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StartseiteForschung aktuellSofortige Aids-Therapie nach der Geburt zeigt erneuten Erfolg06.03.2014

Zweites Mississippi-BabySofortige Aids-Therapie nach der Geburt zeigt erneuten Erfolg

Aids-Forschung. - Vor einem Jahr sorgt die Meldung ein Kleinkind sei von Aids geheilt worden für Aufsehen. Auf der Retroviren-Konferenz CROI 2014 in Boston, USA, wurde jetzt ein ähnlich gelagerter Fall veröffentlicht. Im bereits bekannten Fall hatten Ärzte dem so genannten Mississippi-Baby direkt nach der Geburt Aids-Medikamente gegeben. Nach 18 Monate hatte die Mutter die die Medikamente abgesetzt. Trotzdem kann das Immunsystem des Kindes die HI-Viren bis heute kontrollieren. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide berichtet im Gespräch mit Uli Blumenthal über Parallelen und Unterschiede der beiden Fälle.

Martin Winkelheide im Gespräch mit Uli Blumenthal

Blumenthal: Herr Winkelheide, ist das jetzt so eine Art zweites Mississippi-Baby?

Winkelheide: Es gibt schon Gemeinsamkeiten zwischen dem Mississippi-Baby und diesem neuen Fall. Auch hier haben die Ärzte sehr früh Aids-Medikamente gegeben, auch deutlich höher dosiert als den normalen Empfehlungen entspricht, und sie haben auch drei Medikamente miteinander kombiniert. Das Baby ist inzwischen neun Monate alt. Die Ärzte haben sehr genau im Blut nachgeschaut, und auch hier haben sie keine aktiven Aidsviren mehr gefunden. Das heißt, eigentlich ist das Baby jetzt wieder HIV-negativ.

Blumenthal: Wann kann man das denn eigentlich mit abschließender Gewissheit sagen? Müsste man noch ein, zwei, drei oder mehr Jahre warten, um ein endgültiges Urteil aus medizinischer Sicht fällen zu können?

Winkelheide: Jetzt kommen wir zu den Unterschieden zum Mississippi-Baby. In diesem neuen Fall ist es so, dass das Baby Medikamente weiterhin bekommt, und die Medikamente werden auch erst einmal nicht abgesetzt werden. Ds heißt, man wird immer im Blut sehen können: Sind Viren nachweisbar oder nicht. Bei dem Mississippi-Baby war es ja so, dass die Mutter die Medikamente abgesetzt hat, und die Ärzte dann gesehen hatten, dass das Kind das Virus von alleine kontrolliert. Also, dass zwar noch Virus-Erbinformation im Körper ist, aber eben keine Viren sich vermehren können.

Blumenthal: Wie ist das jetzt bei dem zweiten in Boston vorgestellten Fall? Hat man da die Absicht, die Medikamente irgendwann einmal abzusetzen, wenn beispielsweise die Viren immer noch verschwunden sind oder wie geht das da weiter?

Winkelheide: Also, man kann nicht genau sagen, ob auch dieses Kind das Virus sozusagen langfristig kontrollieren könnte ohne Medikamente. Die Ärzte haben auch nicht vor, die Medikamente abzusetzen. Aber was sie hier auf der Retroviren-Konferenz angekündigt haben, dass sie einen internationalen Versuch machen wollen, dass sie ganz gezielt nach Kindern suchen, die ein hohes Risiko haben mit HIV auf die Welt zu kommen, weil die Mutter zum Beispiel vergessen hat die Medikamente zur Vorbeugung einzunehmen. Dass die Kinder dann auch alle sehr früh behandelt werden, und dass man dann im Rahmen einer Studie versuchen wird, nach zwei Jahren etwa die Medikamente vorsichtig abzusetzen. Aber eben das dann sehr kontrolliert im Rahmen von Studien, weil eben die Risiken auch sehr hoch sind.

Blumenthal: Letzte Frage: Welche Auswirkung hat denn der Fall des Mississippi-Babys und jetzt dieser zweite aktuelle Fall heute schon auf die Behandlung von Kleinstkindern, die mit HIV auf die Welt kommen?

Winkelheide: Das hat große Auswirkungen. Man merkt schon, dass die Mediziner die Richtlinien überdenken, wie Babys behandelt werden. Der Trend geht eben dahin, dass man doch sagt: Doch sehr früh behandeln, und "sehr früh" heißt eben in den ersten Stunden oder innerhalb der ersten beiden Tage nach der Geburt. Denn man sieht im Vergleich mit anderen Babys, die eben deutlich später behandelt werden oder mit einer niedrigeren Dosis von Medikamenten behandelt werden, dass es diesen Kindern einfach deutlich besser geht. Auch langfristig deutlich besser geht. Und von daher geht der Trend schon ganz klar hin zu einer sehr frühen Behandlung.

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