Birmas Bevölkerung gehört zu den ärmsten der Welt. Die meisten Bewohner sehen nach 45 Jahren Militärdiktatur kaum mehr eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sehnen sich nach Freiheit und Demokratie. Seit Birmas Militärregime Ende September die friedlichen, von Mönchen angeführten Proteste mit Gewalt niedergeschlagen hat, ist die Stimmung auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt.
Viele Mönche waren gezwungen, ihre Klöster zu meiden und sich zu verstecken. Andere flohen aus Birma, kamen über die Grenze nach Thailand. Hier wollen sie Kraft schöpfen - und sich neu organisieren, sagt ein Mönch. Er ist erst vor kurzem nach Mae Sot gekommen und spricht aus, was viele seiner Glaubensbrüder denken:
"Solch eine Kriegsstimmung gegen unsere buddhistische Glaubensgemeinschaft ist uns noch nie begegnet. Wir sind unschuldig, und doch wurden wir gedemütigt und beleidigt. Das Regime benutzte meist Kriminelle, die in Gefängnissen einsaßen, gab ihnen Geld, um uns anzugreifen. Viele Mönche sind tot. Wir alle sind Mönch, und wir wollen unseren Kampf weiterführen. Aber wir brauchen Rat, Ideen und Unterstützung. Und wir sind dafür, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren, denn China hat uns nichts Gutes getan."
China gilt als engster Verbündeter der Generäle und unterhält intensive Wirtschaftsbeziehungen mit dem südostasiatischen Land, dem die Militärs den vorkolonialen Namen Myanmar wiedergaben. Resolutionen im UN-Sicherheitsrat, welche die verheerende Menschenrechtslage sowie das Blutvergießen Ende September in Birma eindeutig verurteilen sollten, waren unter anderem am Veto Chinas gescheitert.
Birmas buddhistische Mönche haben schon immer eine wesentliche Rolle bei politischen Veränderungen gespielt. Der Mut, den Militärs zu trotzen kommt nicht von ungefähr. Schon in den 1940er Jahren hatten die buddhistischen Würdenträger Widerstand geleistet. Damals richtete sich dieser gegen die britischen Kolonialherren.
Auch bei den Demonstrationen 1988, als die von Studenten angeführten Menschenmassen mehr Demokratie und einen besseren Lebensstandard forderten, waren viele Mönche mit dabei. Die Militärregierung von heute ließ schon den friedlichen Aufstand vor knapp 20 Jahren niederschlagen. Die Folge damals waren mindestens 3.000 Tote.
Birmas Mönche werden auch weiterhin eine wichtige Rolle im politischen Geschehen spielen, sagt Aung Zaw, Herausgeber der Dissidentenzeitschrift "Irrawaddy" im nordthailändischen Chiang Mai:
"In diesem gegenwärtigen Kampf haben die Mönche gezeigt, dass sie sich sehr modernisiert und den Verhältnissen angepasst haben. Sie sind gut miteinander vernetzt, vor allem diejenigen, die in die Proteste involviert waren. Sie haben Internetzugang und sind ins Ausland gereist, nach Singapur, Thailand und in die USA. Sie haben realisiert, dass sie eine der treibenden Kräfte für Veränderungen sind. Und das verbergen sie auch nicht. Die jetzige Militärregierung, die 1988 an die Macht kam, hat den Buddhismus ursprünglich für sich benutzt, indem sie versprochen hatte, den Glauben zu bewahren. Aber jetzt lässt sie die Mönche töten, verhaften und einsperren, und daran kann man sehen, wie sehr sie sich widerspricht."
Ein Rückblick auf die Ereignisse dieses Spätsommers 2007: Birmas ehemalige Hauptstadt Rangun wird im August und September einer der wichtigsten Schauplätze der Protestbewegung gegen das Militär. Im August gehen mehrere hundert Menschen auf die Straße, um gegen die drastischen Preiserhöhungen von Benzin und Fahrkarten zu demonstrieren.
Dass sie dabei ihr Leben riskieren, wissen sie. Denn auch die kleinsten öffentlichen Versammlungen sind unter der Militärdiktatur verboten. Doch der Unmut ist stärker als die Angst: Das Geld reicht für die meisten schon lange nicht mehr zum Überleben. Jetzt können sie sich nicht einmal mehr die Fahrt zum Arbeitsplatz leisten.
