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StartseiteKultur heuteZum Tod von Maria Schell27.04.2005

Zum Tod von Maria Schell

Ein Nachruf auf das "Seelchen"

Sie war - wenn es denn so etwas gibt - die Seele des Deutschen Nachkriegskinos, und insofern unsterblich: Maria Schell. Nun ist die große Schauspielerin gestorben, in ihrem Almhaus in Kärnten, wohin sie sich seit langem zurückgezogen hatte. 79 Jahre war sie alt, und es war still um sie geworden. Maria Schell, die in den 50er Jahren rauschende Leinwand-Erfolge feierte war privat weit weniger mit Glück gesegnet.

Von Peter W. Jansen

Maria Schell, 1958 (AP)
Maria Schell, 1958 (AP)

Was bei anderen Stars von ihrem Rang Gier nach Öffentlichkeit, Ruhmsucht, Eitelkeit, Exhibitionismus genannt werden kann - : bei ihr war es stets eine geradezu treuherzige, aller Welt vertrauende, ja unschuldige Offenheit ihrer Seele. Das hatte sie zum Star gemacht, dem die Herzen ihres millionenfachen Publikums zuflogen, vor allem in den fünfziger Jahren der politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftswunderlichen Verhärtung des Lebens in Deutschland. Da war sie eine Art von Gegenprogramm in den Filmen mit Dieter Borsche und O.W.Fischer, in Filmen mit so vielsagend melodramatischen Titeln wie Es kommt ein Tag, Bis wir uns wiedersehen, Der träumende Mund, Solange du da bist. Damals, als ihr Lächeln aus tränenfeuchten Augen ihr das von ihr so verhasste Image des "Seelchen" eintrug, mussten die Strassen in Berlin oder München oder wo immer sie erwartet wurde, abgesperrt werden: keinem anderen Star im Deutschland der Nachkriegszeit wurde so viel Liebe und Begeisterung entgegengebracht.

Die am 15. Januar 1926 in Wien geborene Schweizerin Margarethe Schell, das "Gritli", hatte nach Schulzeit in der Schweiz und in einem elsässischen Kloster zunächst eine kaufmännische Ausbildung absolviert und arbeitete schon als Sekretärin, als sie in Zürich Gesangsunterricht nahm und auf die Schauspielschule ging. Auf erste Theaterengagements in Bern und Wien folgte eine europaweite Tournee mit Albert Bassermann als Gretchen in "Faust", ehe sie 1942 an der Seite ihrer Mutter Margarete Noé von Nordberg, von Heinrich Gretler und Max Haufler in Sigfrit Steiners Dorf-Melodram Steibruch als Filmschauspielerin Gritli Schell debütierte. Keine zehn Jahre später war sie an der Spitze, ein Star, der sich, und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen, trotzdem, muss man schon sagen, als Schauspielerin weiter entwickelte. Sie nahm die Herausforderung an, mehr zu sein als nur schön und hinreissend traurig, herzig und geradezu unheimlich keusch. Ihr Durchbruch hiess Die letzte Brücke und war 1954 der Film von Helmut Käutner, in dem sie eine deutsche Lazarettschwester spielte, die von jugoslawischen Partisanen, die medizinischen Beistand brauchen, gekidnappt wird, und ihr Partner war Bernhard Wicki als Partisan Boro, von dem sie – sie hat ihre ärztliche Pflicht getan - ihre Freilassung verlangt:

" Sagen Sie, ich habe getan, wozu Sie mich gezwungen haben. Ich habe Ihren Arzt operiert und die anderen behandelt, so gut es ging. Ich verlange jetzt von Ihnen, dass Sie mich freilassen oder austauschen. – Kommandant sagt, wir Sie freilassen, wenn unser Arzt gesund. – Nein. – Wir Sie zwingen. – Sie können mich vielleicht mitschleppen. Aber Sie können mich nicht zwingen, für Sie zu arbeiten . "

