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StartseiteBüchermarktEine moralische Instanz06.08.2019

Zum Tod von Toni MorrisonEine moralische Instanz

Sie war die erste afroamerikanische Schriftstellerin, die mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. Ihr Werk führte Lesern in aller Welt die tragische Geschichte der Afroamerikaner, ihren Kampf um Gleichberechtigung und ihre Kultur vor Augen. Nun ist Toni Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Brigitte van Kann

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Toni Morrison 2003 in New York (imago/Globe Photos)
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Die Weltkarriere war ihr weiß Gott nicht in die Wiege gelegt, als sie am 18. Februar 1931 in Lorrain/Ohio als Chloe Ardelia Wofford in einer Arbeiterfamilie zur Welt kam. Mit zwölf wurde sie Katholikin und nahm den Namen Anthony an, den sie später während ihres Anglistik-Studiums an der Howard University, einer ausschließlich "schwarzen" Universität, in "Toni" umwandelte. Morrison hieß sie nach ihrem Ehemann. Den Namen behielt sie bei, als die Ehe nach wenigen Jahren scheiterte und sie ihre beiden Söhne allein großzog: Toni Morrison!

Fragen, die Nachdenken provozieren

Jane Austen und Lev Tolstoj gab sie als ihre Lieblingsautoren an. An William Faulkner maß sie ihr Schreiben. Referenzen, die ihre Meisterschaft in der großen epischen Form, ihre Freude am weit gespannten und tief gründenden Erzählen erklären. Was nicht heißt, dass Toni Morrison ausschließlich "dicke Wälzer" verfasst  hätte. Ihr Erstling, der Roman "The bluest eye" erschien 1970 und gehört zu ihren kürzeren Arbeiten. "Sehr blaue Augen", so der deutsche Titel, untersuchte die fatale Wirksamkeit "weißer" Ideale im Leben afroamerikanischer Menschen. So wünscht sich die kindliche Heldin sehnlichst blaue Augen. Von blauen Augen, wie Weiße sie haben, verspricht sie sich die Lösung aller Probleme des familiären und materiellen Elends, in dem sie aufwächst. Ein Elend, das genauso unveränderlich, ja angeboren scheint wie die Augenfarbe, die einem Menschen gegeben ist. Wie alle ihre späteren Romane trug auch schon "The bluest eye" den Charakter einer Untersuchung. In einem Interview anlässlich ihres 75. Geburtstags sagte Toni Morrison:

"Ich habe kein festes Programm und keine Vorgaben. Es besteht in der Kunst ein großes Bedürfnis danach, aber ich beginne alle Romane mit sehr komplizierten Fragen, die ich nicht beantworten kann. Sie sind wie Provokationen gemeint, und ich möchte, dass der Leser mit mir darüber nachdenkt."

1977 gelang Toni Morrison der Durchbruch mit ihrer Familiensaga "Song of Solomon", die zwei Jahre später in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Solomons Lied" erschien: Auf der Suche nach einem angeblichen Schatz, der in der Familienlegende kursiert, entdeckt der Held, dass seine Vorfahren an einer Geheimoperation zur Tötung weißer Menschen beteiligt waren – für jedes schwarze Opfer weißer Gewalt wurde ein Weißer umgebracht. Die vielen, scheinbar losen Fäden der Familiengeschichte, die sich auf der Odyssee dieser Schatzsuche auftun, fügen sich durch ein Kinderlied, eine Art Abzählreim, zur Erkenntnis. In "Song of Solomon" wurde Toni Morrisons frühe Prägung durch die mündliche afroamerikanische Erzähltradition produktiv. In ihrem Elternhaus war es der Vater, der diese Tradition pflegte, während die Mutter mit ihrer schönen Gesangsstimme die Freude an der Musik weckte und der Prosa ihrer schreibenden Tochter womöglich den bezwingenden, swingenden, bluesigen Rhythmus eingab.

Von eiskalt über heiß zu cool

1992 schrieb sie sogar einen kurzen Roman mit dem Titel "Jazz", der in den Roaring Twenties spielt und von leidenschaftlicher Liebe ebenso handelt wie von leidenschaftlicher Musik. In einem von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil, heißt es da, "kann die richtige Melodie, unter einer Tür gepfiffen oder von den Rillen und Kreisen einer Schallplatte aufsteigend, das Wetter verändern. Von eiskalt über heiß zu cool."