Aus den anfangs relativ überschaubaren Protesten wird eine Massenbewegung, die allein in Rangun an einem Septembertag bis zu 130.000 Menschen auf die Straßen treibt. Angeführt werden die Demonstrationen von buddhistischen Mönchen, die im ganzen Land verehrt und geachtet werden.
Dann aber schlägt das Militär mit aller Gewalt zurück. Soldaten schießen in die Menschenmenge, drängen die Demonstranten außerdem mit Wasserwerfern und Tränengas zurück. Angst herrscht in den Straßen, fortan regieren nur noch Terror und Brutalität. Eine Verhaftungswelle beginnt.
Die Junta lässt dabei nicht nur die Teilnehmer an den Protesten festnehmen. Sondern auch Menschen, die den Demonstranten applaudiert oder den Mönchen Essen und Wasser gebracht haben. Oppositionelle, darunter frühere Anführer der Studentenaufstände von 1988, werden gejagt. Manche verstecken sich, andere versuchen aus dem Land zu fliehen.
Dass das Militär auf die Robenträger schießen lässt, sie ermordet, schlägt und demütigt, verzeiht das Volk den Diktatoren nicht. Ein weiterer Mönch, der Zeuge der gewaltsamen Niederschlagung in Rangun war und erst kürzlich die Grenze nach Thailand passierte, schildert seine Gefühle:
"Nach der Niederschlagung hat das Militär in den Klöstern Razzien durchgeführt, meistens spät in der Nacht. Wir sind entkommen und haben uns versteckt. Zuerst sind wir getrennt worden, haben uns aber später glücklicherweise wieder gefunden und dann entschieden, nach Thailand zu gehen. Hier hoffen wir Unterstützung für die künftige Revolution zu finden."
Überall im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma ist spürbar, wie schlecht es dem einfachen Volk geht. Unter anderem wurden bereits mehrere hunderttausend Menschen der ethnischen Minderheiten aus ihren Dörfern vertrieben. Das Militär raubt, mordet und brandschatzt. Kinder werden als Soldaten rekrutiert und Frauen vergewaltigt. Die Dorfbewohner schlagen sich durch den Dschungel, in der Hoffnung, sich verstecken zu können oder irgendwann die thailändische Grenze zu erreichen.
Die humanitäre Katastrophe in Birma ist seit Jahren bekannt. Und sie wird immer schlimmer. Die Nichtregierungsorganisation "Thailand Burma Border Consortium" hat vor kurzem die Situation von Angehörigen ethnischer Minderheiten wie Mon, Shan, Karenni und Karen untersucht und spricht etwa von 503.000 Vertriebenen allein im Osten Birmas.
Ein großer Teil der Burmesen kommt auch als Migranten nach Thailand. Sie hoffen, im weitaus wohlhabenderen Nachbarland Arbeit zu finden. Doch viele haben keine Papiere und daher keine Rechte, erklärt Cynthia Maung.
Dr. Cynthia, wie sie überall genannt wird, ist nach der gewaltsamen Niederschlagung der Massenproteste 1988 aus ihrer Heimat nach Thailand geflohen. Sie ist Angehörige der ethnischen Minderheit der Karen und richtete ein Jahr später ihre "Mae Tao Klinik" im Grenzgebiet ein. Das Hospital ist eine kostenlose Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten, die sonst überhaupt keine Chancen auf eine medizinische Behandlung hätten:
"Es ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, weil Thailand und Birma so eine lange Grenze teilen. In Thailand leben viele ethnische Gruppierungen, die keine Ausweispapiere haben. Und dann ist da noch die Stadtbevölkerung aus Birma, die über die Grenzen nach Thailand kommt. Es gibt kein richtiges System, das diese Menschen registriert. Und das macht sie sehr anfällig für Schikanen und für Menschenrechtsverletzungen."
Der Zulauf der Patienten wächst stetig. Im vergangenen Jahr hat die Klinik etwa 100.000 Menschen behandelt. Kriegsverletzungen und Krankheiten wie Malaria, Durchfall oder HIV/Aids sind die größten Probleme. Im benachbarten Birma haben die meisten keinen Zugang zu medizinischer Hilfe: Das Gesundheits- und Erziehungssystem für die einfache Bevölkerung liegt nahezu brach, weil die Militärs lieber in Waffen und Luxusgüter investieren.
