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StartseiteKultur heute"Es ist herrlich gewesen"23.05.2019

Zum Tod von Judith Kerr "Es ist herrlich gewesen"

"Kater Mog", "Ein Tiger kommt zum Tee" oder "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" – Judith Kerrs Bücher sind Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Aus ihren Bildern und Texten sprechen jene Menschlichkeit, Wärme und Zuversicht, die Judith Kerr durch ein langes und erfülltes Leben getragen haben.

Von Ute Wegmann

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Die Schriftstellerin und Zeichnerin Judith Kerr sitzt am 23.5.2003 am Schreibtisch ihres Londoner Büros. Am 14. Juni 2003 feierte die Bestseller-Autorin ihren 80. Geburtstag. Als Neunjährige hörte sie erstmals von Konzentrationslagern. (picture alliance / dpa / DB Daniel Sambraus)
Judith Kerr am Schreibtisch ihres Büros - Im Alter von 95 Jahren ist die Zeichnerin und Autorin in London gestorben (picture alliance / dpa / DB Daniel Sambraus)
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"Es war eben ein anderes Leben mit dem Kaninchen", sagte Judith Kerr und sprach über das rosa Kaninchen, das sie Anfang 1933 in der Berliner Wohnung zurücklassen musste, als sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Deutschland verließ und dem Vater in die Schweiz folgte.

40 Jahre nach ihrer Emigration, im Jahr 1971, schrieb Judith Kerr eine Trilogie über ihre Kindheit und Jugend und die Zeit bis zum Jahr 1956. Der Titel des ersten Romans: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl". Kerr erzählt detailgenau die Emigrationsgeschichte des Mädchens Anna und ihrer Eltern von Berlin über Zürich nach Paris und London. Anna war Judith Kerrs zweiter Name und alle Stationen haben durchweg biografische Züge.

"Ich fand es großartig, von Berlin wegzugehen. Ich fand das viel interessanter. Als mein Vater und ich in Paris aus dem Fenster schauten, da sah man die Dächer von Paris und da sagte ich: Ist es nicht herrlich, Flüchtling zu sein!"

Bloß keine normale Kindheit

Mit dem "Rosa Kaninchen" gewann Judith Kerr im Jahr 1974 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch ist seit über 40 Jahren in Deutschland Schullektüre.

Im Berlin der Zwanziger Jahre erlebte Judith Kerr eine glückliche Kindheit. Sie war neun Jahre alt, als die Familie emigrierte, und wusste nichts von Nazis und Rassenhass. Die Aufenthalte im Ausland waren für das Mädchen ein großes Abenteuer. "Ich hätte bloß nicht eine normale Kindheit haben wollen. Meine Eltern hätten das anders gesehen. Aber mein Bruder hätte das auch gesagt."

In London wurde das Leben härter. Die Familie musste in einem schäbigen Hotel wohnen und es ging den Eltern finanziell sehr schlecht. Judith Kerr besuchte nach dem Krieg die Central School of Arts and Crafts. Ein Rembrandt wollte sie werden und unterrichtete kurzzeitig an einer Zeichenschule. Dann lernte sie Anfang der 50er-Jahre den bekannten BBC-Drehbuchautor Nigel Kneale kennen, Erfinder der Quartermass-Serie.

Zeichnen als Obsession

Kneale holte Judith Kerr als Lektorin und Drehbuchautorin zum Fernsehen. Aber Judith Kerr wollte zeichnen. "Ich bin Zeichnerin, ich bin nicht Schriftstellerin. Es ist ja gar nicht das Zeichnen, es ist das Sehen. Im Kopf zeichnet man die ganze Zeit. Man geht herum und sieht die Welt und dann in your head you rearrange things, man tut es die ganze Zeit. Und das ist natürlich an obsession und wenn man eine Arbeit hat, die man liebt, dann ist das ein Riesenglück und eine Riesenhilfe dagegen, wenn man Unglück hat, denn es ist wahrscheinlich so wie für andere Menschen die Religion. Es ist etwas außerhalb von einem selber, was wichtiger ist als alles andere."

Im Jahr 1968 zeichnete sie das erste von über zwanzig Bilderbüchern: "Ein Tiger kommt zum Tee". Eine Erfolgsgeschichte mit fünf Millionen verkauften Exemplaren. Dem Tiger folgten viele Tiergeschichten, vor allem aber die Alltagsgeschichten der Familie Thomas und ihrer schusseligen, verträumten Katze: "Mog, the forgetful cat".

Dankbar für ein erfülltes Leben

Eins ihrer letzten Bilderbücher "My Henry" hat sie ihrem Mann gewidmet. Es ist die surreale Geschichte einer alten Dame, die sich jeden Nachmittag mit ihrem verstorbenen Mann zu neuen Abenteuern trifft. Denn zwischen 4 und 7 Uhr hat er Ausgang und sie machen Dinge, die sie im Leben nie gemacht haben.

Glaubte sie an ein Leben nach dem Tod?

"Nein. Nein. Ich kann  es mir nicht vorstellen. Aber man weiß ja nie. Ich weiß nicht, ich denke manchmal, weil doch nichts in der Welt vergeht. Unsere Knochen werden Gräser oder Blumen oder ich weiß nicht was, also denke ich manchmal: Was passiert mit unseren Gedanken? Die sollen doch auch nicht verschwendet werden. Und dann denke ich manchmal, besonders weil ich so liebe die Dinge zu sehen, vielleicht gibt es dann irgendwo a parallel universe, wo irgendwie diese Dinge bleiben."

Noch im hohen Alter zeichnete sie jeden Tag. Die Arbeit war ihre Leidenschaft, die Anerkennung für ihre Geschichten hielt sie im Leben. Ihr Humor war von einzigartiger Lakonie. Schon 1990 sagte Judith Kerr anlässlich eines Besuchs in Berlin: "Ich bin jetzt 67. Ewig kann man ja nicht leben. Und es ist herrlich gewesen!"

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