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StartseiteKultur heuteIkone des französischen Kinos 18.05.2020

Zum Tod von Michel PiccoliIkone des französischen Kinos

Die französische Filmlegende Michel Piccoli ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Piccoli galt als großer Star des französischen Kinos, als besonders vielseitiger Charakterdarsteller. Namhafte Regisseure von Jean-Luc Godard bis Luis Buñuel schätzten seinen diskreten Charme.

Von Josef Schnelle

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Der Schauspieler Michel Piccoli; Aufnahme vom Mai 2013 beim Filmfestival in Cannes (picture alliance / dpa)
Ein Grandseigneur der Schauspielkunst - Michel Piccoli (picture alliance / dpa)
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"Wissen Sie, seitdem ich Schauspieler bin, habe ich immer die Möglichkeit gehabt, mir die Menschen auszusuchen, von denen ich ohnehin ausgesucht werden wollte."

Die feine Ironie dieses Interviewstatements von Michel Piccoli war typisch für ihn, der die Schauspielkunst geistreich und klug betrieb. Selbst in kleinen Rollen war er kaum zu übersehen. Oft spielte er Kleinkriminelle und doppelbödige Figuren. Und er drehte mit den wichtigsten Regisseuren des europäischen Kinos: mit Luis Buñuel, mit Jean-Luc Godard, mit Louis Malle, Alain Resnais und mit Jacques Rivette.

Ein gigantisches Werk von mehr als 200 Filmen ist so zustande gekommen mit dem bedeutendsten französischen Charakterdarsteller im Mittelpunkt. Oft glänzte er als gewalttätige, unberechenbare Figur zum Beispiel in Claude Faraldos Parabel vom wilden, anarchischen Urmenschen, der in uns allen steckt - in dem "Themroc" aus dem Jahr 1972. Als enthemmter Fensterputzer mauert er da seine Wohnungstür zu, bricht die Außenwand heraus und schafft sich so eine Urhöhle, in der Polizisten brät, er und eine Passantin hemmungslosen Sex haben, er toben und wüten kann.

Serienkiller, Papst und Zuhälter

Er wird zum provozierenden Gegenentwurf der Gesellschaft, die ihn zu bekämpfen beginnt, ihm aber nur verschiedene Grunzlaute entlockt - einer der radikalsten Schauspielerfilme, die Piccoli je gedreht hat. An den Sympathien des Publikums für ihn änderte dieses Statement jedoch nichts, schließlich war er schon als eiskalter Serienkiller in "Trio Infernal" von Francis Girod und als skrupelloser Giftmischer in Claude Chabrols "Blutige Hochzeit" bekannt geworden.

Seine Rolle in "Belle de Jour" von Luis Buñuel ist nicht groß - dafür aber seine Präsenz umso mehr. Als Freizeitzuhälter aus dem bürgerlichen Milieu und Freund der Familie führt er Catherine Deneuve wohlhabende Kunden zu. In seinen Augen blitzt etwas Teuflisches. Den ersten Film drehte Michel Piccoli 1944. Jean Renoir besetzte ihn in seiner Hommage an die Pariser Halbwelt "French Can Can".

Durchbruch als Partner von Brigitte Bardot

Seinen Durchbruch feierte er aber 1963 bei Jean-Luc Godard als Schriftsteller an der Seite von Brigitte Bardot in "Die Verachtung". Die Figur verpasst den Moment, seiner Freundin seine Liebe zu beweisen und erleidet dafür die Strafe der Verachtung. Als hochaufgeschossener Gockel ist Piccoli Supermacho und kraftloser Dandy zugleich. Michel Piccoli sagte über das Geheimnis seiner Schauspielkunst:

"Ich glaube, dass die Schauspielerei ein ernsthafter Beruf ist. Aber ich als Mensch bin überhaupt nicht ernsthaft. Und auch wenn es Menschen geben sollte, die behaupten, dass die Schauspielerei kein ernsthafter Beruf ist, bin ich sehr glücklich darüber, diesen Beruf ernsthaft auszuüben."

Schon die Titel der Filme, die er mit Buñuel drehte, beschreiben ganz gut das Bedeutungsfeld, in dem sich Michel Piccoli bewegte. 1972 drehte Buñuel den nihilistischen Thriller "Der diskrete Charme der Bourgoisie" mit ihm, 1974 "Das Gespenst der Freiheit", 1977 "Dieses obskure Objekt der Begierde", Buñuels letzter Film. Filme, denen Piccoli in nur wenigen Momenten seinen Stempel aufdrückte.

Fast 60 Jahre lang im Filmgeschäft

Piccoli ist nicht zuletzt bekannt geworden durch seine außergewöhnlichen Partnerinnen, mit denen er jeweils ein Idealpaar formte. Mit Romy Schneider, mit Jeanne Moreau, mit Anouk Aimée und mit Juliette Binoche. In "Die Schöne Querulantin" von Jacques Rivette ist Michel Piccoli ein Maler auf der Suche nach dem idealen Akt. Und in "Habemus Papam" spielt Piccoli endlich den Papst, einen heftig zweifelnden allerdings. Michel Piccoli liebte keine einfachen Rollen.

"Aber ich ziehe die Suche nach dem Außergewöhnlichen vor, weil ich das Glück habe, das Leben wie ein Spiel zu nehmen und einen Beruf zu haben, der ein Spiel ist. Dieses Spiel verlangt viel Arbeit und Aufmerksamkeit, aber letztlich bleibt es ein Spiel."

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