Die Hoffnung auf ein freies, demokratisches Birma spürt man auch hier auf dem Klinikgelände. An einer Wand prangt ein großes Poster: Es zeigt Dr. Cynthia Maung und Birmas Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Die Unterschrift lautet: "Unity in Diversity - Einheit in der Vielfalt."
Die gespannte politische Lage und die wirtschaftliche Not in Birma haben direkten Einfluss auf die Arbeit in der Mae Tao Klink. Weil dort alle Patienten kostenlos behandelt und mit Essen versorgt werden, pilgern auch Burmesen, die keine Flüchtlinge oder Migranten sind, über die Grenze nach Mae Sot.
Zum Beispiel ein 70-jähriger Burmese, der seinen Namen nicht nennen möchte - aus Angst vor Repressalien. Er kam hierher, um seine Augen operieren zu lassen. In seiner Heimat hätte er dafür rund 300.000 Kyat - umgerechnet etwa 230 US-Dollar - bezahlen müssen. Das aber kann er sich auf keinen Fall leisten. Politisch möchte er sich nicht gern äußern, berichtet aber, wie er sich in seiner von Militärs regierten Heimat fühlt:
"Manchmal möchte ich nicht mehr in Birma bleiben. Wir haben kein Einkommen und daher kein Geld, um Essen und Kleidung zu kaufen. Das Geld, das ein Mann an einem Tag verdient, reicht nicht aus, um ihn zu ernähren."
Unterdessen versuchen die Vereinten Nationen angesichts der immer verzweifelteren Lage in dem verarmten Land zwischen Militärjunta und Opposition zu vermitteln. Der UN-Sondergesandte Ibrahim Gambari hat Birma seit der blutigen Niederschlagung der Proteste zwei Mal besucht und dabei auch mehrfach Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi getroffen.
Doch während seiner letzten Visite hatte ihm Juntachef Than Shwe, der in allen Angelegenheiten Birmas das letzte Wort hat, die kalte Schulter gezeigt. Nennenswerte Fortschritte im Hinblick auf eine nationale Aussöhnung gibt es nicht. Die Militärs, sagen Kritiker, hätten kein Interesse daran, die Macht zu teilen oder gar abzugeben.
Dass auch der UN-Menschenrechtsexperte Paulo Sergio Pinheiro nach vier Jahren Besuchsverbot endlich wieder einreisen durfte, geschieht nach Meinung von Beobachtern nur, um die Kritiker innerhalb der internationalen Gemeinschaft zu besänftigen. Die Junta treibe ein Spiel mit der UNO, meint Aung So von der Exilvereinigung "Nationale Koalitionsregierung der Union Birmas" in Mae Sot:
"Nach der so genannten Safran-Revolution der Mönche hat die Regierung erkennen müssen, dass es irgendeine Form des Dialogs geben muss. Aber ehrlich gesagt, wird sie versuchen, den Demokratisierungsprozess hinauszuzögern. Sie wird versuchen, Herrn Gambari und Herrn Pinheiro zu täuschen, gleichzeitig aber muss sie Konzessionen machen. Das ist unvermeidlich."
Der UN-Diplomat Paulo Pinheiro hat während seines Besuchs Mitte November mehrere inhaftierte Regimegegner getroffen. Er fordert internationale Kontrollen in den Gefängnissen Birmas sowie einen Zugang des Roten Kreuzes zu den Häftlingen. Von der internationalen Gemeinschaft wünscht sich Pinheiro, dass sie den Druck auf die Militärregierung aufrecht erhält und sich besser koordiniert:
"Die internationale Gemeinschaft sollte diese jungen Menschen, die Frauen, Studenten und Mönche, die das enorme Risiko auf sich genommen haben, auf die Straße zu gehen, um für Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu kämpfen, entsprechend würdigen. Das ist der Moment für die Weltgemeinschaft, mehr Aufgeschlossenheit gegenüber den Forderungen der Demonstranten zu zeigen. Wenn wir Fortschritte in Birma sehen wollen, dann brauchen wir keine Kakophonie verschiedener Strategien von Mitgliedsstaaten. Was wir brauchen, ist Koordination."
