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Startseite@mediasresWie die AfD mit einer falschen Zahl durchkommt28.03.2019

Zweifelhafte Berichte Wie die AfD mit einer falschen Zahl durchkommt

In Integrationskursen fallen 45 Prozent aller Einwanderer durch - das behauptete zumindest ein AfD-Abgeordneter. Mehrere Medien und Agenturen übernahmen die Zahl ungeprüft. Das Problem: Die Angabe beruht auf einer Fehlinterpretation von Zahlen der Bundesregierung.

Von Panajotis Gavrilis

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Die Deutschlehrerin Gülsen Landshuter geht mit Teilnehmern eines Integrationskurses im Bildungszentrum in Nürnberg eine Sprachübung durch. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Rund 202.000 Migrantinnen und Migranten nahmen 2018 an Integrationskursen teil - wie hier in Nürnberg. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
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"Sprachtests: Mehr Zuwanderer fallen durch": So lautet die Überschrift eines Artikels, der am vergangenen Freitag in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" erschienen war. Darin heißt es unter anderem, "der Anteil der Durchfaller" habe zugenommen: "Von den rund 202.000 Teilnehmern 2018 konnten 93.500 die Kurse nicht erfolgreich beenden. Das war eine Quote von 45 Prozent."

Als Quelle für diese Zahlen wird auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD im Bundestag verwiesen. Das Problem: Die Zahl derjenigen, die einen Deutsch-Sprachkurs nicht bestanden haben sollen, ist falsch.

Zahlen stammen von AfD-Abgeordnetenbüro

Was stimmt: Im Jahr 2018 gab es etwa 202.000 neue Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer. Richtig ist auch: Im Jahr 2018 haben rund 109.000 den sogenannten "Deutsch-Test für Zuwanderer" sowie den Test "Leben in Deutschland" bestanden. Von einer Durchfallquote von 45 Prozent oder den knapp 93.500 Personen, die nicht erfolgreich gewesen sein sollen, ist in der Antwort der Bundesregierung an die AfD keine Rede.

Wie kommen die Zahlen aber zustande? Auf Anfrage bestätigt das zuständige Büro des AfD-Abgeordneten René Springer: Man habe von der Gesamtzahl der neuen Kursteilnehmer die Zahl derer, die bestanden haben, abgezogen: Übrig bleiben: 93.461 – also die knapp 93.500.

Bundesinnenministerium kann Zahlen nicht bestätigen

Diese Zahl sowie die Durchfallquote von 45 Prozent kann das Bundesinnenministerium (BMI) nicht bestätigen: "Aus den genannten Daten kann keine Quote errechnet werden, die Auskunft über den Abschluss des Sprachkurses auf dem Sprachniveau B1 gibt. Wegen der häufig überjährigen Dauer eines Integrationskurses können insbesondere Daten zu erfolgreichen Testteilnahmen eines Jahres nicht ins Verhältnis gesetzt werden zu den neuen Kursteilnehmern dieses Jahres."

Was wir wissen: In den ersten drei Quartalen des Jahres 2018 haben laut BMI 52,3 Prozent der Testteilnehmer das Sprachniveau B1 erreicht, 33,5 Prozent das niedrigere Sprachniveau A2. In der Antwort auf die AfD-Anfrage wird zudem auf die konsolidierte Statistik hingewiesen, die im Mai veröffentlicht werden soll. Dann erst könnte man valide Rückschlüsse für das gesamte Jahr 2018 ziehen, so das Innenministerium.

"Die AfD kann offensichtlich nicht richtig rechnen"

Auch Herbert Brücker, Direktor beim Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, kann die Nummern der AfD nicht nachvollziehen: "Die AfD kann offensichtlich nicht richtig rechnen. Sie hat verglichen zwei Zahlen, die miteinander überhaupt nichts zu tun haben. Diejenigen, die solche Kurse angefangen haben in einem bestimmten Zeitraum und die Zahl derjenigen, die sie abgeschlossen haben - die in einem anderen Zeitraum. Beide Gruppen haben überhaupt nichts miteinander zu tun, sodass man keine Quoten berechnen kann, sodass diese Zahlen völlig aus der Luft gegriffen sind und keinerlei Substanz haben."

Hat die AfD wissentlich die Zahlen falsch interpretiert und verbreiten wollen? Vom AfD-Büro des Abgeordneten René Springer gibt es hierzu keine Antwort. Hat die "Neue Osnabrücker Zeitung" diese Interpretation nicht ausreichend hinterfragt? Die Zeitung selbst hat dazu bisher noch nicht geantwortet.

EPD und dpa übernahmen die Zahl

Auf den Ursprungsartikel der NOZ stiegen viele andere Medien ein, auch Agenturen wie der Evangelische Pressedienst oder die Deutsche Presse-Agentur. Das sei kein Glanzstück des Journalismus gewesen, kritisiert der Migrationsforscher Herbert Brücker: "Das gilt leider für große Teile der deutschen Presse und es gilt auch für die Agenturen, die das erst sehr spät richtig gestellt haben. Das heißt, es ging den ganzen Vormittag, praktisch den ganzen Tag lang, gingen diese falschen Zahlen durch die Medien, werden entsprechende Spuren hinterlassen haben. Da denke ich, wäre es eine vornehme Aufgabe der Journalisten gewesen, das seriös zu recherchieren und richtigzustellen."

Immerhin: Die dpa hatte in einer späteren Meldung die fragwürdigen Zahlen in ihrer Medlung nicht mehr drin. Bei anderen Medien wie dem "Tagesspiegel" oder dem "Handelsblatt" sind Artikel mit den Zahlen nach wie vor zu finden, ebenso wie bei der NOZ.

Nachtrag (29.03.2019): Die dpa hat ihre ersten Meldungen von voriger Woche inzwischen korrigiert. Sie hat die falschen Bezugsgrößen entfernt und zusätzlich die Berechungsmethode erläutert, die zum Jahreswechsel umgestellt worden war.

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