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StartseiteForschung aktuellZuviel Zierde ist eine Last25.03.2004

Zuviel Zierde ist eine Last

Glocken für Dresdner Frauenkirche mußten neu gegossen werden

<strong>Metallurgie. – Glockengießen ist eine Kunst, denn das Produkt soll im Glockenstuhl ja einen reinen Klang haben, und das entscheidet sich bei Konstruktion und Guß und kann in der Regel hinterher nicht mehr korrigiert werden. Bei den neuen Glocken der Dresdner Frauenkirche ging offenbar etwas schief, denn in ihren Klang schlich sich ein Mißton ein. Karlsruher Akustiker haben die Ursache für den Fehlklang gefunden – er liegt nicht im falschen Guß.</strong>

Noch eingerüstet ist die Frauenkirche in Dresden. (AP)
Noch eingerüstet ist die Frauenkirche in Dresden. (AP)
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Einen optischen Genuß boten die neuen Glocken der Dresdner Frauenkirche zweifellos: Aufwändige Ornamente verzierten die sieben Glocken. Doch nur eine, die größte mit dem Namen "Jesaja", wies auch akustische Qualitäten auf. Bei den anderen überlagerten sich zwei Frequenzen, die für das menschliche Ohr verschmolzen und wie ein Klirren klangen. Für die Gießerei im baden-württembergischen Bad Friedrichshall und die Auftraggeber in Sachsen eine böse Überraschung, denn ein erneuter Guß mußte angesetzt werden. Bevor das Unternehmen dies jedoch in Angriff nahm, stand Ursachenforschung auf dem Programm. Ein Karlsruher Akustikunternehmen wurde eingeschaltet und fand die Ursache. "Unser erster Denkansatz war, dass diese aufwändigen Verzierungen eine Asymmetrie der Glocke hervorgerufen haben, und dass dadurch der Ton auf diese Weise verändert wurde", erklärt Jochen Bauer von md-pro. Solche Effekte hätten sie bereits früher beobachtet, ergänzt Lothar Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Firma.

Befindet sich an einem Hohlkörper ein Aufsatz, klingt er an dieser Stelle scheppernd, das gilt für Glocken, wie für Tassen – an denen die Karlsruher Akustiker ihren Ansatz überprüften. Schließlich untersuchten die Fachleute die für Dresden bestimmten Glocken. Und diese verhielten sich genau wie die Tassen. Je näher man bei Tonproben der Verzierung kam, desto stärker veränderte sich der Ton. Mit Computerhilfe ergründeten die Forscher die Ursache. Bauer: "Wir haben festgestellt, dass sich ab einer gewissen Dicke ein Missklang einstellt." Die Verzierung war einfach zu üppig.

Damit die barocke Frauenkirche aber trotzdem die passenden barock verzierten Glocken erhält, ersannen die Karlsruher Akustiker zusammen mit der Glockengießerei einen Ausweg: Die Verzierungen wurden zwar üppig gestaltet, aber nicht durchgehend massiv und mit dem Glockenkörper verbunden. An vorberechneten Stellen wurden sie einfach unterbrochen, so daß der Glockenkörper unbeeinflußt klingen kann. Jochen Bauer: "Das heißt, es ist möglich, auch weiterhin aufwändige, komplexe Zier auf Glocken aufzubringen, ohne dass der Klang verdorben wird, wenn dabei beachtet wird, dass die Zier nicht zu kompakt ist, um die Schwingungsbewegungen der Glocke beim Schwingen nicht zu beeinträchtigen."

[Quelle: Sönke Gäthke]

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