Doch viele Burmesen glauben nicht daran, dass die Vereinten Nationen es schaffen könnten, die Junta und die Opposition unter Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi an den Verhandlungstisch zu bringen.
Aung San Suu Kyi hat mehr als elf der vergangenen achtzehn Jahre unter Hausarrest verbracht. Das letzte Mal war sie Ende Mai 2003 verhaftet worden, als sie sich auf einer Reise durch den Norden des Landes befand. Damals waren die Menschen zu mehreren hunderttausend herbei geströmt, um sie zu sehen.
Als den Militärs klar wurde, wie populär die Tochter des Unabhängigkeitshelden Aung San immer noch war, provozierten sie einen blutigen Zwischenfall: Der Konvoi mit Anhängern von Suu Kyis Partei, der "Nationalen Liga für Demokratie" wurde von junta-nahen Schlägertruppen angegriffen. Suu Kyi selbst wurde festgenommen.
Ein Grund für die erneute Verhaftung: Die Oppositionsführerin wird offensichtlich auch von zahlreichen ethnischen Minderheiten des Vielvölkerstaates akzeptiert. Davon ist Aung So von der Exilvereinigung "Nationale Koalitionsregierung der Union Birmas" in Mae Sot überzeugt. Das hätten die letzten freien Wahlen von 1990 gezeigt, die Suu Kyis Partei haushoch gewonnen hatte. Den Urnengang hatten die Militärs in völliger Fehleinschätzung der Lage abhalten lassen, das Ergebnis aber nie anerkannt:
"Aung San Suu Kyis "Nationale Liga für Demokratie" hat fast die Hälfte aller Stimmen im Parlament in den Gebieten der ethnischen Minderheiten bekommen. Der Hauptgrund liegt darin, dass sie anders ist als die militärischen Führer oder die früheren Könige. Sie hat wirklich für die Menschen und ihr Leid Verständnis gezeigt und war bereit, ihnen ihre ethnischen Rechte zuzugestehen."
Dass die Militärs es mit ihren öffentlichen Gesten und der vermeintlichen Annäherung an die Nobelpreisträgerin Suu Kyi nicht ehrlich meinen, wird allgemein vermutet. Sie würden alles tun, um die internationale Kritik zu besänftigen, hielten aber in Wirklichkeit an ihrer Macht fest. Gerade erst hat der als "Hardliner" berüchtigte Juntachef Than Shwe seine Macht gefestigt, indem er Posten innerhalb der Armee-Führungsspitze neu besetzt hat. Auch ist es ein offenes Geheimnis, dass Than Shwe die Oppositionsführerin Suu Kyi abgrundtief hasst.
Von den Militärs sei keine Veränderung zum Guten zu erwarten, betonen auch die Mönche, die das Blutvergießen miterleben mussten. Nur das Volk könne die katastrophalen Verhältnisse in dem verarmten Land beenden, so ein Robenträger:
"Wenn irgendjemand ihr Spiel glaubt, dann wird das alles dauern, bis wir sterben. Das gesamte Land muss aufstehen und gegen die ungerechte Führung kämpfen. Wir selbst wurden geschlagen, einige unserer Äbte wurden zu Tode geprügelt oder erschossen. Menschen wurden auf den Straßen ermordet, und wir leiden sehr darunter. Ich kann nicht ausdrücken, wie sehr. Ich kann nur darüber nachdenken, wie wir genügend Unterstützung bekommen können. Wir, das Volk, haben es in den Händen. Es muss selbst dafür sorgen, dass es seine Rechte wieder bekommt."
Sie alle haben die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages in ein demokratisches Birma zurückkehren zu können. Wie aber wird es jetzt in dem verarmten Land weitergehen? Cynthia Maung sagte dazu:
"Das Volk und auch die hiesigen Gemeindeorganisationen sind sehr stark. Aber das Militär hat Waffen und wird innerhalb der internationalen Gemeinschaft unterstützt. Es gibt Länder, die das Militär mit Waffen versorgen. Und das ist das Problem. Die Menschen lernen weiterhin, sich auf gewaltlose Weise zu wehren, aber solange man die Militärs nicht ändern oder entwaffnen kann, ist das sehr hart."
