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StartseiteCorso"Er war ein Moralist"28.05.2020

Zum Tod von Larry Kramer"Er war ein Moralist"

Larry Kramer sei bei aller Radikalität und Militanz ein konservativer Schwuler gewesen und in diesem Sinne einer der Wegbereiter der Homo-Ehe", sagte Peter Rehberg vom Berliner Schwulen Museum im Dlf. Nun ist der US-amerikanische LGBT-Aktivist, Autor und Dramatiker im Alter von 84 Jahren gestorben.

Peter Rehberg im Interview mit Christoph Reimann

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Der Autor und Aktivist Larry Kramer ist tot. (Dave Kotinsky / Getty Images / AFP)
Autor und Aktivist Kramer wollte, dass Schwule ein normales Leben führen (Dave Kotinsky / Getty Images / AFP)
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Der US-Amerikaner Larry Krämer war Aktivist und Dramatiker. Er hat sich schon früh in den Siebzigern stark gemacht für die Rechte von LGBT-Personen, kämpfte in seinen Theaterstücken, aber auch als Initiator des Aktivismuskollektivs Act Up gegen die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen.

Laurence David Kramer kam 1935 auf die Welt. Er wurde in eine Gesellschaft hineingeboren, in der Homosexualität ein Tabu war. Trotzdem waren seine Theaterstücke in ihrer Sprache mehr als deutlich, etwa der Roman "Faggots" von 1978, zu Deutsch "Schwuchteln". Darin ging es dann schon um Drogen, um Sex, um Männer. Wie Larry Kramer in seine Zeit hineingepasst hat und ob er ein Tabubrecher war, haben wir Peter Rehberg vom Berliner Schwulen Museum gefragt.

Peter Rehberg: "Faggots" ist ja 1978 erschienen, und das war ja nun schon fast zehn Jahre nach Stonewall, also die Siebziger - auch die hedonistischen Siebziger - waren ja schon in vollem Gange, beziehungsweise näherten sich auch schon langsam ihrem Ende. Und Kramer war damals so etwas wie der Chronist des mittlerweile ja auch oft mythisch beschworenen der schwulen Lebens in New York vor der Zeit der Aids-Krise. Also alles, was man damals schon an dems schwulem Lifestyle und schwuler Infrastruktur hatte, also inklusive Wochenenden auf Fire Island, die Disco-Szene, die ganze Sexszene und so weiter, das war also das Thema von Kramers Büchern. Wichtig ist es natürlich, vielleicht mal kurz gesagt aus der Perspektive, dass man sagen kann, bis in die 50er- und 60er-Jahre hinein gab es ja hauptsächlich Diskurse oder Literaturszene über Schwule, aber nicht von Schwulen selbst. Schwule genauso wie auch Lesben oder Trans hatten oft eine sehr undankbare Rolle als Selbstmörder, bestenfalls vielleicht als Kunstfigur wie bei Thomas Mann, ansonsten aber eher Serienmörder und irgendwie Psychopathen wie bei Hitchcock. Also dass sozusagen Schwule, das selber in die Hand nehmen und ihre Geschichten erzählen und damit eine Sichtbarkeit erlangen, die auch eine ganz andere Wirkung hat, das ist natürlich auch das Verdienst von Larry Kramer kann man sagen.

Christoph Reimann: In den Achtzigern war Kramer dann auch die Schlüsselfigur bei der Gründung von Act Up. Das stand für Aids Coalition To Unleash Power, ein Aktivismuskollektiv. Dass dann auch in Europa Ableger fand, was da so besonders an diesem Kollektiv?

Rehberg: Krämer hat die Politik unter Druck gesetzt, hat die Pharmakonzerne unter Druck gesetzt und hat damit also Strukturen aufgebaut, die doch eine gewisse Absicherung geschaffen haben dann für die Betroffenen.

Reimann: Und das oft auf kreative Weise, oder?

Rehberg: Ganz genau. Da komme ich jetzt nämlich zu Act Up. Da ging es noch einmal um eine andere Richtung. Also da ging es um Aktivismus, da ging es um Kunst. Da ging es auch um Theorie. Das war also auch ein kulturelles Phänomen. Wir hatten so etwas wie Die-Ins auf den Straßenkreuzungen von New York, wo sich also Menschen tot gestellt haben und auf die Straßenkreuzung gelegt haben, um die steigende Zahl der Todesopfer von Aids zu symbolisieren. Wir hatten Plakatkunst an den Häuserwänden von Künstlern wie Felix Gonzales-Torres zum Beispiel. Act Up war eigentlich auch ... also die Vokabel "queer" ist ja in der Gegenwart am zirkulieren und bekommt eine große Bedeutung. Er war auch einer der Ursprünge von "queer" also, das heißt auch eine starke Koalition zwischen Lesben, Schwulen, Bi, Transleuten oder nicht normativen Heterosexuellen, sag ich mal, die sich solidarisiert haben.

Reimann: Larry Kramer war ein Kämpfer, er hat ja nicht davor zurückgescheut, Ronald Reagan zum Beispiel für die Aids-Krise mitverantwortlich zu machen. Er war auch für seine drastische Sprache bekannt. Tatsächlich war Kramer aber auch durchaus umstritten, auch innerhalb der Community! Können Sie das erklären?

Rehberg: Genau, also das kann man vielleicht so ein bisschen auch vergleichen mit Rosa von Praunheim, der - ich würde jetzt mal behaupten - sich viel von Larry Kramer abgeguckt hat auf seinem New-York-Reisen in den 80er-Jahren und dann ja auch den Aids-Aktivismus in der Bundesrepublik maßgeblich mitbestimmt hat. Larry Kramer war ein Moralist - also er war sozusagen kein sexpositiver, emanzipierter Schwuler, der sich stark dafür gemacht hat, dass die Beziehungsformen und die kulturellen Riten, die die Schwulen untereinander entwickeln, eine eigene Kultur sind, die es zu verteidigen gilt, sondern: Kramer setzte auf Assimilation. Kramer wollte sozusagen, dass Schwule ein normales Leben führen. Man könnte auch sagen, er war ein konservativer Schwuler, also bei aller Radikalität und Militanz, also in seinen Werten durchaus konservativ und in diesem Sinne also einer der Wegbereiter der Homo-Ehe. 

Reimann: Bis zuletzt hat Larry Kramer Jahr an einem Theaterstück gearbeitet. Es sollte den Titel "An Army of Lovers Must Not Die" heißen, also eine Reaktion auf die Covid-19-Pandemie sollte es sein. Was wird denn nun von Larry Kramer bleiben? Wo hat er Spuren hinterlassen? Rosa von Praunheim haben Sie ja gerade schon angesprochen.

Rehberg: Es gibt natürlich viele Stationen des politischen Aktivismus der LGBTQ-Szene. Ganz wichtig sind aber natürlich Stonewall und die Aids-Krise. Larry Kramer hat mit seiner Hartnäckigkeit, mit seiner Militanz, mit seiner Rhetorik, mit seinem Zorn ja ... ich habe ihn ja auch selber getroffen vor 15 Jahren und interviewt also, es war auch ein sehr selbstbewusster, zorniger Mann, der also wirklich so sehr deutlich und verbissen seine Positionen vertreten hat. Das ist natürlich ein sehr mutiges Beispiel für das, was politischer Aktivismus insbesondere von Minderheiten erreichen kann. Auch wenn man jetzt vielleicht nicht immer mit allem seiner Werte übereinstimmt, ist doch die Zähigkeit, mit der er das gemacht hat, unglaublich beeindruckend.

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