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StartseiteEuropa heuteGanze Siedlungen werden privatisiert und verkauft09.04.2020

Zwangsräumungen in SerbienGanze Siedlungen werden privatisiert und verkauft

Aufstieg und Fall des ehemaligen Baukombinats Trudbenik ist seit kurzem in einem Arbeitermuseum nachzuerleben. Gewürdigt werden vor allem die Arbeiter, die unzählige Wohnblöcke, Krankenhäuser und Schulen gebaut haben. Und denen wegen Privatisierung des Unternehmens nun die Zwangsräumung droht.

Von Dirk Auer

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Nemanja Pantović vor dem Arbeitermuseum „Trudbenik“ (Deutschlandradio / Dirk Auer)
Nemanja Pantović vor dem Arbeitermuseum „Trudbenik“ (Deutschlandradio / Dirk Auer)
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Es ist kalt und nass an diesem Vormittag in Belgrad. Nemanja Pantović schlägt seinen Mantelkragen hoch und biegt in eine kleine Straße ein. "Wir sind am Eingang der Arbeitersiedlung, wo Arbeiter des Baukombinats Trudbenik gewohnt haben. Zur Zeit Jugoslawiens hat das Kombinat unzählige Wohnblöcke gebaut, aber auch Krankenhäuser, Schulen und Kongresszentren. Und hier können wir sehen, was von Trudbenik übrig geblieben ist."

Ein gutes Dutzend ein- bis dreigeschossige Wohnhäuser, mit kleinen Höfen oder Gärten davor. Dazwischen steht das alte Arbeiter-Vereinsheim. "Zusammen mit der Firma Trudbenik wurde auch diese Siedlung privatisiert und verkauft. Heute leben hier noch etwa 100 ehemalige Arbeiter. Sie sind von der Räumung bedroht, weil sie durch die Privatisierung auch ihr Wohnrecht verloren haben."

Initiative setzt sich gegen Zwangsräumung ein

Die ersten Räumungsbescheide kamen im Sommer 2017. Die Investoren wollen die alten Häuser abreißen. Nemanja - groß, schlank, sein dunkles Haar hat er sich zu einem Zopf zusammengebunden - ist 25 Jahre alt. Er hat in Belgrad Politikwissenschaften studiert und war damals schon bei "Krov nad glavom" aktiv, das heißt auf Deutsch "Dach über dem Kopf" - eine Initiative, die sich gegen Zwangsräumungen einsetzt.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Serbien - Arbeiten im Billiglohnland.

"Nachts haben wir hier oft mit den Arbeitern zusammengesessen und auf die Zwangsvollstrecker gewartet. Wir haben über Fußball und Politik geredet, und dabei haben sie auch immer wieder voller Stolz von ihrer Firma erzählt. Das fand ich interessant und wollte mehr wissen. Und so sind wir schließlich auf die Idee eines Arbeitermuseums gekommen: Um der Öffentlichkeit die Geschichte des Unternehmens nahezubringen und die Arbeiter damit indirekt auch gegen die Räumung zu schützen."

Arbeitermuseum erinnert an die goldenen Zeiten des Unternehmens

Das Museum ist in einem leerstehenden Gebäude untergebracht. Die langen Flure sind dunkel und feucht, links und rechts gehen Türen ab. Über drei Räume erstreckt sich die improvisierte Ausstellung. Im ersten hängen Fotos von Großbaustellen. Sie stammen aus den golden Zeiten des Unternehmens, den sechziger und siebziger Jahren, als das Kombinat 17.000 Menschen beschäftigte. An einer weiteren Wand hängen Portraits von ehemaligen Arbeitern.

"Das sind die Leute, die praktisch unsere Gesellschaft aufgebaut haben. Und es ist wirklich zynisch, dass Arbeiter, die in ganz Jugoslawien etwa 50.000 Wohnungen bauten, heute selbst kein Dach mehr über dem Kopf haben. Sie sind durch die Privatisierung ihres Unternehmens faktisch obdachlos geworden."

