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StartseiteCorsoAtmosphärisch, experimentell, künstlerisch26.02.2019

Zum Tod von Mark HollisAtmosphärisch, experimentell, künstlerisch

Mit seiner Band Talk Talk schrieb Mark Hollis Hits wie „It’s my life“ oder „Life's what you make it“. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs begann er, einen neuen Sound zu entwickeln. "Er wurde zu einem Experimentator, der den Mut hatte, sich neu zu erfinden", sagte Musikkritiker Raphael Smarzoch im Dlf.

Raphael Smarzoch im Interview mit Sigrid Fischer

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Paul Webb, Mark Hollis und Lee Harris von der britischen Band "Talk Talk", aufgenommen im Januar 1985 (dpa)
Mark Hollis (M.) umrahmt von den beiden anderen Mitgliedern der britischen Band Talk Talk (dpa)
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In Concert: Talk Talk

Sigrid Fischer: Musikalisch hat man von Mark Hollis, dem einstigen Frontman der Band Talk Talk, schon lange nichts mehr gehört, das letzte Album stammt von 1998. Es war sein einziges Soloalbum, nach der Zeit mit seinem 80er-Jahre-Projekt Talk Talk. Jetzt ist Mark Hollis gestorben, er wurde nur 64 Jahre alt. "It's my life", "Such a Shame" – das waren große Hits, aber längst nicht alles, was ihn und sein Schaffen ausmachte. Raphael Smarzoch ist im Studio, 10 Jahre gab es "Talk Talk" – 1981 bis '91, für die 80er-Jahre war das aber schon eher ein ungewöhnliches Projekt?

Raphael Smarzoch: Für die 80er-Jahre war das definitiv ein ungewöhnliches Projekt. Mark Hollis war ein großer Experimentator, der den Mut hatte, sich neu zu erfinden und seine erfolgreiche musikalische Karriere aufzugeben, die Anfang der 80er-Jahre mit der Band Talk Talk ihren Anfang nahm. Auf ihrem Debütalbum "The Party’s Over" spielte die Band noch einen sehr eingängigen Synthie-Pop, der für die damalige Zeit sehr populär war. Mit dem zweiten Album "It’s My Life" änderte sich das aber. Talk Talk bewiesen, dass sie nicht bloß Trittbrettfahrer sind und eine weitere britische New-Wave-Band, sondern sie begannen, zunehmend ihren eigenen Sound zu entwickeln, der auch mit einem kommerziellen Erfolg einherging. Auf "It’s My Life" finden sich Hit-Singles wie "Such a Shame" oder eben das gleichnamige Titelstück, das sicherlich viele kennen werden.

Bezüge zu Ambient-Musik

Fischer: "It’s My Life", das ist ja schon deutlich 80er-Jahre-Sound. Das klingt noch nicht so experimentell. Die Wende kam später?

Smarzoch: Genau, der radikale Bruch kam 1988 mit dem Album "Spirit Of Eden". Und man mag es kaum glauben, dass hier noch dieselbe Band aktiv ist. So anders, so fremd, klingt dieses Album im Vergleich zu ihren Vorgängern. Was auffällt ist, dass die Elektronik gegen akustische Instrumente eingetauscht wurde. Es schleichen sich Einflüsse aus dem Jazz in die Musik. Und dann gibt es auch keine konventionellen Songstrukturen mehr in dem Sinne. Wir haben es also mit einer Musik zu tun, in der es um Stimmungen, um Atmosphären, geht. Das wiederum weist Bezüge zur Ambient-Musik auf, die ein paar Jahr zuvor von Brian Eno entwickelt wurde. Man denke nur an sein Album "Music For Airports". Eno sprach davon, dass Musik sich wie eine akustische Duftwolke ausbreiten solle. Und genau das passiert hier eben auf "Spirit Of Eden". 

Hollis lehnte den Musikbetrieb ab

Fischer: Jetzt frage ich mich natürlich bei so viel Erfolg, mit diesen Hits eben auch, war Mark Hollis doch auch so eigenwillig. Er hat sich nicht so lenken lassen, von der Plattenfirma, von der Emi. Er wollte auch immer mehr weg vom Mainstream, wenn ich das richtig verstehe.

Smarzoch: Genau, er wollte experimentieren. Das ist zu einem seinem kommerziellen Erfolg geschuldet, weil er die Freiheit dazu hatte, mit den Hits, die er zuvor hatte. Zum anderen steckt aber auch in dieser künstlerischen Neuerfindung eine Ablehnung des Musikbetriebs, der damals mit MTV seinen Siegeszug antrat. Hollis verweigerte sich dem. Diese künstlerische Verweigerungshaltung, die immer auch melancholisch grundiert war, spürt man meines Erachtens aber auch schon auf den Hit-Singles, die immer etwas Trauriges, Introspektives hatten; textlich ging es ja auch oft um sehr existentialistische Dinge. Man hörte immer ein lachendes und ein weinendes Auge in seiner Musik mit.

Fischer: Aber wie kam das bei den Fans letztendlich an?

Smarzoch: Die Fans waren verwirrt, die Plattenfirma beendete die Zusammenarbeit. Nach "Spirit Of Eden" kam zwar noch ein weiteres Album "Laughing Stock", das aber damals weitestgehend ignoriert wurde. Später zog sich Mark Hollis dann aus dem Musikbetrieb vollkommen zurück.

"Er war ein sehr zurückgezogener Mensch"

Fischer: Alle fanden, er war ein Genie, das schreiben ja auch heute. Warum hört dann jemand so komplett auf mit dem, was er so gut kann?

Smarzoch: Da kann ich nur mutmaßen. Er war ein sehr zurückgezogener Mensch, aber er wollte auch, so sagte er mal in einem Interview, "lieber Vater sein" und das ging nicht mit einem Leben als Musiker zusammen. Aber es gab noch ein Lebenszeichen. 1998 veröffentlichte er sein letztes musikalisches Lebenszeichen, ein gleichnamiges Solo-Album, auf dem er seine introspektive Musik noch mehr radikalisierte. Hier scheint sie buchstäblich zu zerfallen und sich in minimalistischen Arrangements aufzulösen. Es gibt ein schönes Zitat von ihm, das auf dieses Album sehr zutrifft: "Bevor du zwei Noten spielst, lerne, wie man eine Note spielt. Und spiele keine einzige Note, es sei denn, du hast einen Grund, sie zu spielen."

Fischer: Mark Hollis war auch sehr einflussreich für spätere Bands, die sich auf ihn berufen.

Smarzoch: Hollis wird nachgesagt mit seinem musikalischen Vokabular, Post-Rock oder auch Kammerpop vorweggenommen zu haben. Bands wie die amerikanischen Xiu Xiu würden ohne Mark Hollis und seinen affektierten Gesang sehr wahrscheinlich nicht in dieser Form existieren. Das gleiche gilt beispielsweise auch für eine Band wie Radiohead.

Fischer: Danke, Raphael Smarzoch, über Mark Hollis, den einstigen Sänger der einstigen Band Talk Talk. Er ist im Alter von 64 Jahren gestorben.

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