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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturKatyn im Blick der historischen Forschung16.03.2015

Zweiter WeltkriegKatyn im Blick der historischen Forschung

Erst am 13. April 1990 räumte der damalige Präsident der UdSSR Michail Gorbatschow die sowjetische Verantwortung für eine ganze Serie von Massakern an polnischen Militärs, Polizisten und anderen polnischen Staatsbürgern während des Zweiten Weltkrieges ein, die im kollektiven Gedächtnis der Polen bis heute unter dem Schlagwort "Katyn" erinnert werden.

Von Robert Baag

Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. Eine polnische Flagge und eine rote Rose stecken an einer Mauer mit eingravierten Namen. (imago/stock&people/newspix)
Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. (imago/stock&people/newspix)

Auch wenn das, was im April und Mai 1940 in einem Wald nahe des 20 Kilometer von Smolensk gelegenen Dorfes geschah, nur einen Teil des von Stalin angeordneten Massenmordes ausmacht, dem insgesamt etwa 25.000 Polen zum Opfer fielen. Zum 75. Jahrestag des Massakers liegen nun gleich mehrere Neuerscheinungen vor, die die Geschichte polnischen Leidens unter sowjetischer Herrschaft im Zweiten Weltkrieg dokumentieren. Robert Baag stellt die Bücher vor.

"Mit dem Morgengrauen hat der Tag auf ganz eigentümliche Weise begonnen", schreibt der polnische Major Adam Solski am 9. April 1940 in sein Tagebuch. "Fahrt mit dem Gefängniswagen in Zellen (schrecklich), wir wurden irgendwo in den Wald gebracht, eine Art Urlauberheim. Intensive Leibesvisitation. Sie nahmen die Uhr, fragten nach dem Ehering, ebenso zogen sie Rubel, Koppel, Taschenmesser ein."

"Wohl wenige Minuten nach diesem Eintrag (in sein Tagebuch) war Solski tot."

Eine historisch verbürgte Episode, die Thomas Urban in seiner Monografie "Katyn 1940 - Geschichte eines Verbrechens" exemplarisch für sein Thema anführt: Der Mord an insgesamt weit mehr als 25.000 gefangenen polnischen Offizieren durch die sowjetische Geheimpolizei im Frühjahr 1940:

"Die NKWD-Männer, die ihn unweit einer Hügelkette mit dem Namen 'Ziegenberge' erschossen, waren an seinen Notizen nicht interessiert, sie wurden drei Jahre später bei der Exhumierung seiner Leiche gefunden. Seitdem galten sie als wichtiges Beweisstück bei der Klärung der Frage nach dem Todesdatum und den Tätern."

An die viereinhalbtausend polnische Offiziere, Beamte und Vertreter der Intelligenz verlieren auf diese Weise vor genau 75 Jahren allein im westrussischen Katyn bei Smolensk ihr Leben. Die uniformierten Auftragsmörder des damaligen Hitler-Verbündeten Stalin ebnen anschließend die Exekutionsgruben mit Planierraupen ein, pflanzen Kiefernsetzlinge. Stille zieht wieder ein im Wald von Katyn. - Am 22. Juni 1941 aber überfällt Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion, besetzt auch die Gegend um Smolensk. Erst im Januar 1943 werden die deutschen Besatzer auf das grauenvolle Geheimnis von Katyn aufmerksam:

"Die Entdeckung der Massengräber der polnischen Kriegsgefangenen war eine Schmach für (Volkskommissar) Berijas NKWD, die nie hätte passieren dürfen und die zu Zeiten des deutsch-sowjetischen Bündnisses auch nicht vorstellbar gewesen war", ist sich Claudia Weber sicher, die den Massenmord von Katyn als Chiffre für einen - so der Titel ihres Buches - "Krieg der Täter" verwendet.

Deutschland und die Sowjetunion haben demnach dieses Verbrechen im Zusammenspiel ermöglicht und sind beide ursächlich dafür verantwortlich - Stichwort: Der "Hitler-Stalin-Pakt" von 1939.

"Zwar hatte Stalin mit viel politischem Kalkül und Geschick die Katyn-Affäre zu seinen Gunsten wenden können. Die im Kommuniqué des Sovinformbjuros vom 15. April 1943 verbreitete sowjetische Version der Massenerschießungen - die Gefangenen seien im Sommer 1941 in die Hände der Deutschen geraten und von diesen erschossen worden - war jedoch eine reine Gegenbehauptung geblieben. Moskau hatte den Inszenierungen der deutschen Propaganda nichts Vergleichbares entgegenzusetzen."