Der Journalist und Herausgeber der Dissidentenzeitschrift "Irrawaddy", Aung Zaw, rechnet mit weiteren Protesten - und neuer Gewalt:
"Im Lande herrschen Verzweiflung und Unterdrückung. Es gibt so viel Wut und Hass auf die Militärjunta. Ich habe Informationen darüber erhalten, dass es wahrscheinlich in den kommenden drei bis sechs Monaten neue Proteste und neue Unterdrückung geben wird - und wahrscheinlich auch neues Blutvergießen. Auch sind die Menschen enttäuscht, dass der kürzlich erfolgte Besuch des UN-Sondergesandten Ibrahim Gambari ein Fehlschlag war, obwohl man Gambari das nicht anlasten kann. Denn die Militärs wollen keine Kompromisse eingehen, in ihrem Vokabular kommt dieses Wort nicht vor. Das wird neue Proteste provozieren. Die Menschen werden wieder auf die Straße gehen, wann immer sie eine Möglichkeit dazu sehen."
Auch ein Teil der Mönchsgemeinschaft hat bereits beschlossen, den Kampf für Demokratie fortzusetzen - mit friedlichen Mitteln:
"Wir denken dabei an eine Art Guerilla-Bewegung, aber gleichzeitig auch an offenen Protest. Wir wollen keine Volksmilizen oder andere militante Gruppierungen in unserem Land. Deshalb wollen wir uns gemeinsam mit der Bevölkerung und den Studenten organisieren, um dies zu einem Ende zu führen. Es wäre besser, wenn es überhaupt keine militärischen Führer in Birma gäbe."
Weitere 20 Jahre wollen Birmas Mönche jedoch nicht warten mit ihrem Kampf für Freiheit.
Viele Mönche waren gezwungen, ihre Klöster zu meiden und sich zu verstecken. Andere flohen aus Birma, kamen über die Grenze nach Thailand. Hier wollen sie Kraft schöpfen - und sich neu organisieren, sagt ein Mönch. Er ist erst vor kurzem nach Mae Sot gekommen und spricht aus, was viele seiner Glaubensbrüder denken:
"Solch eine Kriegsstimmung gegen unsere buddhistische Glaubensgemeinschaft ist uns noch nie begegnet. Wir sind unschuldig, und doch wurden wir gedemütigt und beleidigt. Das Regime benutzte meist Kriminelle, die in Gefängnissen einsaßen, gab ihnen Geld, um uns anzugreifen. Viele Mönche sind tot. Wir alle sind Mönch, und wir wollen unseren Kampf weiterführen. Aber wir brauchen Rat, Ideen und Unterstützung. Und wir sind dafür, die Olympischen Spiele in Peking zu boykottieren, denn China hat uns nichts Gutes getan."
China gilt als engster Verbündeter der Generäle und unterhält intensive Wirtschaftsbeziehungen mit dem südostasiatischen Land, dem die Militärs den vorkolonialen Namen Myanmar wiedergaben. Resolutionen im UN-Sicherheitsrat, welche die verheerende Menschenrechtslage sowie das Blutvergießen Ende September in Birma eindeutig verurteilen sollten, waren unter anderem am Veto Chinas gescheitert.
Birmas buddhistische Mönche haben schon immer eine wesentliche Rolle bei politischen Veränderungen gespielt. Der Mut, den Militärs zu trotzen kommt nicht von ungefähr. Schon in den 1940er Jahren hatten die buddhistischen Würdenträger Widerstand geleistet. Damals richtete sich dieser gegen die britischen Kolonialherren.
Auch bei den Demonstrationen 1988, als die von Studenten angeführten Menschenmassen mehr Demokratie und einen besseren Lebensstandard forderten, waren viele Mönche mit dabei. Die Militärregierung von heute ließ schon den friedlichen Aufstand vor knapp 20 Jahren niederschlagen. Die Folge damals waren mindestens 3.000 Tote.
