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StartseiteInterview"Er war der Ruhelose, der immer in Bewegung war"05.03.2019

Zum Tod von Klaus Kinkel"Er war der Ruhelose, der immer in Bewegung war"

Mit Klaus Kinkel habe man einen aufrechten und sehr loyalen Liberalen verloren, sagte die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger im Dlf. Die FDP habe ihm das Leben allerdings manchmal schwer gemacht.

Sabine Leutheuser-Schnarrenberger im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Der Bundesvorsitzende der FDP und Bundeasaußenminister Klaus Kinkel am 25.03.1995 bei einer Rede auf dem Landesparteitag der Bremer Liberalen vor dem Logo der FDP (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)
Klaus Kinkel war ein "unglaublich loyales Mitglied der FDP", sagte die ehemalige Bundesjustizministerin Leutheuser-Schnarrenberger im Dlf (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)
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Christoph Heinemann: Am Telefon ist die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, FDP, guten Tag!

Sabine Leutheuser-Schnarrenberger: Guten Tag, Herr Heinemann!

Heinemann: Wen verlieren die Liberalen mit Klaus Kinkel?

Leutheuser-Schnarrenberger: Einen wirklich aufrechten Liberalen, aber nicht im Sinne des Parteipolitikers, sondern im Sinne der Überzeugung und der Haltung und des Wirkens in unterschiedlichen Aufgaben, auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik.

"Integration zehn osteuropäischer Staaten in die EU war sein Hauptprojekt"

Heinemann: Als Bundesaußenminister stand Klaus Kinkel im Schatten von Hans-Dietrich Genscher. Wie hat er den Schatten genutzt?

Leutheuser-Schnarrenberger: Er fühlte sich angetrieben von dem, was Genschers Vorstellung war, gerade mit Blick auf die Europäische Union, gerade mit Blick auf, Gespräche mit immer den kleinen Mitgliedsstaaten zu führen, die Integration zehn osteuropäischer Staaten in die EU, das war sein Hauptprojekt, auch in die NATO nach dem Fall der Mauer. Und das war, denke ich, ganz im Sinne Genschers. Und so hat er, glaube ich, all sein Wirken auch immer wieder hinterfragt.

"Vor Begegnungen mit den Opfern nicht zurückgeschreckt"

Heinemann: Frank Capellan hat eben daran erinnert: Während seiner Amtszeit ereignete sich der Völkermord in Ruanda und das Massaker an 8.000 Bosniern in Srebrenica. Hat ihn das verändert?

Leutheuser-Schnarrenberger: Ja, das hat ihn sehr, sehr bewegt, dass bei allem Engagement, auch Krieg zu beenden, letztendlich so viele Opfer, Tote, Verletzte bleiben, denen doch die aktuelle Politik so wenig an Hilfe geben kann. Deshalb hat er sich ja auch sehr für Aufarbeitung, internationale Tribunale in Ruanda und auch in Jugoslawien eingesetzt, ist dort auch hingereist, hat auch vor ganz schwierigen Begegnungen, vor ihn prägenden Begegnungen nicht zurückgeschreckt mit den Opfern.

Heinemann: Was bedeutete für Klaus Kinkel liberal?

Leutheuser-Schnarrenberger: Liberal war für ihn Offenheit, war für ihn eine Grundrechtsbindung der Politik, war für hin Menschenrechte achten, war für ihn für, ja, auch die Schwächeren da zu sein. Auch sein Engagement für Behinderte, für den Behindertensport, für die, die von Menschenrechtsverletzungen betroffen sind, gegen Landminen prägt das. Also da war er wirklich einer, der den Menschen als Liberaler helfen wollte. Jeder war für ihn da gleichwertig.

Heinemann: Hat die FDP ihn immer gut behandelt?

Leutheuser-Schnarrenberger: Die FDP hat es ihm wirklich manchmal sehr schwer gemacht. Er selbst hat ja da seine eigene Bewertung gezogen, das zeichnet ihn ja sehr aus, so unverblümt zu sagen, als Parteivorsitzender fühle ich mich nicht so richtig gut aufgehoben, das war eine falsche Entscheidung. Und weil er da auch einfach nicht so das Gespür für diese Empfindlichkeiten der Partei hatte, was ja mit viel auch Aufwand verbunden ist, gab es immer auch Kritik an ihm. Da waren herausragende Persönlichkeiten auch wie Jürgen Möllemann, die dann auch zu seinen Lasten auch nach außen, ja, Witze gemacht haben, ihn kritisiert haben. Also da hat die Partei ihm ganz schön zugesetzt. Und das, glaube ich, das hat auch an ihm genagt.

"Ein unglaublich loyales Mitglied der FDP"

Heinemann: Sie haben Jürgen Möllemann genannt. Er und auch Guido Westerwelle gaben dann nach ihm den Ton an. Wie hat Klaus Kinkel die Entwicklung über Westerwelles 18-Prozent-Wahlkampf hin zur heutigen magentafarbenen FDP begleitet?

Leutheuser-Schnarrenberger: Klaus Kinkel ist ein unglaublich loyales Mitglied der FDP, wenn er Kritik äußert, dann intern. Das hat er dann in dem direkten Gespräch gemacht. Aber er hat nie nach außen versucht, sich da zu profilieren oder sich einzulassen. Da war er, wenn Sie so wollen, dann doch auch ein bisschen Parteisoldat.

Heinemann: Zu Hans-Dietrich Genscher gehörten die gelben Pullover. Erinnern Sie sich an ein entsprechendes Wahrzeichen von Klaus Kinkel?

Leutheuser-Schnarrenberger: So ein Wahrzeichen hatte Klaus Kinkel nicht. Ihm standen ein bisschen die Haare zu Berge, so hat man ihn ja auch dann immer mal wieder karikiert. Aber ich denke, er war der Ruhelose, der immer in Bewegung war, der ja auch rund um die Uhr gearbeitet hat und ohne das, hatte ich manchmal den Eindruck, auch meinte, seine Aufgabe nicht gut zu erledigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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