familie 1938 zu den Großeltern nach Rumänien geschickt. Doch als dort 1941 die Faschisten an die Macht kommen, deportieren sie die Juden in das überfüllte Ghetto der zerstörten ukrainischen Stadt Moghilev-Podolsk. Edgar Hilsenrath, seine Mutter und sein Bruder sind unter den wenigen Überlebenden, als die Rote Armee drei Jahre später das Ghetto befreit. Der 18-Jährige schlägt sich über Bukarest nach Palästina und dann nach Frankreich zum Vater durch. 1951 wandert er in die USA aus und wird amerikanischer Staatsbürger.

Antworten auf das Grauen mit der Groteske

"In Amerika habe ich nur geschrieben, das war mein ... alles, was ich wollte und hab mich ernährt durch Gelegenheitsarbeiten, meistens als Kellner. Und hab nachts geschrieben in der Cafeteria. Ich konnte zuhause nicht schreiben, weil ich kein Zuhause hatte. Ich hatte ein möbliertes Zimmer, das war sehr ungemütlich. Der Lärm um mich herum störte mich nicht, und vor allen Dingen das New Yorker Nachtleben hat mich sehr interessiert, und das Buch kam erst 1964 im Kindler Verlag heraus."

"Nacht" heißt Hilsenraths erstes Buch. Es schildert mit versessener Detailtreue furchtbare Ereignisse im Judenghetto von Moghilev-Podolsk 1941 bis 44, von denen der Autor nicht wenige erlebt haben dürfte. Hunger lässt dort den Menschen zum Tier werden: Ranek schlägt mit dem Hammer auf den Mund des eben gestorbenen Bruders ein, um einen Goldzahn herauszuschlagen und mit ihm Lebensmittel eintauschen zu können. "Nacht" ist eine Lektüre voll solcher Schockerlebnisse. Nur 1000 Exemplare druckte der Kindler Verlag 1964 aus Angst vor antisemitischen Vorwürfen, und die deutsche Literaturkritik verriss das Buch wegen unbestreitbarer formaler Mängel. Übersehen hatte sie allerdings das Neue des Romanberichts: den unverwandten, unerschrockenen Blick des Autors.

Einen "Lebensroman" hat Edgar Hilsenrath sein Debüt genannt. So lassen sich auch die nachfolgenden Bücher charakterisieren. Sie alle antworten auf das erfahrene Grauen mit der Groteske, auf die Perversion der Humanität mit Vulgarität, auf die vollständige Aussichtslosigkeit mit dem schrillen Witz der Verzweiflung.

"Ich zehre aus der Vergangenheit natürlich, aber Schreiben bedeutet Leben für mich. Mein Schreiben hängt auch sehr viel ab von Erotik. Frauen haben mich immer sehr inspiriert. Ich kann es nicht trennen, das Leben und das Schreiben."

Liebesverhältnis mit Muttersprache Deutsch

Von den ärmlichen Umständen, unter denen die ersten Bücher in den USA entstehen, erzählte Hilsenrath in dem 1980 in Deutschland erschienenen "Fuck America. Bronskys Geständnis". Zwar war ihm 1971 mit seinem zweiten Roman "Der Nazi & der Friseur" ein großer Erfolg gelungen: Der Holocaustüberlebende wurde Auflagenmillionär. Doch musste er sein Leben weiter als Kellner in New York fristen: Sein Taschenbuchverlag machte Pleite, ihm entgingen 167.000 US Dollar Tantiemen. In der Groteske "Der Nazi & der Friseur" erzählt ein Massenmörder, wie er nach dem Krieg die Identität eines seiner jüdischen Opfer annimmt. Die deutschen Verlage zögerten lange, erst 1977 erschien das Buch im kleinen Literarischen Verlag Helmut Braun und machte Hilsenrath hier zu Lande berühmt.

Zwei Jahre zuvor, 1975, war Edgar Hilsenrath nach Deutschland zurückgekehrt. Auf Deutsch hat der kleine, freundliche Mann mit der Baskenmütze immer geschrieben und bekannt, er unterhalte ein Liebesverhältnis mit seiner Muttersprache. Hilsenrath zog nach Berlin, legte 1989 mit "Das Märchen vom letzten Gedanken" einen Roman über den Völkermord an den Armeniern vor und schilderte 1993 in "Jossel Wassermanns Heimkehr" die untergegangene Welt des Schtetl.

Doch so richtig heimisch wurde Hilsenrath erst in den letzten Jahren, seit seine Wanderschaft durch die deutschen Verlagshäuser dank des kleinen Dittrich Verlags endete, der eine große Werkausgabe erarbeitet. Im Jahr 2005, wenige Monate vor dem 80. Geburtstag, übernahm die Berliner Akademie der Künste das Archiv des Schriftstellers. Bei der Übergabe saß Edgar Hilsenrath im Rollstuhl, er litt unter den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Sätze waren kurz geworden, doch das Raue und Ungebärdige ihrer Diktion und die beständige Lust an Witz und Abschweifung waren unverkennbar.

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