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StartseiteEuropa heute"Das französische Gesundheitssystem ist am Rande der Kapazitäten"16.11.2020

Zweite Welle der Corona-Pandemie"Das französische Gesundheitssystem ist am Rande der Kapazitäten"

Die Intensivstationen in Frankreich sind voll. Was über Jahrzehnte im Gesundheitswesen wegrationalisiert worden sei, sei nun schwer wieder aufzubauen, sagte der Intensivmediziner Christopher Schlier im Dlf. Er sieht drei Gründe, warum Deutschland besser durch die zweite Corona-Welle kommt als Frankreich.

Dr. Christopher Schlier im Gespräch mit Andreas Noll

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Medizinisches Personal hilft einem Corona-Patienten im Nouvel Hopital Civil in Straßburg. (dpa-Bildfunk / AP Jean-Francois Badias)
Medizinisches Personal hilft einem Corona-Patienten im Nouvel Hopital Civil in Straßburg. (dpa-Bildfunk / AP Jean-Francois Badias)
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Die Infektionsrate hat sich in Frankreich zuletzt leicht verlangsamt. Premierminister Jean Castex sieht darin ein positives Zeichen, doch Lockerungen der seit zwei Wochen geltenden Ausgangssperren lehnt der Regierungschef ab – und verweist auf die Intensivstationen, die derzeit landesweit am Limit arbeiten. Christopher Schlier arbeitet als Intensivmediziner im Krankenhaus der elsässischen Stadt Colmar, die besonders massiv von der ersten COVID-Welle betroffen war.

Andreas Noll: Herr Schlier, wie würden Sie die aktuelle Lage bei Ihnen im Krankenhaus beschreiben?

Christopher Schlier: Aktuell ist die Lage beherrscht. Wir haben unsere Intensivstationen von 20 Betten auf 30 Betten erhöht, und alle 30 Betten sind belegt, wobei nicht nur Corona-Patienten darunter sind. Wir haben insgesamt zwölf Corona-Patienten momentan.

Christopher Schlier, Intensivmediziner am Krankenhaus Louis Pasteur in Colmar im Online-Interview mit dem Deutschlandfunk (Christopher Schlier)Während der ersten Welle im Frühjahr hat Christopher Schlier die Verlegungen von Corona-Patienten nach Deutschland mitorganisiert (Christopher Schlier)

Zusammenhänge zwischen erster und zweiter Welle

Noll: Merken Sie in der Klinik bereits die Folgen des Lockdowns, den die Regierung angeordnet hat?

Schlier: Wir merken eine Abflachung der Kurve. Nun kann ich Ihnen nicht sagen, ob es an dem Lockdown liegt oder einfach daran, dass die Kurve abflacht, so wie sie ja nun in ganz Europa momentan abflacht. Sicherlich hat der Lockdown eine Regelungsfunktion dabei erfüllt.

Noll: Haben Sie die Sorge in Ihrer Region, dass die Krankenhäuser die Zahl der COVID-Patienten in den kommenden Tagen nicht mehr beherrschen könnten?

Schlier: Ich habe den Eindruck nein - wobei ich jetzt nur für das Südelsass sprechen kann. Im Nordelsass, wo die erste Welle weitaus weniger dramatisch war – die haben uns am Anfang Patienten abnehmen können –, ist dieses Mal die Welle weitaus stärker. Was ich persönlich glaube oder was so scheint, ist, dass da, wo die erste Welle sehr groß war, die zweite Welle weniger groß ist, und da, wo sie relativ schwach war oder weniger groß war, dort ist sie jetzt größer. Das heißt, wir haben in Frankreich Bereiche, die in der ersten Welle fast keine Patienten hatten, die uns aber am Anfang Patienten abgenommen haben und die momentan so viele Patienten haben, dass sie sie zu uns verlegen.

Noll: Womit könnte diese Entwicklung zusammenhängen?

Schlier: Ich denke, dass es an der Infektionslage des Virus liegt. Wir haben mehrere Patienten, die bei der ersten Welle klinisch eine Infektion durchgemacht haben, die jetzt wieder positiv getestet werden, die aber keine Krankheitssymptome aufzeigen. Ich denke, dass es hier zu einem gewissen Schutz der Patienten kommt, weshalb wir zwar immer noch die gleiche Anzahl an infizierten Patienten haben, aber weniger schwerwiegende Krankheitsverläufe.