Birmas Mönche werden auch weiterhin eine wichtige Rolle im politischen Geschehen spielen, sagt Aung Zaw, Herausgeber der Dissidentenzeitschrift "Irrawaddy" im nordthailändischen Chiang Mai:
"In diesem gegenwärtigen Kampf haben die Mönche gezeigt, dass sie sich sehr modernisiert und den Verhältnissen angepasst haben. Sie sind gut miteinander vernetzt, vor allem diejenigen, die in die Proteste involviert waren. Sie haben Internetzugang und sind ins Ausland gereist, nach Singapur, Thailand und in die USA. Sie haben realisiert, dass sie eine der treibenden Kräfte für Veränderungen sind. Und das verbergen sie auch nicht. Die jetzige Militärregierung, die 1988 an die Macht kam, hat den Buddhismus ursprünglich für sich benutzt, indem sie versprochen hatte, den Glauben zu bewahren. Aber jetzt lässt sie die Mönche töten, verhaften und einsperren, und daran kann man sehen, wie sehr sie sich widerspricht."
Ein Rückblick auf die Ereignisse dieses Spätsommers 2007: Birmas ehemalige Hauptstadt Rangun wird im August und September einer der wichtigsten Schauplätze der Protestbewegung gegen das Militär. Im August gehen mehrere hundert Menschen auf die Straße, um gegen die drastischen Preiserhöhungen von Benzin und Fahrkarten zu demonstrieren.
Dass sie dabei ihr Leben riskieren, wissen sie. Denn auch die kleinsten öffentlichen Versammlungen sind unter der Militärdiktatur verboten. Doch der Unmut ist stärker als die Angst: Das Geld reicht für die meisten schon lange nicht mehr zum Überleben. Jetzt können sie sich nicht einmal mehr die Fahrt zum Arbeitsplatz leisten.
Aus den anfangs relativ überschaubaren Protesten wird eine Massenbewegung, die allein in Rangun an einem Septembertag bis zu 130.000 Menschen auf die Straßen treibt. Angeführt werden die Demonstrationen von buddhistischen Mönchen, die im ganzen Land verehrt und geachtet werden.
Dann aber schlägt das Militär mit aller Gewalt zurück. Soldaten schießen in die Menschenmenge, drängen die Demonstranten außerdem mit Wasserwerfern und Tränengas zurück. Angst herrscht in den Straßen, fortan regieren nur noch Terror und Brutalität. Eine Verhaftungswelle beginnt.
Die Junta lässt dabei nicht nur die Teilnehmer an den Protesten festnehmen. Sondern auch Menschen, die den Demonstranten applaudiert oder den Mönchen Essen und Wasser gebracht haben. Oppositionelle, darunter frühere Anführer der Studentenaufstände von 1988, werden gejagt. Manche verstecken sich, andere versuchen aus dem Land zu fliehen.
Dass das Militär auf die Robenträger schießen lässt, sie ermordet, schlägt und demütigt, verzeiht das Volk den Diktatoren nicht. Ein weiterer Mönch, der Zeuge der gewaltsamen Niederschlagung in Rangun war und erst kürzlich die Grenze nach Thailand passierte, schildert seine Gefühle:
"Nach der Niederschlagung hat das Militär in den Klöstern Razzien durchgeführt, meistens spät in der Nacht. Wir sind entkommen und haben uns versteckt. Zuerst sind wir getrennt worden, haben uns aber später glücklicherweise wieder gefunden und dann entschieden, nach Thailand zu gehen. Hier hoffen wir Unterstützung für die künftige Revolution zu finden."
Überall im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma ist spürbar, wie schlecht es dem einfachen Volk geht. Unter anderem wurden bereits mehrere hunderttausend Menschen der ethnischen Minderheiten aus ihren Dörfern vertrieben. Das Militär raubt, mordet und brandschatzt. Kinder werden als Soldaten rekrutiert und Frauen vergewaltigt. Die Dorfbewohner schlagen sich durch den Dschungel, in der Hoffnung, sich verstecken zu können oder irgendwann die thailändische Grenze zu erreichen.
Die humanitäre Katastrophe in Birma ist seit Jahren bekannt. Und sie wird immer schlimmer. Die Nichtregierungsorganisation "Thailand Burma Border Consortium" hat vor kurzem die Situation von Angehörigen ethnischer Minderheiten wie Mon, Shan, Karenni und Karen untersucht und spricht etwa von 503.000 Vertriebenen allein im Osten Birmas.
Ein großer Teil der Burmesen kommt auch als Migranten nach Thailand. Sie hoffen, im weitaus wohlhabenderen Nachbarland Arbeit zu finden. Doch viele haben keine Papiere und daher keine Rechte, erklärt Cynthia Maung.
