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StartseiteEine WeltDas Dorf der Vergesslichen in Chiang Mai 24.08.2019

Zur Pflege nach ThailandDas Dorf der Vergesslichen in Chiang Mai

In Chiang Mai im Norden Thailands hat ein Schweizer zunächst nur für seine Mutter, inzwischen aber für einige Demenzkranke aus Deutschland, der Schweiz und Österreich Betreuung organisiert. Die Patienten werden rund um die Uhr von thailändischen Pflegerinnen betreut, gehen im Dorf zum Friseur, ohne ein Wort zu verstehen - doch die Pflege sei liebevoller und besser, meint der Gründer.

Von Lena Bodewein

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Betreuerin Tay (r), aufgenommen am 09.09.2016 in der Nähe von Chiang Mai in Nordthailand) mit zwei demenzkranken Gästen bei einem Shopping-Ausflug. Im Dorf Faham, 20 Kilometer nördlich von Chiang Mai gibt es eine Einrichtung «Baan Kamlangchay» für gut ein Dutzend Langzeitgäste in verschiedenen Demenzstadien, die von mehr als 40 Mitarbeitern betreut werden. (dpa / Christiane Oelrich/dpa )
Neue Heimat für Demenzkranke in Thailand (dpa / Christiane Oelrich/dpa )
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Auf der Suche nach einem Heim für Demenzkranke in einem Vorort von Chiang Mai. Ruhige Straßen, weiße Mauern, blühende Pflanzen - und plötzlich ein Wegweiser für Wanderer: "Einsiedelei: 30 Minuten, Weißenstein: drei Stunden 50 Minuten, Langendorf: 35 Minuten in die Richtung, Kufstein: 8 Stunden 25 Minuten", ist zu lesen. Der Wegweiser steht vor einem kleinen Markt, in dem es von Bild der Frau bis Focus deutschsprachige Medien und auch Lebensmittel gibt. Davor sitzen auf einer Terrasse immer paarweise eine ältere westliche Person und eine jüngere Thailänderin und plaudern in einem Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Thai. Hier sitzt auch Martin Woodtli, verantwortlich für die Demenzkranken und auch für den Wegweiser. Er sagt:

Die Schweiz in Thailand

"Dieser Berg hier, der  könnte ebenso gut der Weißenstein sein. Das ist ein Berg im solothurnischen. Das entstand eigentlich alles aus Aussagen von unseren Gästen. Also, könnte man doch da jetzt auf den Weißenstein gehen, da kommt man durch die Einsiedelei und so habe ich dann ein bisschen gespielt mit den Ortschaften. Also, ja, es ist alles so ein bisschen - verzerrt und ja so muss das eigentlich empfunden werden. So wird das wahrscheinlich empfunden, von Demenzkranken. Die geografische Orientierung. Das heißt eigentlich auch, wenn sich jemand wohl fühlt, nimmt er seine Heimat mit."

So war das auch bei seiner Mutter, mit ihr fing die Geschichte des Dorfes der Vergesslichen an: Vor 14 Jahren suchte Martin Woodtli für die Alzheimerkranke nach dem Tod seines Vaters eine Betreuung. Was er in der Schweiz fand, hat ihm nicht genügt – ein Heim, viel Zeit allein. Martin Woodtli:

"Da habe ich mir überlegt, ich könnte viel mehr machen in Thailand. Und ich habe es natürlich versuchen müssen, denn es könnte ja auch schiefgehen. Ich hab mir gesagt: Ich habe nichts zu verlieren. Ich gehe mit ihr. Wenn es klappt, bleiben wir. Wenn es nicht geht, dann waren es Ferien."

Pflege hat hohen Stellenwert

Doch es klappte gut; er wusste schon von seiner früheren Tätigkeit bei einem Aidsprojekt für Ärzte ohne Grenzen in Thailand, was er zu erwarten hatte:

"Das Pflegen und Betreuen von älteren Menschen das ist eine gesegnete Aufgabe in Thailand. Das hat einen hohen Stellenwert. Diesbezüglich ist es natürlich super für unsere Arbeit."