Beim Filmfestival in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet – worauf zwei Jahre später in Venedig die gleiche Auszeichnung für ihre Gervaise in dem Film von René Clément folgte -, standen ihr die Filmstudios der Welt offen, wurde sie zum ersten internationalen deutschen Filmstar der Zeit nach dem Krieg. Sie drehte in Amerika, England, Frankreich, Spanien, Italien, war Partnerin von Marlon Brando und Curd Jürgens sowie von Gary Cooper und Glenn Ford in den Western Der Galgenbaum und Cimarron, in denen sie eigenartig deplatziert wirkte. Glücklicher passte sie zu Marcello Mastroianni und Jean Marais, mit denen Luchino Visconti sie zusammen brachte in dem Film Weisse Nächte. Obwohl sie auch unter Richard Brooks, John Frankenheimer und Claude Chabrol gespielt hat und immer wieder auf dem Theater, am Broadway, auf den Champs-Elysées, in Salzburg, war es wahrscheinlich Visconti, der ihr Wesen genauer als jeder andere erfasste und sogar herausforderte, bis an die Grenzen des Tragbaren, wie Visconti selbst einmal bekannte. Da konnte sie, die sich danach verzehrte, um alles in der Welt "wahr", wahrhaftig zu sein und ihr Inneres bis zur Selbstentblössung und Selbstaufgabe preiszugeben, sich hemmungslos ihren Gefühlen hingeben, ungebremst in ihrer emotionalen Verschwendungssucht. So ist in dem Film nach Dostojewskijs Erzählung eine der irritierendsten Gestalten des internationalen Kinos entstanden, eine Natalja, der die Wahl zwischen Wirklichkeit und Traum nicht schwer fällt, eine Frau, die von innen her zu verglühen scheint:

" Zuerst starb mein Vater. Aber das ist schon so lange her, dass ich mich daran nicht erinnern kann. Dann verlor ich meine Mutter. Sie reiste mit einem Fremden ab. Von da an hatte die Großmutter solche Angst, dass ich eine Dummheit machen würde, und weil sie doch fast blind ist und mich nicht festhalten konnte, da nahm sie manchmal eine Sicherheitsnadel und steckte meinen Rock an ihrem fest. "

Auf der Höhe ihres Ruhms, sie hat immerhin in fünfzig Filmen mitgespielt und später in dreißig Fernsehspielen und –serien, auf der Höhe des Ruhms hatten alle nicht genug von ihr bekommen können, und zuletzt sind fast alle vor ihr davon gelaufen. Selbst zu ihren Geburtstagen hielt sich die öffentliche, die veröffentlichte Aufmerksamkeit in engen Grenzen. Da galt sie wegen ihrer schier hemmungslosen Redseligkeit als eine der gefürchtetsten Interviewpartnerinnen. Doch als dann ihr Unglück überhand nahm, mit Scheidung von ihrem geliebten zweiten Mann, Depressionen, Selbstmordversuch, hoffnungsloser Verschuldung und Verarmung, war sie auf einmal wieder der Star schlechthin - für Illustrierte und Boulevardpresse –, eine herzzerreißende traurige Berühmtheit.

Damals schrieb einer, der es gut mit ihr meinte, es habe wohl keine Künstlerin deutscher Zunge gegeben, der die veröffentlichte Meinung so schonungslos nahe getreten sei wie ihr. Was hilft's, dass sie selber dazu beigetragen hat mit ihrer Mitteilsamkeit über ihre Ehen und Liebschaften, ihre Familie, die Brüder Max und Carl, die Schwester Immy, die beiden Töchter und deren Verhältnisse. Vieles davon ist, in hoch emotionaler Sprache, nachzulesen in ihrer Autobiografie "Die Kostbarkeiten des Augenblicks", und schon der Titel sagt alles über ihre Lebensgier. – In den letzten Jahren war sie schon tot, bevor sie gestorben war. Da hat fast nur noch Max zu ihr gehalten, ihr Bruder Maximilian Schell, der ihr in dem Film "Meine Schwester Maria" ein Denkmal setzte – wie er es viele Jahre vorher mit Marlene Dietrich gehalten hatte, dem anderen Star aus Deutschland. Maria Schell kann den Vergleich aushalten.

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