Dr. Cynthia, wie sie überall genannt wird, ist nach der gewaltsamen Niederschlagung der Massenproteste 1988 aus ihrer Heimat nach Thailand geflohen. Sie ist Angehörige der ethnischen Minderheit der Karen und richtete ein Jahr später ihre "Mae Tao Klinik" im Grenzgebiet ein. Das Hospital ist eine kostenlose Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten, die sonst überhaupt keine Chancen auf eine medizinische Behandlung hätten:
"Es ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, weil Thailand und Birma so eine lange Grenze teilen. In Thailand leben viele ethnische Gruppierungen, die keine Ausweispapiere haben. Und dann ist da noch die Stadtbevölkerung aus Birma, die über die Grenzen nach Thailand kommt. Es gibt kein richtiges System, das diese Menschen registriert. Und das macht sie sehr anfällig für Schikanen und für Menschenrechtsverletzungen."
Der Zulauf der Patienten wächst stetig. Im vergangenen Jahr hat die Klinik etwa 100.000 Menschen behandelt. Kriegsverletzungen und Krankheiten wie Malaria, Durchfall oder HIV/Aids sind die größten Probleme. Im benachbarten Birma haben die meisten keinen Zugang zu medizinischer Hilfe: Das Gesundheits- und Erziehungssystem für die einfache Bevölkerung liegt nahezu brach, weil die Militärs lieber in Waffen und Luxusgüter investieren.
Die Hoffnung auf ein freies, demokratisches Birma spürt man auch hier auf dem Klinikgelände. An einer Wand prangt ein großes Poster: Es zeigt Dr. Cynthia Maung und Birmas Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Die Unterschrift lautet: "Unity in Diversity - Einheit in der Vielfalt."
Die gespannte politische Lage und die wirtschaftliche Not in Birma haben direkten Einfluss auf die Arbeit in der Mae Tao Klink. Weil dort alle Patienten kostenlos behandelt und mit Essen versorgt werden, pilgern auch Burmesen, die keine Flüchtlinge oder Migranten sind, über die Grenze nach Mae Sot.
Zum Beispiel ein 70-jähriger Burmese, der seinen Namen nicht nennen möchte - aus Angst vor Repressalien. Er kam hierher, um seine Augen operieren zu lassen. In seiner Heimat hätte er dafür rund 300.000 Kyat - umgerechnet etwa 230 US-Dollar - bezahlen müssen. Das aber kann er sich auf keinen Fall leisten. Politisch möchte er sich nicht gern äußern, berichtet aber, wie er sich in seiner von Militärs regierten Heimat fühlt:
"Manchmal möchte ich nicht mehr in Birma bleiben. Wir haben kein Einkommen und daher kein Geld, um Essen und Kleidung zu kaufen. Das Geld, das ein Mann an einem Tag verdient, reicht nicht aus, um ihn zu ernähren."
Unterdessen versuchen die Vereinten Nationen angesichts der immer verzweifelteren Lage in dem verarmten Land zwischen Militärjunta und Opposition zu vermitteln. Der UN-Sondergesandte Ibrahim Gambari hat Birma seit der blutigen Niederschlagung der Proteste zwei Mal besucht und dabei auch mehrfach Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi getroffen.
Doch während seiner letzten Visite hatte ihm Juntachef Than Shwe, der in allen Angelegenheiten Birmas das letzte Wort hat, die kalte Schulter gezeigt. Nennenswerte Fortschritte im Hinblick auf eine nationale Aussöhnung gibt es nicht. Die Militärs, sagen Kritiker, hätten kein Interesse daran, die Macht zu teilen oder gar abzugeben.
Dass auch der UN-Menschenrechtsexperte Paulo Sergio Pinheiro nach vier Jahren Besuchsverbot endlich wieder einreisen durfte, geschieht nach Meinung von Beobachtern nur, um die Kritiker innerhalb der internationalen Gemeinschaft zu besänftigen. Die Junta treibe ein Spiel mit der UNO, meint Aung So von der Exilvereinigung "Nationale Koalitionsregierung der Union Birmas" in Mae Sot:
"Nach der so genannten Safran-Revolution der Mönche hat die Regierung erkennen müssen, dass es irgendeine Form des Dialogs geben muss. Aber ehrlich gesagt, wird sie versuchen, den Demokratisierungsprozess hinauszuzögern. Sie wird versuchen, Herrn Gambari und Herrn Pinheiro zu täuschen, gleichzeitig aber muss sie Konzessionen machen. Das ist unvermeidlich."