Drei Pflegerinnen betreuen schichtweise einen Gast, so nennt Martin Woodtli die erkrankten Bewohner, mit viel Zeit für Spaziergänge, Kosmetik, Schwimmen, Interaktion mit den Betreuern. So war es bei seiner inzwischen verstorbenen Mutter, und so wollte er es auch anderen Menschen ermöglichen. 14 Gäste gibt es inzwischen: aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Untergebracht sind die Gäste in ganz normalen Wohnhäusern, über mehrere Straßenzüge verteilt, ein Teil der Dorfgemeinschaft, der nicht weiter auffällt. Mit Verena geht es heute zum Friseur.

Woodtli dolmetscht, Verena genießt

In einem kleinen Salon, in dem auch Hüte und Handtaschen ausgestellt sind, wäscht und schneidet die thailändische Friseurin; Martin Woodtli dolmetscht und Verena genießt - zumindest für eine kurze Zeit, dann möchte sie aufspringen. Die Friseurin kennt das schon: "Normalerweise schlafen die Kunden einfach ein. Sie entspannen. Diese Gäste sind ein bisschen dynamischer." Die thailändischen Dorfbewohner und Betreuer kennen ihre Gäste schon: den 88-jährigen Dieter etwa, der oft in seinen Erinnerungen der Kriegszeit lebt, erklärt Martin Woodtli:

"Er ist dann oft in so Situationen, wo er dann das Gefühl hat, er muss jetzt gehen, er muss gehen, er muss gehen. Und dann läuft er los und die Betreuerin mit. Und irgendwann ist es schwierig, wieder aus diesem Muster herauszukommen. Was natürlich hier schon hilft, ist die Tatsache, dass sie sich wirklich frei bewegen können im Dorf. Also, wenn jemand jetzt zum Beispiel schlecht drauf ist oder irgendwie verstimmt ist, kann die Betreuerin mal einen Ortswechsel machen, einmal weggehen. Dann verflüchtigt sich das oft."

Heute ist er etwas missgelaunt. Dieter: "Ja, das gibt es schon mal." Martin Woodtli: "Und jetzt, was wollen Sie jetzt von mir?" Dieter: "Also, diese Fliegen heute, die sind furchtbar." Martin Woodtli: "Übrigens, der Martin, Dein Sohn, kommt schon bald wieder zu Besuch." Dieter: "Ja." Martin Woodtli: "Nächsten Monat." Dieter: "Dürfte so ungefähr hinkommen." Martin Woodtli: "Ja, freust du dich?" - Dieter: "Ja, das tu ich schon."

Bestattung nach thailändischem Ritus

Für die Angehörigen ist der Schritt, ihre Männer, Frauen, Väter oder Mütter aus der Schweiz oder Deutschland nach Thailand umzusiedeln, oft am schwersten. Martin Woodtli:

"Die müssen sich dann entscheiden: Wollen sie sich darauf einlassen? - auf diese Distanz auch. Das ist dann ihr Problem. Die realisieren das. Aber die Demenzkranken, die meisten, die sehen das nicht. Die sind dann hier. Nicht unbedingt in dem Wissen, dass sie in Thailand sind. Die sind – zuhause, in ihrem Kopf."

Viele Angehörigen verbringen dann viele Wochen am Stück dort, wenn sie zu Besuch kommen; sie genießen die Zeit - und das Wissen, dass die Gäste hier gut versorgt sind, für etwa 90 Euro am Tag, mit vier Mahlzeiten, 24-Stunden-Betreuung, Massagen und Sport. Und wenn jemand stirbt, wurden sie bisher mit Einverständnis der Angehörigen hier in Thailand bestattet - nach hiesigem Ritus. Ob Schweiz, Deutschland oder Thailand - im Dorf der Vergesslichen gibt es Willkommen und Abschied.

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