Nach ihrem Studium unterrichtete Toni Morrison Literatur an amerikanischen Universitäten. 19 Jahre, von 1964 bis 1983 war sie als Lektorin im renommierten New Yorker Verlag Random House eine unermüdliche Fürsprecherin afroamerikanischer Literatur. So schwierig das in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen sein muss – heute machen junge afroamerikanische Schriftsteller wie Ta-Nehisi Coates und Colson Whitehead, um nur zwei der populärsten zu nennen, von sich reden. Toni Morrison hat ihnen den Weg bereitet.

Weltruhm erlangte sie 1987 mit ihrem großen Roman "Beloved", der zwei Jahre später auf Deutsch unter dem Titel "Menschenkind" erschien. Die schwarze Talkmasterin Oprah Winfrey brachte das Buch in ihre legendäre Show, erwarb die Filmrechte und übernahm 1998 schließlich auch die Hauptrolle im gleichnamigen Film von Jonathan Demme. Oprah Winfrey, die erste afroamerikanische Milliardärin, spielte die entflohene Sklavin Sethe, die ihr Kind tötete, damit es ihrem früheren Besitzer nicht in die Hände fiel. Später wird Sethe vom Geist ihres toten Kindes heimgesucht und verliert darüber schier den Verstand.

In "Beloved" unternahm Toni Morrison den wohl entschlossensten Ausflug in den magischen Realismus, der viele ihrer Arbeiten berührt. Damit machte sie einen zentralen Aspekt afroamerikanischer Kultur zum literarischen Zündstoff – die Magie, den Glauben an übernatürliche Kräfte.

Für "Beloved" regnete es Preise. Das Werk wurde von der New York Times zum besten amerikanischen Roman der vergangenen 25 Jahre gekürt. Leser in aller Welt tauchten ein in die Geschichte der amerikanischen Sklaverei. Hier wie in allen Büchern von Toni Morrison war für Nichtafroamerikaner eine unbekannte Wirklichkeit zu entdecken: das Schicksal der schwarzen Bevölkerung Amerikas, ihre Lebenswelt, ihre Kultur. Zu den Fragen, die die Autorin in diesem Epos untersuchte, gehört in erster Linie der Rassismus, das, was er mit den Menschen macht und wie schwer es ist, dem Erbe der Sklaverei zu entkommen.

Rassismus ist destruktiv und sinnlos

"Rassismus nimmt dir all deine Zeit, deine Energie, dein Geld. Er ist so destruktiv, so sinnlos. Er hat nie neue Erkenntnisse gebracht. Er ist eine ständige Variation seiner eigenen Blindheit, deshalb ist er intellektuell langweilig. Er ist eine Nicht-Idee, Ein Vakuum."

Toni Morrison war in "Beloved" von einem aktenkundigen Fall ausgegangen: der Geschichte einer entflohenen Sklavin, die ihr Kind tötete, um es vor Entrechtung und Erniedrigung zu schützen. "Zentrum und Fülle des Romans beherrscht das ermordete Kind. Das Bild dieses Mädchens durch Einbildungskraft lebendig werden zu lassen, war mir Seele und Skelett meiner Kunst." schrieb Toni Morrison in ihrem Essayband "The Origin of Others", auf Deutsch 2018 unter dem Titel "Die Herkunft der Anderen" erschienen. Darin versammelte sie eine Reihe ihrer Vorträge zur "Literatur der Zugehörigkeit", gehalten 2016 an der Harvard University. Toni Morrison ging darin Fragen der Hautfarbe, der Rasse und des Rassismus nach. Sie reflektierte das Phänomen der Abgrenzung, überdachte Begriffe wie Zugehörigkeit und Identität. Immer wieder kam sie dabei auch auf ihre eigenen Romane zu sprechen und machte klar, worum es ihr jeweils zu tun war: Sie lieferte sozusagen Interpretationen aus erster Hand.

Damit ist der Essayband "Die Herkunft der Anderen" allen ans Herz zu legen, die Toni Morrisons Romane noch für sich entdecken oder sie nach langer Zeit aufs Neue lesen wollen.

Als Fundament des Rassismus bezeichnete sie die Strategie, Menschen als die "anderen", die nicht dazu Gehörenden, zu klassifizieren, sie schließlich zu Unmenschen zu erklären und damit jede Grausamkeit ihnen gegenüber zu rechtfertigen. Macht und Profitgier waren für sie die treibenden Kräfte des Unterscheidungswahns.  