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"Wir haben mittlerweile auch viele junge Patienten"

Noll: Während der ersten Welle im Frühjahr haben Sie Verlegungen nach Deutschland von Ihrem Krankenhaus mitorganisiert. Diese Verlegungen gibt es aus Ihrer Region, die Region "Grand Est", Ostfrankreich, seit einigen Tagen wieder. Wie wichtig ist das aus Ihrer Sicht für das französische Gesundheitssystem?

Schlier: Das ist sehr notwendig, weil das französische Gesundheitssystem momentan am Rande der Kapazitäten ist. Wie ich Ihnen gesagt habe, wir sind hier in Colmar mit unserer Aufstockung von einem Drittel der Intensivbetten am Limit, wir müssten also, wenn wir mehr Patienten aufnehmen wollten, noch weitere Betten, die eigentlich keine Intensivbetten sind, aktivieren. In anderen Regionen hat diese Aktivierung stattgefunden und führt dazu, dass momentan keine weiteren Patienten aufgenommen werden können. Die sind also in der Lage oder sie sind dazu verpflichtet, Patienten zu verlegen, um dem Anfall von Patienten in der Notaufnahme Herr werden zu können.

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Noll: Nun hat die Politik nach der ersten Welle gesagt, man habe Lehren aus den Versäumnissen gezogen. Können Sie das bei sich im Umfeld feststellen, dass man strukturelle Verbesserungen organisiert hat?

Schlier: Die Welle hat Ende Februar angefangen hier, in Mulhouse und Colmar. Die oberste Gesundheitsbehörde, die ARS, hat sicherlich in der Pause Maßnahmen ergriffen, um mehr Personal zu schulen, damit wir Intensivpatienten auch durch Nicht-Intensivpersonal betreuen können.

Aber die Krankenpfleger und Krankenschwestern, bei denen die Ausbildung durchgeführt wurde, haben mir fast einhellig gesagt, dass diese Ausbildung überhaupt keinen Sinn macht. Das ist also keinerlei Ausbildung gewesen, die die Krankenpflegekräfte dazu in die Lage versetzt, wirklich Intensivpatienten zu behandeln. Wobei ich dazu auch sagen muss, dass die Behandlung der COVID-Patienten eine relativ einfache Behandlung ist, weil sie immer nach dem gleichen Schema abläuft.

Das größere Problem ist die psychologische Belastung dieser Pflegekräfte, denn es handelt sich inzwischen um viele jüngere Patienten, auf unserer Intensivstation momentan die jüngsten Patienten sind 40 Jahre, und das ist natürlich schon fürs Krankenpflegepersonal eine psychische Belastung, die nicht zu vernachlässigen ist.

Noll: Sind das bei den jüngeren Patienten vor allem welche mit Vorerkrankungen?

Schlier: Die beiden jüngeren Patienten, die ich jetzt hier sehe, oder alle Patienten, die ich auf der Intensivstation sehe, sind Patienten mit Begleiterkrankungen: Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, also keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, aber eben Vorerkrankungen unserer Gesellschaft.

"Folgen der Rationalisierungen im Gesundheitssektor"

Noll: Es gab in Frankreich immer wieder die Kritik in der Pandemie, dass zu viel zentral in Paris entschieden würde, obwohl die Lage ja in den Regionen unterschiedlich ist – Sie haben das gerade erwähnt. Ist das tatsächlich ein Kernproblem in Frankreich?

Schlier: Das Kernproblem in Frankreich ist, dass das, was in Deutschland vor 20 Jahren, als ich aus Deutschland weggegangen bin, gemacht wurde, nämlich das Gesundheitssystem zu rationalisieren, dass dies hier in Frankreich seit 20 Jahren durchgeführt wird. Wir haben hier im Elsass, da, wo ich es überschauen kann, über 20 oder über 30 Intensivbetten abgebaut, die wir jetzt dringend notwendig hätten.

