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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Zwei neue Bücher von Giorgio Agamben13.10.2003

Zwei neue Bücher von Giorgio Agamben

Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge, edition suhrkamp, Frankfurt/Main, 2003 - 159 Seiten, 9 Euro und Das Offene. Der Mensch und das Tier. edition suhrkamp, Frankfurt/Main, 2003 - 108 Se

Es gibt eine höhnische Kriegserklärung der SS. Selbstgefällig und siegesgewiss wurde sie den im Vernichtungslager Auschwitz Eingeschlossenen entgegengeschleudert. Sie erklärt die Unglaubwürdigkeit des Zeugnisses und die Unmöglichkeit des Archivs zur letzten Bastion der Nazi-Ideologie. Die Rede ist ebenso schrecklich wie instruktiv.

Khosrow Nosratian

Giorgio Agamben (Suhrkamp Verlag)
Giorgio Agamben (Suhrkamp Verlag)

Wie auch immer dieser Krieg ausgeht – den Krieg gegen Euch haben wir gewonnen. Keiner von Euch wird übrigbleiben, um Zeugnis abzulegen, aber selbst wenn einer davonkommen sollte, würde ihm die Welt nicht glauben. Vielleicht wird es Vermutungen geben, Diskussionen, Untersuchungen von Historikern, aber es wird keinerlei Gewissheit geben, weil wir Euch samt den Beweisen zerstören werden. Und selbst wenn irgendein Beweis übrigbleiben und einer von Euch überleben sollte, werden die Leute sagen, dass die Dinge, von denen ihr da berichtet, zu ungeheuerlich sind, als dass man sie glauben könnte. Die Geschichte der Lager werden wir diktieren.

Die Schriften des italienischen Philosophen Giorgio Agamben sind Mobilisierungstexte gegen dieses Nazi-Diktat. Das Büchlein "Das Offene" behandelt die Frage nach der Differenz von Mensch und Tier, das Werk mit dem Titel "Was von Auschwitz bleibt" die Differenz des Menschlichen und des Nicht-Menschlichen. Gemeinsam wollen sie den Traditionsraum der modernen Anthropologie reorganisieren, indem der Mensch als eine Figur von imposanter Seltsamkeit gilt. Von Hegel bis Nietzsche, von Husserl bis Foucault geht es der Anthropologie um das Lebewesen mit Haut und Haaren, das in der Entwicklung seiner Kultur und Rationalität lebensgefährlichen Risiken ausgesetzt ist. Stets erscheint das Leben als anonyme Macht. Man versteht es zu teilen und zu gliedern, ohne das Faktum der Lebendigkeit als solcher meistern zu können. Deshalb setzt der Autor seine ganze Gelehrsamkeit dafür ein, dem nackten Leben auf den Fersen zu bleiben und ihm den Puls zu fühlen, ohne die Kultur der Entlastung durch Vergeistigung zu beanspruchen, deren Kanon Freuds Triebtheorie entwickelt hat.

Die herrschende Maschine unserer Konzeptionen des Menschen abzuschalten, bedeutet also nicht, nach neuen, effizienteren und authentischeren Verbindungen zu suchen, als vielmehr, die zentrale Leere auszustellen, den Hiat, der – im Menschen – den Menschen vom Tier trennt, bedeutet also, sich in dieser Leere aufs Spiel zu setzen: Aufhebung der Aufhebung, 'Shabbat' sowohl des Tieres als auch des Menschen.

Eine der vielen rätselhaften Formulierungen, in denen der italienische Philosoph gerne schwelgt. So gerät der Virtuose des mikroskopischen Blicks in eine gelegentlich kryptische Sprachführung, die sein Programm beirrt und sein Profil verwischt. Gewiss beschreibt er Miniaturen des Menschlichen überaus kunstvoll, um ein Mosaik der Menschenkunde zu erstellen. Er beugt sich über die unscheinbaren Wendungen der großen Dichter und Denker, um ihren Unstimmigkeiten in gelehrter Exegese und subtiler Interpretation nachzusinnen. Diskurslücken gelten ihm als Klopfzeichen eines entgleisten Sinns, der in verschobenen Bedeutungen um das rechte Wort ringt. Deshalb ist sein Text als symptomale Lektüre organisiert. Agambens Buch "Was von Auschwitz bleibt" hat dieses Verfahren perfektioniert. Die Kontinuität des bohrenden Kommentars erscheint zunächst als Literaturbericht. Der Autor akkumuliert gewissermaßen Rezensionsartikel. Er befragt die Zeugnisse des Vernichtungslagers mit rhetorischer Schulung und dialektischer Schärfe. Seine etymologischen Exkurse gestaltet er mit philologischer Finesse, bei den zeittypischen Naziausdrücken hat er auch im italienischen Original das Herrenrassen-Deutsch beibehalten. So bildet der verschlungene Zug seines Schreibens Mäander jener "Mobilisierung", die Agambens Denken prägt. Hier zentriert er die Perspektive der anthropologischen Forschung auf den sogenannten "Muselmann". Ihn beschreibt Agambens Kronzeuge, der Schriftsteller Primo Levi, in seinen Erinnerungen an Auschwitz.