In ihrem Roman "Paradise", zu Deutsch "Paradies", führte sie dem Leser die Schrecken der Durchsetzung eines religiösen und rassischen "Reinheitsgebots" vor. Diesmal sind es Mitglieder einer afroamerikanischen Landkolonie, die den weißen Vorbehalt gegen die schwarze Haut mit einem umgekehrten Vorzeichen versehen: Akzeptiert wird nur, wer tiefschwarze, ja, blauschwarze Haut hat. Eine Gemeinschaft von Frauen, die fern jeder Ideologie und Religion ein aufgelassenes Kloster bewohnen und niemandem etwas zuleide tun, muss für unerklärliches Unglück in der Kolonie mit dem Tod bezahlen. Sie sind "anders", also müssen sie Hexen sein, deren Tod notwendig ist, damit das Glück wieder einkehrt.

Wertloser, weil anders

Toni Morrison selbst erfuhr als Kind ein Hautfarbe-Verdikt durch ihre Urgroßmutter, eine imposante Frau von unwidersprochener Autorität. Sie bezeichnete das Mädchen als "verpfuscht", denn seine Haut war nicht dunkel, nicht "rein" genug. Die spätere Schriftstellerin nahm es gelassen – schon als Kind besaß sie einiges Selbstbewusstsein und wohl auch das, was Psychologen heute als "Resilienz" bezeichnen. Aber damals erkannte sie, wie sie schreibt, dass es etwas gibt, "was einen wertloser, weil anders macht".

Die Frage der Hautfarbe stellte Toni Morrison noch einmal ins Zentrum ihres Romans "God help the child" von 2015, der 2017 unter dem Titel "Gott, hilf dem Kind" in deutscher Übersetzung erschien. Die Heldin kommt tiefschwarz zur Welt, obwohl ihre Eltern hellhäutige Afroamerikaner sind. "Ihre Farbe ist ein Kreuz, das sie immer zu tragen haben wird", sagt die Mutter und ist kurz davor, ihr Kind zu töten. Aber als junge Frau schlägt die tiefschwarze Schönheit Kapital aus ihrer Hautfarbe – sie wird ein begehrtes Model und trägt ausschließlich weiß, damit ihre Haut umso intensiver leuchtet. Wie in fast allen ihren Werken vermaß die Autorin auch hier den Handlungsspielraum afroamerikanischer Frauen. Immer galt ihr Augenmerk der weiblichen Stärke, dem weiblichen Leid – und es ist bestimmt nicht falsch, sie als Feministin zu bezeichnen.

1993 erhielt Toni Morrison als erste Afroamerikanerin den Literaturnobelpreis. Selten hat man einen Empfänger der höchsten Auszeichnung für ein literarisches Lebenswerk so stolz, so elegant, ja, so majestätisch vor den schwedischen König treten sehen. Später berichtete sie, wie bewusst ihr in diesem Augenblick ihre Vorbildrolle für ihre afroamerikanischen Landsleute, und besonders für die Frauen gewesen sei. Wie jeder wahrhaft kluge Mensch besaß Toni Morrison aber auch eine Portion Selbstironie und hat ihren Einfluss auf andere nie überschätzt:

"Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich in den Medien als Wortführerin gehandelt und laufend zitiert werde. Ich bin mir aber auch bewusst, dass mich keiner ernst zu nehmen scheint. Das ist sicher. Keiner meiner Ratschläge wurde je angenommen ..."

Eine Auswahl lieferbarer Bücher von Toni Morrison:

Toni Morrison: "Gott, hilf dem Kind". Roman. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017. (auch als Taschenbuch erhältlich)

Toni Morrison: "Die Herkunft der Anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur". Essays. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2018.

Folgende Romane sind als Rowohlt-Taschenbücher lieferbar:

Toni Morrison: "Menschenkind". Roman. Deutsch von Helga Pfetsch. Mit einem Vorwort der Autorin übersetzt von Thomas Piltz. Erweiterte Neuausgabe. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2007.

Toni Morrison: "Solomons Lied". Roman. Deutsch von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1986.

– Toni Morrison: "Paradies". Roman. Deutsch von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2001.

Toni Morrison: "Sehr blaue Augen". Roman. Mit einem neuen Nachwort der Autorin. Deutsch von Susanna Rademacher. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1979.

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