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StartseiteKultur heute"Bilder sind nicht unschuldig"20.03.2019

Zur Ikonografie des Brexit"Bilder sind nicht unschuldig"

Die britische Premierministerin Theresa May von hinten, Closeup auf "Mr. Speaker": Diese Bilder zum Brexit haben nach Ansicht des Kulturwissenschaftlers Thomas Dreier inzwischen einen ikonografischen Status erreicht. Ein Fotograf gebe den Bildern immer seine Botschaft mit, sagte Dreier im Dlf.

Thomas Dreier im Gespräch mit Stefan Koldehoff

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London. Die Britische Premierministerin Theresa May verlässt Downing Street No. 10 am Donnerstag 14. März, 2019 (imago / Xinhua)
Harmloser Gruß oder Symbol für Abschied? Theresa May verlässt Downing Street No. 10 im März 2019 (imago / Xinhua)
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Stefan Koldehoff: Wieviele Bilder sind es, die wir täglich wahrnehmen: Tausende? Hunderttausende? Wahrscheinlich. Und wieviele haben davon das Zeug, zum historischen Bild zu werden? Früher war das einfacher möglich: in den Hochzeiten der Malerei, ab dem Spätmittelalter. Da gab es sogar das eigene Genre des Historienbildes, dem es gelingen musste, den einen entscheidenden Moment eines historischen Ereignisses für die Ewigkeit festzuhalten. Fünfhundert Jahre später – in unserer Gegenwart – gibt es wieder so ein Ereignis: den "Brexit" – das Ausscheiden einer Nation aus einer alten Wirtschafts-, Werte- und Friedensgemeinschaft. Produziert auch der Brexit, der so quälend langsam vonstatten geht und dessen Ende immer unklarer wird, noch historische Bilder? Wie kann man solch ein abstraktes Ereignis überhaupt abbilden? Gibt es in der Bilderflut des Jahres 2019 noch zentrale Motive? Das habe ich Professor Thomas Dreier gefragt, der am Karlsruher Institut für Technologie eigentlich Jurist ist, aber auch viel über Bilder und Geschichte weiß.

Thomas Dreier: Nun, es gibt natürlich vor allen Dingen heute die Berichterstattung über das Fernsehen – bedenken wir die klassische Kameraposition auf Theresa May als Premierministerin oder den Closeup auf den Speaker des Hauses. Das sind ja fast schon Bilder, die heute ikonografischen Status erlangt haben.

Koldehoff: Welchen Einfluss haben Ihrer Einschätzung nach solche Bilder? Können die Meinungen drehen? Können die Meinungen in irgendeine bestimmte Weise manipulieren?

Dreier: Angesichts der Informationsüberflutung, die wir heute haben, spielen diese Bilder insgesamt natürlich nur eine geringere Rolle. Ein Schlachtengemälde hat früher über Jahrzehnte hinaus einen bestimmten historischen Punkt fixiert. Heute laufen diese Entwicklungen doch alle sehr viel schneller ab, und vor allen Dingen: sie laufen auf sehr vielen unterschiedlichen Plattformen ab, wobei natürlich die Hauptpunkte wiederum auf YouTube und ähnlichen Plattformen dann multipliziert werden und fast schon Main-Charakter annehmen können.

Mikrokosmos - Die Kulturreportage (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Symbolsprache ist simpler geworden

Koldehoff: Sie haben sich ausführlich befasst mit der Darstellung des Rechtswesens in Bildern, mit der Ikonografie der Juristerei sozusagen. Das sind auch abstrakte Sachverhalte, die da verhandelt werden, beziehungsweise abstrakte Abläufe. Da wird plädiert, da wird argumentiert. Wie unterscheidet sich das von politischen Prozessen? Oder sind das im Grunde gleiche Verfahren, für die gleiche Darstellungsformen gefunden werden müssen?

