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StartseiteCampus & KarriereSinkende Teilnehmerzahlen in Weiterbildungskollegs16.03.2020

Zweiter Bildungsweg Sinkende Teilnehmerzahlen in Weiterbildungskollegs

Wenn es im ersten Anlauf nicht geklappt hat, kann das Abitur auch auf dem Zweiten Bildungsweg erworben werden. Aber die Anzahl der Studierenden auf Abendgymnasien und Weiterbildungskollegs ist in den letzten 30 Jahren um über 40 Prozent gesunken. Das gefährdet die Existenz der Kollegs.

Von Esther Körfgen

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ILLUSTRATION - Ein Füllfederhalter liegt auf einem Abiturzeugnis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Jens Büttner/dpa | dpa-Zentralbild| Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)
Das Abitur lässt sich auch auf dem zweiten Bildungsweg erreichen. Der Weg führt über Abendkurse an Gymnasien, Realschulen, Berufs- und Fachoberschulen und über Tageskollegs. (dpa-Zentralbild)
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Biologieunterricht am Siegburger Abendgymnasium. Was jetzt besprochen wird, kann in einem Jahr im Abi drankommen. Also ist Lernen angesagt. Aber wer sich hier unter den Studierenden umhört, bekommt schnell den Eindruck, dass Lernen kein Problem sei.

"Da ja hier alle Schüler schon volljährig sind, haben wir auch eine gewisse Selbstverantwortung", sagt zum Beispiel Max Löwe.
"Das heißt, es wird uns nicht alles hinterhergetragen, sondern wir müssen selbst ein bisschen dafür sorgen, das soll ja auch so sein, daran wächst man ja auch."

Die Vorgaben des Landes werden verfehlt

Max hat vorher eine Lehre zum Industriemechaniker gemacht und irgendwann festgestellt, dass er in dem Beruf nicht arbeiten möchte. Jetzt will er sein Abi nachholen und später BWL studieren. Er ist einer von rund 220, die das Abendgymnasium Siegburg besuchen. Doch das sind 20 zu wenig. Die Bestimmungen des Landes NRW schreiben für ein Weiterbildungskolleg mindestens 240 Teilnehmer vor.

Schulleiter Thomas Heußner beobachtet sinkende Zahl bei den Anmeldungen schon seit langem mit Sorge: "In unseren besten Jahren hatten wir um die 500 Studierende und auch die entsprechende Zahl der Kollegen, ca. 35, also wir sind gut um die Hälfte geschrumpft und unterrichten derzeit noch mit 23 Kollegen, Tendenz ist nach wie vor sinkend. Es gibt Vorgaben, man muss 20 Studierende haben, um eine Klasse aufzumachen, das schaffen wir so gut wie gar nicht mehr."

Unsichere Zukunft des Abendgymnasiums

Hinzu kommt ein weiteres Problem: die hohe Zahl der Abbrecher, rund 30 Prozent - eine übliche Quote auf Abendgymnasien. Das heißt, die Klassen, die zu Beginn eingerichtet werden können, schrumpfen danach auch noch.

"Dadurch dass wir keine Schulpflicht haben, sind die Studierenden nicht gezwungen, bei uns durchzuhalten. Wir haben eine hohe Fluktuation, das heißt, die sich bei uns anmelden, und die bei uns den Abschluss machen, das ist dann eine deutlich kleinere Gruppe. Wir verlieren im laufenden Betrieb Studierende, so dass wir das Problem haben, dass wir organisatorisch nicht mehr so weiterarbeiten können."

Vermutlich im April entscheidet der Schulträger über die Zukunft des Abendgymnasiums. In diesem Fall ist das der Volkshochschul-Zweckverband - ein Zusammenschluss der Kommunen rund um Siegburg. Klar, dass die unsichere Zukunft die Lehrer des Abendgymnasiums belastet. Worauf sie noch hoffen, ist eine Fusion mit einem anderen, nahe gelegenen Weiterbildungskolleg.

"Wir kooperieren schon mit anderen Schulen, den Weiterbildungskollegs in Bonn oder auch in Köln, wir geben Lehrer, die wir zu viel haben, nach Köln ab oder auch nach Bonn. Für uns wäre eine Kooperation mit einem größeren System, zum Beispiel dem Weiterbildungskolleg in Bonn, wünschenswert, weil wir dann wieder flexibler wären. Die Kollegen flexibler einsetzen können, entsprechend ein größeres Einzugsgebiet hätten. Und dadurch auch ein breiteres Angebot auf die Beine stellen könnten."

"Wenn die Konjunktur gut läuft, sinkt die Zahl der Studierenden"

Barbara Hoppe ist Personalrätin. Sie vertritt die Interessen der Lehrer in der Bezirksregierung Köln und arbeitet selber als Lehrerin am Bonner Weiterbildungskolleg. Auch dort beobachtet sie seit Jahren sinkende Studierendenzahlen. Sie kann mehrere Gründe dafür erkennen.

"Wenn man sich die Geschichte der Abendgymnasien oder der Weiterbildungskollegs anschaut, dann kann man deutlich erkennen: wenn die Konjunktur gut läuft, geht die Zahl der Studierenden zurück. Und im Moment läuft ja die Konjunktur gut, so dass das auch ein Grund ist."

Das heißt: Auch Menschen ohne höheren Schulabschluss finden derzeit gute Arbeit. Und: Viele Firmen halten ihre Mitarbeiter durch interne Weiterbildungsmöglichkeiten bei der Stange. Ein weiterer Grund: Mittlerweile bieten Gymnasien und Gesamtschulen ihren Oberstufenschülern so viel Unterstützung, dass nur noch wenige den Schulabschluss nicht schaffen und ihn woanders nachholen.

"Im Schulgesetz Paragraf 1 steht prominent: individuelle Förderung, und von daher gibt es sehr, sehr viele Unterstützungsangebote individuell auf die Förderbedarfe der Schüler zugeschnitten in Form von Lernbüros oder Lernstudios, Lernfließbänder, wo dann die Schüler von den Kollegen begleitet werden."

Auch auf Hochschulen haben sich die Zugänge verändert. Mittlerweile lassen viele Hochschulen auch Schulabgänger ohne Abschluss bei sich studieren lassen. Die Zukunft des Abendgymnasiums Siegburg ist ungewiss.

Größere Entfernungen zu Lernorten verursacht Schwierigkeiten

Die Studierenden machen sich allerdings keine Sorgen. Sollte die Abendschule für immer geschlossen werden, dann erst in drei Jahren, wenn die zuletzt aufgenommenen Schüler ihren Abschuss gemacht haben. Trotzdem, traurig ist Student Max Löwe bei dem Gedanken schon.

"Für einige Leute, die zum Beispiel schon Kinder haben oder auch schon etwas älter sind als 20 Jahre, für die gibt es keine andere Möglichkeit wie zum Beispiel Berufskollegs, das fällt dann raus. Und für Leute, die nicht aus dem Großraum Köln oder Bonn kommen, sondern aus Much oder Ruppichteroth, für die sind Schulstandorte in Bonn oder Köln schwer erreichbar."

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