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StartseiteUmwelt und VerbraucherZweifelhaftes Behältnis30.05.2011

Zweifelhaftes Behältnis

EU erwägt Verbot der Plastiktüte

Die Plastiktüte ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Wir verpacken fast alles darin – und das schon seit 50 Jahren. Aber das könnte sich bald ändern: Denn die EU-Kommission in Brüssel denkt darüber nach, die Tüten zu verbieten - aus Umweltschutzgründen.

Von Mirjam Stöckel

Vor allem die Weltmeere leiden unter der Existenz unzähliger Plastiktüten, die immer wieder irgendwie ins Wasser gelangen.  (picture-alliance)
Vor allem die Weltmeere leiden unter der Existenz unzähliger Plastiktüten, die immer wieder irgendwie ins Wasser gelangen. (picture-alliance)

So knistert nur die eine – die Plastiktüte. Immer und überall.

"Schon in der Apotheke kriegt man sie. Oder man kauft ein paar Pflanzen, der Korb ist voll – dann gibt er einem noch ne Tüte",

sagt ein Passant. Eine andere Kundin zeigt ihre rot-weiße Plastiktragetasche:

"Jetzt habe ich eine von der Buchhandlung Roth bekommen, weil ich nichts dabei hatte."

Dabei ist Plastiktüte nicht gleich Plastiktüte. Die wichtigste ist die Tragetasche, so der Branchenjargon. Das ist die mit dem Griff, die es für ein paar Cent an der Supermarktkasse gibt und die bis zu 15 Kilo Beladung aushält. Dann sind da noch die Hemdchentaschen von der Gemüsetheke – die so heißen wie sie aussehen: wie ein Unterhemd eben. Außerdem die kleinen Tüten fürs Gefrierfach zu Hause und die durchsichtigen Plastik-Abfallbeutel für den Restmüll beispielsweise. Sie alle könnten verboten werden, wenn die EU-Kommission ernst macht mit ihrem Plan. Das Verbot soll die Umwelt schützen - – und vor allem: die riesige Plastikschwemme in den Weltmeeren stoppen. Denn dort landen viele der langlebigen Tüten, wenn sie wild entsorgt werden – und es kann bis zu 20 Jahre dauern, bis sie sich zersetzt haben. So lange belasten sie dann das Ökosystem.

"Ich denke, der Mensch sollte dafür sorgen, dass er ein bisschen Verantwortung übernimmt für die Umwelt – und es sich nicht immer vorgeben lassen von den Politikern",

findet eine Passantin.

Ein anderer sagt:

"Verbote sind immer die letzte Möglichkeit und auch die schlechteste Möglichkeit."

Auch die Hersteller fühlen sich von der Brüsseler Idee bevormundet. 60 bis 80 Firmen etwa gibt es in Deutschland, meist Mittelständler. Sie stellen Millionen verschiedener Kunststoffbeutel her – und finden, ihre Tüten würden zu Unrecht an den Pranger gestellt. Das angedachte Verbot sei kontraproduktiv, sagt Ulf Kelterborn, Geschäftsführer des Branchenverbands.

""Weil es nämlich die Länder bestraft, bei denen hervorragende Recyclingsysteme bestehen wie in Deutschland. Sie werden hier kaum eine Plastiktragetasche auf der Straße finden, weil der Verbraucher nicht nur diese Tasche öfter nutzt, sondern dann auch entsprechend in das deutsche Recyclingsystem zurückführt."

Umweltschützer dagegen loben den Vorstoß der EU-Kommission – als symbolischen Schritt in die richtige Richtung. Aber wirklich zufrieden sind auch sie nicht: Die Politik müsse noch deutlich mehr tun, um das Problem wirklich zu lösen. Der Plastikmüll im Meer nämlich besteht längst nicht nur aus Tüten. Ansetzen könne man dabei zum Beispiel auch an den Getränkeverpackungen, sagt Indra Enterlein vom Naturschutzbund NABU.

"Jeder kennt mittlerweile die Einweg-Plastikflaschen. Das sind Berge an Plastik, die sich da häufen. Und es wäre ein sinnvoller Vorschlag der EU-Kommission zu schauen, wie man die Mehrwegverpackungen fördern kann beziehungsweise die Einwegverpackungen verbieten kann."

Doch die Kommission hat sich erst einmal auf die Plastik-Tüten eingeschossen: 500 Stück davon brauche ein Durchschnittseuropäer jedes Jahr, rechnet die Brüsseler Behörde vor – und verweist als Beleg dafür, dass es auch anders geht, auf Italien: Dort sind herkömmliche Plastiktüten seit Jahresanfang verboten.

Den Deutschen sagt man nach, sie verwendeten nur 65 Exemplare jährlich – viel weniger als der durchschnittliche EU-Bürger. Offizielle Statistiken kennen aber nicht einmal die Hersteller. Nach ihren Angaben werden über 90 Prozent der Tüten recycelt. Seit es die Tüten nicht mehr überall gratis gibt, denken die Deutschen um:

"Wenn man seinen Einkauf plant, braucht man keine Plastiktüte."

"Entweder hat man einen Korb oder Stofftüten, die kann man immer benutzen."

"Ich habe zwei Stofftaschen in der Tasche."

"Zum Einkaufen selbst finde ich es schon sehr schön, mit einer richtigen Tasche und nicht mit der Plastiktüte rumzulaufen."

Aber manchmal hilft alles Vermeiden nichts – irgendwie schmuggeln sich die Plastiktaschen eben doch in den Alltag:

"Komischerweise sind sie immer da im Haushalt. Sie sind plötzlich wieder da", sagte eine Frau in der Fußgängerzone.

"Und dann überlege ich: Wo entsorge ich die? Irgendeinen Sinn sollte sie wieder kriegen."

Mit solchen Fragen werden sich Verbraucher noch eine ganze Weile beschäftigen müssen. Denn auch wenn die Idee, Plastiktüten zu verbieten, bereits für einige Diskussionen sorgt – beschlossen ist das Verbot noch nicht. Erst einmal hat die EU-Kommission jetzt auf ihren Internetseiten eine Online-Befragung gestartet, bei der jeder Europäer – egal, ob Plastiktütenträger oder Stoffbeutelfreund – sagen kann, was er von der Idee hält. Und zwar noch bis Anfang August.


Links ins Netz:

Pressemitteilung der EU-Kommission zum Thema

Informationen von Greenpeace zum Thema

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