Sie, die Muselmänner, die Verlorenen, sind der Nerv des Lagers: sie, die anonyme, die stets erneuerte und immer identische Masse schweigend marschierender und sich abschuftender Nichtmenschen, in denen der göttliche Funke erloschen ist und die schon zu ausgehöhlt sind, um wirklich zu leiden. Man zögert, sie als Lebende zu bezeichnen; man zögert, ihren Tod, vor dem sie nicht erschrecken, als Tod zu bezeichnen, weil sie zu müde sind, ihn zu fassen.

Primo Levi war Chemiker. Er beobachtete das grauenhafte Treiben auch mit den Augen eines Naturforschers. Dem Gedächtnis des Muselmanns ist sein Mandat zur Erinnerung geschuldet. Die graue Alchemie dieser Nicht-Sprache gleiche dem "Röcheln eines Sterbenden". Denn der Muselmann habe, wie er weiter schreibt, "den tiefsten Punkt des Abgrunds" berührt.

Wer ihn berührt, wer die Gorgo erblickt hat, kann nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.

Levi liefert der Lektüre Agambens nicht nur die wichtigsten Stichworte. Er avanciert zum Kronzeugen eines Verfahrens, das den desartikulierten Laut und das Röcheln der Sterbenden partout zum Musterbeispiel einer unmöglichen Lebendigkeit stilisiert, wo es doch nur darum geht, dass die Überlebenden von den Untergegangenen Zeugnis geben. Die Referenz, die Agamben Primo Levi erweist, ist sympathisch, aber Agambens rhetorischer Pomp überbietet Levis trockene Berichterstattung um nichts.

Im Zeugnis lässt der Wortlose den Sprechenden sprechen und trägt derjenige, der spricht, in seinem eigenen Wort die Unmöglichkeit des Sprechens: Der Stumme und der Sprechende, der Nicht-Mensch und der Mensch treten in eine Zone der Ununterscheidbarkeit ein.

Die Rede von der Ununterscheidbarkeit kaschiert nur den Klartext: Was von Auschwitz bleibt, stiftet der Muselmann, der Restmensch oder Menschenrest, dem man die verschiedensten Namen gab: wandelnder Leichnam, lebendig Toter, Mumien-Mensch. Der Muselmann, der durchs Lager irrte wie ein herrenloser Hund, ist die Lücke jeder Erinnerung oder die Kluft allen Gedächtnisses. Diese Einsicht ist in zahlreichen Berichten ausgesprochen und Gemeingut der Forschungen zur Geschichte der Konzentrationslager. Agambens Überbietungsgeste indes will im Muselmann die Botschaft von einem "Leben noch in der alleräußersten Entwürdigung" entziffern.

"Der Muselmann ist der Wächter an der Schwelle einer Ethik, einer Lebensform, die dort beginnt, wo die Würde endet. Und Levi, der für die Untergegangenen Zeugnis ablegt, an ihrer Stelle spricht, ist der Kartograph dieser neuen 'terra ethica', der unerbittliche Vermesser des Muselmannlandes.

Die Würdigung des entwürdigten Lebens ist prekär. Der Muselmann steht für eine marginale Lebensform, die auf vertrackte Weise als geschichtsmächtig und politikfähig vorgestellt wird, ohne durch Vernunftprinzip und Verstandesbegriff erreichbar zu sein. Die Apathie des Muselmanns dient Agamben als Brücke zu einem Bruch mit allem Idealismus, dessen Restbestand er in der modernen Anthropologie wittert. Doch der Autor ersetzt nur handfeste Problemfelder durch windige Rätselfiguren. Das wird in seinem kleinen Büchlein über "Das Offene" deutlicher. Der Italiener behandelt die Differenz von Mensch und Tier vornehmlich anhand von Texten Martin Heideggers. Heidegger vergleicht die Langeweile des Menschen und die Benommenheit des Tieres. Das kann man interessant finden oder nicht. Aber Heideggers düsteres Spiel mit ontologischen Bestimmungen und metaphysischen Stimmungen wird von Agamben einfach kurzgeschlossen. Sein Bruch mit dem Idealismus endet im irrationalen Kultus einer zentralen Leere, im Versprechen einer "Aufhebung der Aufhebung", die weder Politik noch Geschichte mobilisiert. Es ist dieser in Aussicht gestellte "Shabbat" des Tieres und des Menschen, der den Leser ratlos zurück lässt, weil die esoterische Mobilisierung nur ins Leere greifen kann. Bei einem Denker von der imposanten Statur Agambens ist das Abgleiten der symptomalen Lektüre in verfehlte Erfüllungen schlicht unverzeihlich. Denn das klingt dann so:

Das Dasein ist einfach ein Tier, das gelernt hat, sich zu langweilen, das 'aus' der eigenen Benommenheit 'in' die eigene Benommenheit erwacht ist. Dieses Lebewesen, das in die eigene Benommenheit erwacht, diese angsterfüllte und entschiedene Öffnung auf ein Nicht-Offenes ist das Menschliche.

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