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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs braucht einen Marshall-Plan für den ländlichen Raum11.11.2020

Zurückgelassene RegionenEs braucht einen Marshall-Plan für den ländlichen Raum

Gravierend sind die Probleme in ländlichen Regionen - diese Diagnose ist seit dem letzten Bericht der Bundesregierung unverändert, meint Christoph Richter. Damit Teile Deutschlands nicht zum Rust-Belt werden, müsse man Geld in die Hand nehmen. Das könnte am Ende sogar ein Demokratie-Förderprojekt werden.

Von Christoph Richter

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Eine aufgegebene Bäckerei in Klitten. Das Schild des Geschäfts ist noch zu sehen, aber die Rolläden sind herabgelassen und der Zugang zum Gebäude ist von Unkraut überwuchert. (Florian Gärtner / photothek / imago-images)
Verwaiste Dörfer und ausgedünnte Infrastruktur wirken wenig attraktiv - und führen dazu, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner vernachlässigt fühlten, warnt Christoph Richter (Florian Gärtner / photothek / imago-images)
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Es ist schön, dass mit dem Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung ländlicher Räume jetzt nochmal deutlich gemacht wird, wie gravierend die Probleme – beispielsweise in der ärztlichen Versorgung – gerade auf dem flachen Land sind. Doch so ganz neu ist es nicht. Ich könnte jetzt aus vielerlei Berichten zitieren, wie dem Raumordnungsbericht des Bundesinstituts für Raumforschung, der eine ähnliche Diagnose aufgestellt hat. Doch – das war im Jahr 2017. Also vor drei Jahren. Da wurden die Szenarien schon einmal deutlich aufgezeichnet. Nur hat sich was geändert? Kaum bis gar nichts.

Warten auf den Notarzt

Der Tenor ist immer der gleiche: es sieht düster aus, wenn man gerade in ländlichen Regionen auf einen Notarzt angewiesen ist. Man ist verloren – insbesondere in den abgelegenen Regionen im Osten Deutschlands, wie in der Lausitz, dem Burgenlandkreis oder Vorpommern, wenn man beispielsweise einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erleidet. Denn dann muss man warten, ehe der Arzt kommt. Was auch damit zu tun hat, dass man seit 1990 viele Krankenhäuser geschlossen, Arzt-Praxen aus Altersgründen zugemacht haben. Eine konzertierte Gegenstrategie? Gibt es kaum.

Dabei sind – auch das ist nichts Neues - Krankenhäuser, wie Grundschulen oder Tante-Emma-Läden höchst identitätsstiftend. Für die Attraktivität von Kleinstädten und Dörfern, für junge Familien immens wichtig.

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Belebte Dorfkerne, Gasthäuser, Mobilitätsketten

Wenn man etwas ändern will, dann muss man grundsätzlich in den ländlichen Regionen etwas tun. Es braucht eine Art Marshall-Plan, damit nicht Teile Deutschlands zum Rust-Belt, zur Overfly-Region werden. Dorfkerne müssen belebt werden, Gasthäuser als Institutionen des sozialen Miteinanders gefördert werden.

Weil der herkömmliche öffentliche Nahverkehr ausgedünnt - man kann sagen, in Teilen überhaupt nicht mehr vorhanden ist - müssen jetzt aus den verschiedenen Verkehrsmitteln Mobilitätsketten gebildet werden. Also E-Bikes, Busse und Privat-Autos müssen miteinander vernetzt werden. Stillgelegte Bahnstrecken in der Provinz sollten mit selbstfahrenden Zügen reaktiviert werden. Das ist alles kein Zauberzeug, keine Utopie, sondern mit der Künstlichen Intelligenz, mit 5G alles möglich. Nur muss man dafür Geld in die Hand nehmen, um ein gutes Leben zu ermöglichen.

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In den ländlichen Regionen braucht es Offenheit

Am Ende wäre so ein Programm auch ein Demokratie-Förderprojekt. Denn wenn Menschen das Gefühl haben, dass man ihre Bedürfnisse ernst nimmt, wählen sie auch keine extremen Parteien. Und für die betroffenen Menschen in Ostdeutschland wäre es auch die Vollendung der Deutschen Einheit. Denn die meisten abgelegenen Regionen Deutschlands liegen nun mal im Osten.

Und: klar, der Appell richtet sich an beide Seiten. Denn es braucht nicht nur Geld, sondern auch eine Willkommenskultur. Denn die Vorbehalte gegenüber Medizinern aus fernen Regionen – im Osten sind sie immer noch groß. Also braucht es am Ende auch Offenheit, damit es mit dem Land voran geht. Damit man nicht noch in fünf Jahren dieselben Berichte schreiben muss.

Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.

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