Dreier: Das Recht ist natürlich eine klassische Materie, die an die Sprache und vor allen Dingen an die Schrift gebunden ist. Das Recht als System ist, wenn man mal von Verkehrszeichen absieht, weitgehend bilderfrei. Das heißt, Darstellungen vom Recht – da gibt es eine lange Tradition, schon einige Jahrhunderte her, vor allen Dingen die Symbolisierung des Rechtswesens an sich. Denken wir an die Justitia mit ihrer ungleichen komplexen Symbolsprache, ein hochgradig komplexes symbolisches Gebilde, das die damaligen gebildeten Leute durchaus zu lesen vermochten. Diese Kompetenz ist uns heute ein bisschen abhandengekommen. Darstellungen von Recht beschränken sich meist auf gängige Symbole. Wenn man etwa bei Google "Bild und Recht" eingibt, dann kommt in Deutschland natürlich das Paragraphenzeichen heraus. Da kommt in England der Hammer heraus. Die Symbolsprache des Rechts ist heute sehr viel simpler geworden, sehr viel direkter und spielt meines Erachtens aber auch eine nur noch illustrative, geringere und keine inhaltliche Rolle mehr.

Koldehoff: Woran liegt es Ihrer Einschätzung nach, dass wir heute bestimmte Symbole nicht mehr so einfach lesen können?

Dreier: Die früheren Symbole setzten einen ungleich höheren Grad an Bildungswissen voraus. Man nahm hier Bezug auf Geschichten der Bibel etwa – denken Sie an Thomas Hobbes "Leviathan". Was der Leviathan ist und aus welchem Buch in der Bibel der kommt, das wüsste wahrscheinlich kaum mehr jemand.

Koldehoff: Eine Frage der Bildung demnach?

Dreier: Insofern eine Frage der Bildung. Es gibt ja konservative Bildungskritik, also eine Kritik am Verfall des Allgemeinwissens. Ich teile das nicht unbedingt, weil einfach unser Wissen ja dermaßen explodiert ist, dass der normale Mensch, der normale Bürger heute auf einer ungleich größeren Basis Bescheid wissen muss, so dass für Detailwissen allenfalls noch in beschränkten Bereichen etwas übrig bleibt. Und das macht es dann wieder schwieriger, gemeinsame visuelle Ankerpunkte zu finden, an die Jedermann anknüpfen kann, aus denen Jedermann dann Verständnisse ziehen kann.

May steigt in dunkler Nacht in den Keller hinab

Koldehoff: Und trotzdem kann man den Eindruck haben, dass auch die aktuelle, die ganz moderne elektronische Bildsprache, über die Sie vorhin gesprochen haben, auf einen, na ja, fast klassischen Kanon rekurriert. Theresa May wird in den letzten Wochen und Monaten gern von hinten, mit hochgeschlagenem Kragen, mit markanter Nase dargestellt. Wenn man böse wäre, könnte man an Hexendarstellungen denken. Geht Ihnen das auch so, dass solche Assoziationen automatisch auch heute noch kommen?

Dreier: In der Karikatur werden solche Dinge sicherlich noch prononciert dargestellt, überzeichnet und dadurch auf den Punkt gebracht. Ich weiß jetzt nicht genau, welche Bedeutung in der politischen Kommunikation auch gerade dem Wähler oder dem Staatsbürger gegenüber die Karikatur hat. Auch das ist sicher eine Sache, die, ich kann mir vorstellen, in den 50er-, 60er-Jahren noch sehr viel größeren Einfluss hatte. Wir kennen den Mohammed-Karikaturenstreit. Dort hat es in der Grenzlinie zu einer ganz andersartigen Kultur noch mal zu Problemen Anlass gegeben. Also, dass es Rechtsstreite gegeben habe, weil sich Politiker in Karikaturen zu Unrecht verunglimpft sehen, davon habe ich in letzter Zeit eigentlich wenig gehört. Völlig klar - der Karikaturist, aber auch der Fernsehreporter, der Theresa May fotografiert, wenn sie nach ihrer Wahlniederlage in dunkler Nacht in den Keller hinabsteigt, so hat man den Eindruck, der versucht schon, eine bestimmte untergründige Message seinen Bildern mitzugeben. Bilder sind nicht unschuldig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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