Nazi-Propagandaminister Goebbels habe so die Anti-Hitler-Koalition unter Einschluss der Sowjetunion spalten und schwächen wollen. - Nicht nur Claudia Weber, auch Thomas Urban zeigt, dass die um Aufklärung ringenden und Genugtuung einfordernden Exil-Polen sogar bei ihren westlichen Verbündeten auf verlorenem Posten standen. - Besonders scharf fällt Thomas Urbans Kritik an der Haltung des US-Präsidenten gegenüber dem Sowjetdiktator aus:

"Roosevelt und seine wichtigsten Berater waren felsenfest von der der Aufrichtigkeit Stalins - "Uncle Joe" - überzeugt, sie waren verblendet und naiv. Alle Informationen, die ihr Bild von Stalin störten, wurden ignoriert oder gar zurückgewiesen. Aus diesem Grunde gaben Untergebene Expertenberichte, die auf eine sowjetische Täterschaft in Katyn verwiesen, unbearbeitet zu den Akten, oft, nachdem sie sie als geheim eingestuft hatten."

Claudia Weber bewertet die Politik Washingtons und Londons erheblich milder, bescheinigt Teilen der US-Diplomatie allenfalls eine gewisse Naivität gegenüber Stalins wahren Zielen. - Anders Urban: Selbst unter den während des Krieges in Moskau akkreditierten US-Journalisten sei eine aus linker Gesinnung gespeiste Stalin-Sympathie weit verbreitet gewesen. Nicht zuletzt Korrespondenten wie Alexander Werth hätten mit ihren Reportagen dafür gesorgt, dass nur die sowjetische Katyn-Version - mit den Deutschen als Täter - an die amerikanische wie britische Leser- und Hörerschaft verbreitet worden sei. Und so hätten sie ihr Publikum am Ende wissentlich belogen, mindestens aber fahrlässig desinformiert. - Claudia Weber verfolgt rund um den von ihr benutzten Begriff "Täterkrieg" eher diesen Gedanken:

"In der Folge der Propagandakampagnen des Zweiten Weltkriegs und im 'Täterkrieg' der folgenden Jahrzehnte [...] dominierten die Gegnerschaft und die Verbrechen und Schlachten der Jahre 1941 bis 1945 die Weltkriegserinnerung im Kalten Krieg. In diesem Sinne profitierten das 'Dritte Reich', vor allem aber Stalins Sowjetunion von den Inszenierungen eines 'Täterkriegs', der die ideologischen Feindschaften manifestierte, um das politische Bündnis vergessen zu machen.

Und zwar durchaus erfolgreich, findet sie. Denn:

"Im Frühjahr 1943 hatte es Stalin verstanden, die polnische Exilregierung mit dem Vorwurf der Kollaboration mit Goebbels und dem 'Dritten Reich' zu diskreditieren. [...] In den ideologischen Grabenkämpfen des Kalten Krieges fiel Stalins Kunststück, jegliche Diskussion des Verbrechens mit dem Vorwurf der Kollaboration, und je weiter der Kalte Krieg voranschritt, mit dem Vorwurf der Rehabilitation des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen, zu verhindern, auf fruchtbaren Boden."

Blick auf einen Friedhof durch das Eingangstor, auf dem Boden stehen die Worte: Polski Cmentarz Wojenny Katyn (imago/stock&people/newspix)Soldatenfriedhof für die Opfer des Massenmords von Katyn. (imago/stock&people/newspix)

"'Eine Darstellung des Massenmords von Katyn und seiner Folgen (ist) in keiner Weise dazu geeignet, den deutschen Vernichtungskrieg im Osten zu relativieren. Vielmehr gilt: Katyn kann nicht von den nationalsozialistischen Verbrechen ablenken. [...]' Dieser Satz stammt von Rudolf-Christoph von Gersdorff, der als Generalstabsoffizier der im Gebiet Smolensk liegenden Heeresgruppe Mitte die Exhumierung der Opfer beaufsichtigte, der aber auch gemeinsam mit dem ebenfalls dort stationierten Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff genau in dieser Zeit an zwei Versuchen mitgewirkt hat, Hitler durch einen Bombenanschlag zu beseitigen."

Der düsteren Chiffre "Katyn" nähert sich Thomas Urban als ein den Polen tief verbundener, kenntnisreicher Journalist, der sich in seiner Analyse keineswegs vor aktuellen politischen Bezügen scheut - mit Analogien etwa zu Russlands momentanem Verhalten rund um die Ostukraine. Urban interessieren nicht zuletzt die moralischen Vorstellungen der historischen Akteure.

Neutraler, abwägender im Ton, wenn auch hin und wieder etwas umständlich referierend, erscheint Claudia Webers umfangreiche Monografie. Doch auch ihre Arbeit beeindruckt durch Materialreichtum nicht zuletzt zur geschichtspolitischen Bedeutung von "Katyn" bis in die Gegenwart. - Für ihre noch im Vorwort formulierte Frage "Warum also über Katyn schreiben?" liefert sie vorab schon einmal selbst die Antwort: "Weil Gegenwart Geschichte verändert." Dies allerdings wäre im Fall Katyn abschließend noch zu überprüfen.

Claudia Weber:" Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyn"
450 Seiten aus der Hamburger Edition für 35 Euro

Thomas Urban: "Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens"
249 Seiten aus dem C.H. Beck Verlag für 14 Euro und 95 Cent

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