Das ist im gesamten französischen Bereich, dass aus Rationalisierungsgründen Pflegekräfte und Bettenkapazität abgebaut wurden, aber nicht im Hintergrund beibehalten wurden, das heißt die Betten unbenutzt irgendwo stehen zu lassen, sondern das wurde definitiv abgebaut und ist nur ganz, ganz schwer wieder aufzubauen. Wir haben zum Beispiel da, wo ich bis 2014 noch tätig war, in einer kleineren Stadt hier in der Nähe von Colmar, Sélestat, eine Intensivstation mit zehn Betten gehabt, die durch die oberste Gesundheitsbehörde als Überwachungsstation degradiert wurde, alle Beatmungsmaschinen weggenommen wurden und in der ersten Welle mit einem enormen Aufwand – Ärzte, die bereits im Ruhestand waren – wieder aktiviert wurden und Material aus einem Pool und aus Neubeschaffung wieder installiert wurde, um eine Intensivstation mit diesen zehn Betten wiederherzustellen.

Ich habe dazu keinerlei Zahlen, aber ich bin persönlich sicher: Das, was der Staat in den letzten 20 Jahren eingespart hat, hat er dreimal mehr jetzt wieder ausgegeben, um diese Krise, die immer noch nicht beherrscht wird, zu beherrschen.

"Es wird auch eine dritte und vierte Welle geben"

Noll: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass Deutschland im Frühjahr und zumindest aktuell auch in der zweiten Welle besser durch die Pandemie kommt als Frankreich?

Schlier: Ich kann Ihnen da nur Vermutungen nennen - keine statistischen und keine wissenschaftlichen Zahlen geben. Aber ich denke, dass es mehrere Gründe gibt: Ein Grund ist mit Sicherheit die Umsichtigkeit und die Vorsorge des deutschen Gesundheitswesens, bereits relativ früh auf die italienische Situation reagiert zu haben. Man war bereit, Patienten aufzunehmen. Das ist die eine Seite, weshalb es im Frühjahr relativ gut in Deutschland geklappt hat, relativ früh zum Beispiel die Behandlung normaler Patienten runtergefahren wurde, um Intensivpatienten behandeln zu können und damit Pflegekräfte freizusetzen.

Ein zweiter Grund, warum in einem Land, was ein Drittel mehr Bevölkerungsdichte für ein Drittel weniger Land hat, wie es Deutschland im Vergleich zu Frankreich der Fall ist, ist mit Sicherheit auch die Einsicht vieler deutscher Bürger. Diese Ausgangssperre wird besser eingehalten, auch wenn sie nicht so streng durchgeführt wird wie in Frankreich. Die Bevölkerung versteht, dass diese Ausgangssperre kein Drang der Regierung ist, sondern ein Drang der Gesundheitsüberwachung, und dass es für jeden Einzelnen wichtig ist, sich zu schützen.

Sicherlich, so wie in Deutschland gibt es auch in Frankreich sehr viele Leute, die sagen, das müssen wir nicht machen und wir haben da was gegen, aber ich denke, global gesehen wird diese Ausgangssperre besser eingehalten in Deutschland als in Frankreich. Das ist der zweite Grund.

Und eine dritte Ursache ist einfach, dass frühzeitig durch Regierungsstellen darauf Wert gelegt wurde, dass zum Beispiel Maskenpflicht eingehalten wurde und deswegen der Schutz des Einzelnen relativ schnell großgeschrieben wurde, bevor man dann wirklich zu Ausgangssperren übergetreten ist, Diese Ausgangssperren sind ja Deutschland und Frankreich ungefähr um die gleiche Zeit erfolgt.

Noll: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die kommenden Wochen?

Schlier: Ich bin sehr deprimiert, weil ich jetzt ein zweites Mal erlebe, dass ich nicht mehr frei leben kann, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann, dass ich in meinem 60-Quadratmeter-Apartment sitzen muss und nichts anderes machen kann als am Computer spielen, weil die Ausgangssperre hier in Frankreich viel strenger überwacht wird als in Deutschland. Ich bin sehr pessimistisch, was die zukünftige Lage betrifft, weil ich nicht glaube, dass es mit dieser zweiten Welle beendet ist, sondern wir werden nach Weihnachten eine dritte Welle bekommen und nach Ostern eine vierte, fünfte Welle erleben, weil einfach der Drang, sich sehen zu wollen, sehr groß ist und größer als der Wille, andere zu schützen.

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