Im Arbeitermuseum „Trudbenik“ (Deutschlandradio / Dirk Auer)Im Arbeitermuseum „Trudbenik“ (Deutschlandradio / Dirk Auer)

Eine Gruppe von Studenten aus den USA ist zu Besuch. Sie sind auf einer Studienreise, um etwas über Jugoslawien und seine Nachwirkungen zu erfahren. "This is Nemanja, he will be our guide!" Und Nemanja beginnt zu erzählen: vom Aufstieg und Fall eines großen jugoslawischen Unternehmens. Dabei zeigt er immer wieder auf Fotos, Dokumente und Zeitungsausschnitte. Der Niedergang in den 1990er-Jahren, als Serbien unter internationalen Sanktionen stand. Dann die 2000er, der Beginn der Privatisierungen. Die Streiks und Straßenblockaden. 2009 wurde das Unternehmen endgültig verkauft, an einen zwielichtigen Unternehmer. Weitere Streiks folgten. Und schließlich der Bankrott des Unternehmens.

Trudbenik ist kein Einzelfall

Nach der Führung lässt sich Nemanja erschöpft auf einen Stuhl fallen. Alles hier ist improvisiert. Auch in den Räumen ist es kalt, nur ein kleiner Heizlüfter gibt ein Minimum an Wärme. Die Räume dienen auch als Versammlungsort für die Anwohnerinnen und Anwohner. "Ein Museum ist normalerweise dazu da, die Vergangenheit zu konservieren. Aber das hier ist ein lebendiges Museum. Denn es handelt von einer Geschichte, die noch nicht zu Ende ist. Weil wir immer noch mit diesen Leuten dafür kämpfen, dass sie eine alternative Unterkunft bekommen. Und wegen dieses Kampfes lebt Trudbenik auf gewisse Weise weiter."

Trudbenik ist kein Einzelfall. Offizielle Zahlen liegen nicht vor, aber Schätzungen zufolge soll es jedes Jahr bis zu 1.000 Zwangsräumungen geben - von ganzen Familien, die ihre Rechnungen und Kredite nicht mehr bezahlen können. Nemanja spielt ein Video von seinem Handy ab. Es zeigt eine Räumung, mitten im Zentrum von Belgrad. Die Initiative war vor Ort, auch ein Fernsehteam. Die Räumung musste abgebrochen werden. "Aber einige Familie zögern leider, um Hilfe zu bitten. Sie schämen sich, sie wollen nicht, dass ihre Verwandten sehen, was ihnen passiert. Und deshalb versuchen wir auch diesen Mythos zu zerstören, dass es ihre Schuld ist. Der Fehler liegt im System."

Auch Barackensiedlung soll geräumt werden

Draußen steht ein Roma-Kind am Tor. Wer hier lebt, will der Junge wissen. Und ob sie nicht vielleicht hier einziehen könnten. Nein, sagt Nemanja, die Häuser sollen abgerissen werden, und wir versuchen die Bewohner zu schützen, damit sie nicht einfach auf der Straße landen. Ihr verteidigt sie?, fragt der Junge. Es stellt sich heraus, dass er in einer Barackensiedlung ein paar hundert Meter von hier wohnt. Auch sie seien dort nicht sicher, sagt er, die Siedlung soll geräumt werden. Nemanja schreibt seine Telefonnummer auf einen Zettel. "Ihr meldet euch, okay?"

Nemanja schließt das Tor hinter sich zu. Er weiß, dass es das Museum vielleicht gar nicht mehr lange geben wird. Es ist eben ein lebendiges Museum, betont er noch einmal, verbunden mit dem Schicksal von lebenden Menschen, den Menschen der Arbeitersiedlung Trudbenik. Und das heißt: "Wir gehen, wenn sie gehen, das heißt, wenn hier alles abgerissen wird. Ob das dann zu unseren Bedingungen geschieht, das heißt, die Stadt ihnen eine Unterkunft zur Verfügung gestellt hat - oder ob wir diesen Kampf verlieren? Wir werden sehen."

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