Freitag, 13.12.2019
 
Seit 10:10 Uhr Lebenszeit
StartseiteInformationen am Morgen"Quälen ohne Ende wollten wir absolut vermeiden"06.11.2015

Zur Sterbehilfe in die Schweiz"Quälen ohne Ende wollten wir absolut vermeiden"

Am 10. Dezember 2009 starb die schwer erkrankte Bremerin Ute Schreimel von eigener Hand - in der Schweiz. Ihr Mann leidet heute noch darunter, dass er ihr den Wunsch, zu Hause aus dem Leben zu scheiden, nicht erfüllen konnte. "Würdelos" findet Klaus Schreimel die aktuelle Debatte über geschäftsmäßige Sterbehilfe: Das einzige, was zähle, sei die Selbstbestimmung.

Von Almuth Knigge

Zwei Hände halten sich umschlossen auf einem Laken. Die Linke Hand trägt einen Ehering. (imago stock & people)
Nach einer Krebsdiagnose wollte die Frau des Bremers Klaus Schreimel über ihren Tod selbst bestimmen und fuhr dafür in die Schweiz. (imago stock & people)
Mehr zum Thema

Bundestag Mehrheitlich gegen geschäftsmäßige Sterbehilfe

Sterbehilfe-Gesetz Zum Drama der Selbsttötung

Sterbehilfe-Gesetz Zypries fordert Angebote, keine Verbote

Sterbehilfe-Debatte im Bundestag Mediziner: Genau hinhören, was Todkranke wollen

Sterbehilfe-Novelle Verbot, Straffreiheit oder Status quo

Palliativmedizin Im Windschatten der Sterbehilfe-Debatte

Bundestag Der Wille und der Tod

Der Tag, an dem die Bremerin Ute Schreimel stirbt, ist der 10. Dezember 2009. Sie stirbt von eigener Hand. In der Schweiz.

"Darüber reden, fällt nicht schwer, wir hatten ja fünf Jahre Zeit, uns darauf vorzubereiten."

Ihr Mann Klaus, ihre beiden Kinder und zwei Mitarbeiter der Sterbehilfeorganisation Dignitas sind bei ihr.

"Das wollte sie ja hier – aber hier ist es ja nicht möglich."

Ute Schreimel leidet an Bauchfellkrebs - ein nicht erkannter Eierstocktumor hat dazu geführt. Als sie die Diagnose verstanden und akzeptiert hat, erzählt Klaus Schreimel, da will sie nur eins: sicherstellen, dass sie nicht qualvoll dahinsiechen wird. Eine Möglichkeit – Suizid:

"Ja, was nehmen Sie da? Wir haben uns da mit verschiedenen Möglichkeiten von wegen hier Schlaftabletten und dann ist man tot und friedlich eingeschlafen – das stimmt ja alles nicht. Die quälen sich ohne Ende und das wollten wir absolut vermeiden."

"Keine große Theatralik oder Verzweiflung"

Die Schreimels sind Marktbeschicker. Früher Obst und Gemüse – jetzt führen sie einen Imbiss mit Bremer Spezialitäten. Soweit es geht, nimmt Ute Schreimel nach der Diagnose ihre Leben wieder in die Hand. Eine Chemotherapie bricht sie ab. Stattdessen schließt sie sich einem Wanderverein an und pflegt ihren Garten. Lebensqualitätserhaltende Maßnahmen nennt ihr Ehemann das. Bis es irgendwann doch nicht mehr geht:

"Ich kam vom Markt, da sagt sie: 'Ich habe mich angemeldet – nächsten Donnerstag fahren wir in die Schweiz.' Und dann war eben der Tag und dann sind wir hier aufgebrochen. Es ist gewesen wie einkaufen gehen. Und keine große Theatralik oder Verzweiflung oder so etwas – nicht die Spur."

Ute Schreimel war nicht lebensmüde, sie hatte keine krankhafte Todessehnsucht. So wie ihr Mann sie schildert, war sie eine stolze Frau und wollte – das geht aus vielen Briefen hervor - über ihren Tod selbst bestimmen:

"Meine Frau war fest entschlossen, da gab es kein Gejammer oder 'Oh wie schrecklich' – nein, überhaupt nicht."

Die Familie kommt in der Schweiz an. Das Haus, in dem Ute Schreimel sterben wird, liegt in einem Gewerbegebiet:

"Da drin ist eine angenehme Atmosphäre und da sagt auch keiner 'So, nun machen Sie mal' oder so. Sie haben Zeit, so lange, wie sie wollen. Ja und dann sind wir noch mal rausgegangen und dann sagt meine Frau: So, nun ist es soweit."

"Kurz vorm Tode legt jemand anders an mich ein Kriterium an - das ist die Unverschämtheit."

Alle Anwesenden treten vom Bett zurück – es muss vollkommen klar sein, dass keiner eingreifen kann. Alles wird auf Video aufgezeichnet. Klaus Schreimel und seine Kinder sehen, wie Ute Schreimel den tödlichen Medikamentencocktail trinkt – die Augen schließt – und nicht mehr aufwacht.

"Das Ganze hat vielleicht fünfzehn Minuten gedauert."

Die Sterbehelfer rufen die Polizei, das Video wird angeschaut, die Leiche wird beschlagnahmt, alles Routine. Die Schreimels fahren nach Hause. Und Klaus Schreimel fällt in ein tiefes Loch. Zu gerne hätte er seiner Frau den Wunsch erfüllt, zu Hause zu sterben. Begleitet von einem Arzt und der Familie. Ohne Strafandrohung. Die

Die aktuelle Debatte sei würdelos, sagt er. Das Einzige, was zähle, sei die Selbstbestimmung:

"Ich würde keine Kriterien anlegen. Ich lege doch an andere Menschen keine Kriterien an. Ich bin 60 Jahre durchs Leben gegangen, ich komme aus der Gosse, habe mir etwas aufgebaut mit meiner Frau zusammen, bin seit meinem 23. Lebensjahr selbstständig – aber wenn ich kurz vorm Tode bin, dann legt jemand anderes an mich ein Kriterium an, was ich zu tun und zu lassen habe? Das ist die Unverschämtheit."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk