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StartseiteCampus & KarriereNegative Spätfolgen18.09.2019

Zwei Jahre MeTooNegative Spätfolgen

Angst vor Anschuldigungen, Benachteiligung von Frauen bei Bewerbungen: Die negativen Folgen der MeToo-Debatte am Arbeitsplatz überwiegen bislang, so das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie. Ob es sich nur um eine kurze Reaktion oder eine langfristige Veränderung handelt, muss sich noch zeigen.

Von Julia Kastein

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Meschen sitzen in einem loftartigen Büro mit Planzen an ihren Arbeitsplätzen. (imago images / Westend61 / Bonninstudio)
Das Arbeitsverhältnis zwischen Frauen und Männer hat sich als Reaktion auf die MeToo-Debatte verändert - bislang nicht zum Besseren (imago images / Westend61 / Bonninstudio)
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Als Leanne Atwater noch als Beraterin arbeitete, reiste die Arbeitspsychologin oft gemeinsam mit männlichen Kollegen zu den Kunden.

"Es gab nie ein Problem. Wir haben unseren Job gemacht, wir haben zusammen gegessen, wir sind ins Hotelzimmer gegangen, morgens aufgestanden und haben weiter gearbeitet. Und wenn ich das nicht so hätte mitmachen können, dann hätte meine Karriere darunter gelitten."

Aber genau das drohe vielen Frauen jetzt als Spätfolge der MeToo-Debatte, sagt Atwater, die mittlerweile als Professorin an der Universität von Houston arbeitet. Sie hat insgesamt 450 Männer und Frauen aus verschiedenen Branchen in einer anonymen Onlinestudie befragt. Das Ergebnis:

"Fast die Hälfte der Männer sagte, sie hätten Angst vor unfairen und falschen Anschuldigungen. Und als wir sie gefragt haben, ob sie deshalb lieber keine Frauen mehr einstellen würden, hat ein Viertel Ja gesagt."

Männer gehen Frauen am Arbeitsplatz aus dem Weg

Viele Männer gingen Frauen am Arbeitsplatz jetzt grundsätzlich lieber aus dem Weg, vermieden Situationen, in denen sie mit Frauen alleine sind, oder wollten nicht mehr mit ihnen auf Reisen gehen. "Natürlich gilt das nicht für alle. Aber wenn das 20 bis 25 Prozent der Männer sagen, dann sind das alarmierende Zahlen."

Für ihre Studie befragte die Wissenschaftlerin ihre Probanden zweimal im Abstand von einem knappen Jahr. In der ersten Befragung ging es vor allem darum, welche Auswirkungen sich die Befragten von der MeToo-Debatte versprachen. Und der zweiten dann um die Folgen, die sie tatsächlich an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz feststellten. "Viele Frauen sagen nun, dass sie viel eher bereit sind, sich zu wehren und etwas zu sagen. Und sehr viele Männer sagen das auch."

Negative Folgen der MeToo-Debatte überwiegen

Doch insgesamt seien im Vergleich diese positiven Veränderungen nicht so groß ausgefallen, wie die Studienteilnehmer es erwartet hatten. Aber dafür die negativen Folgen umso deutlicher. Wirklich überrascht habe sie das nicht, sagt Atwater. Aber schon traurig gemacht.

Von Filmproduzent Harvey Weinstein über den Chef des Fernsehsenders FoxNews Roger Ailes bis zum demokratischen Senator Al Franken: In den vergangenen zwei Jahren haben alleine in den USA über zweihundert prominente und mächtige Männer ihren Job und ihre Reputation verloren, weil sie Frauen belästigt oder missbraucht haben sollen. Ihre mutmaßlichen Opfer meldeten sich oft erst nach vielen Jahren. Nur in einer Handvoll Fälle wurde bislang Anklage erhoben. Und nur sechs Männer bisher verurteilt, etwa der Schauspieler Bill Cosby.

"Wenn mächtige Menschen Angst bekommen, dass ihnen so etwas auch passieren könnte, dann sagen sie nicht: Oh, das tut mir leid, vergebt mir. Sondern sie sagen: Dir zeige ich es. Und ich glaube, das ist es, was wir jetzt sehen. Sie sagen: Ich lass Dich einfach nicht mehr in meine Nähe. Dann kannst Du mich auch nicht beschuldigen."

Werden Frauen im Bewerbungsprozess benachteiligt?

Und deshalb, glaubt Leanne Atwater, würden Frauen mittlerweile schon im Bewerbungsprozess ausgemustert. Das sei zwar nicht legal, aber auch sehr schwer nachzuweisen. Ein Mann habe ihr eine Mail geschickt und geschrieben, dass das Problem in Wirklichkeit noch viel größer sei.

"Er meinte, die Leute sagten in einer Umfrage nur, was sie für sozial akzeptabel halten. Er hat mir empfohlen, einen Spion einzuschleusen. Der zuhört, wenn Männer sich alleine unterhalten."

Sich als Mann ausgeben, um herauszufinden, was die wirklich denken? Ganz so weit will Atwater nicht gehen. Aber die Professorin plant, ihre Befragung im kommenden Jahr zu wiederholen. Dann werde sich vielleicht zeigen, ob das Misstrauen und die Ausgrenzung von Frauen tatsächlich nur eine kurze und heftige Gegenreaktion auf MeToo ist. Oder ob sich der Umgang von Männern und Frauen am Arbeitsplatz doch dauerhaft verändert hat.

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