Der UN-Diplomat Paulo Pinheiro hat während seines Besuchs Mitte November mehrere inhaftierte Regimegegner getroffen. Er fordert internationale Kontrollen in den Gefängnissen Birmas sowie einen Zugang des Roten Kreuzes zu den Häftlingen. Von der internationalen Gemeinschaft wünscht sich Pinheiro, dass sie den Druck auf die Militärregierung aufrecht erhält und sich besser koordiniert:
"Die internationale Gemeinschaft sollte diese jungen Menschen, die Frauen, Studenten und Mönche, die das enorme Risiko auf sich genommen haben, auf die Straße zu gehen, um für Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu kämpfen, entsprechend würdigen. Das ist der Moment für die Weltgemeinschaft, mehr Aufgeschlossenheit gegenüber den Forderungen der Demonstranten zu zeigen. Wenn wir Fortschritte in Birma sehen wollen, dann brauchen wir keine Kakophonie verschiedener Strategien von Mitgliedsstaaten. Was wir brauchen, ist Koordination."
Doch viele Burmesen glauben nicht daran, dass die Vereinten Nationen es schaffen könnten, die Junta und die Opposition unter Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi an den Verhandlungstisch zu bringen.
Aung San Suu Kyi hat mehr als elf der vergangenen achtzehn Jahre unter Hausarrest verbracht. Das letzte Mal war sie Ende Mai 2003 verhaftet worden, als sie sich auf einer Reise durch den Norden des Landes befand. Damals waren die Menschen zu mehreren hunderttausend herbei geströmt, um sie zu sehen.
Als den Militärs klar wurde, wie populär die Tochter des Unabhängigkeitshelden Aung San immer noch war, provozierten sie einen blutigen Zwischenfall: Der Konvoi mit Anhängern von Suu Kyis Partei, der "Nationalen Liga für Demokratie" wurde von junta-nahen Schlägertruppen angegriffen. Suu Kyi selbst wurde festgenommen.
Ein Grund für die erneute Verhaftung: Die Oppositionsführerin wird offensichtlich auch von zahlreichen ethnischen Minderheiten des Vielvölkerstaates akzeptiert. Davon ist Aung So von der Exilvereinigung "Nationale Koalitionsregierung der Union Birmas" in Mae Sot überzeugt. Das hätten die letzten freien Wahlen von 1990 gezeigt, die Suu Kyis Partei haushoch gewonnen hatte. Den Urnengang hatten die Militärs in völliger Fehleinschätzung der Lage abhalten lassen, das Ergebnis aber nie anerkannt:
"Aung San Suu Kyis "Nationale Liga für Demokratie" hat fast die Hälfte aller Stimmen im Parlament in den Gebieten der ethnischen Minderheiten bekommen. Der Hauptgrund liegt darin, dass sie anders ist als die militärischen Führer oder die früheren Könige. Sie hat wirklich für die Menschen und ihr Leid Verständnis gezeigt und war bereit, ihnen ihre ethnischen Rechte zuzugestehen."
Dass die Militärs es mit ihren öffentlichen Gesten und der vermeintlichen Annäherung an die Nobelpreisträgerin Suu Kyi nicht ehrlich meinen, wird allgemein vermutet. Sie würden alles tun, um die internationale Kritik zu besänftigen, hielten aber in Wirklichkeit an ihrer Macht fest. Gerade erst hat der als "Hardliner" berüchtigte Juntachef Than Shwe seine Macht gefestigt, indem er Posten innerhalb der Armee-Führungsspitze neu besetzt hat. Auch ist es ein offenes Geheimnis, dass Than Shwe die Oppositionsführerin Suu Kyi abgrundtief hasst.
Von den Militärs sei keine Veränderung zum Guten zu erwarten, betonen auch die Mönche, die das Blutvergießen miterleben mussten. Nur das Volk könne die katastrophalen Verhältnisse in dem verarmten Land beenden, so ein Robenträger:
"Wenn irgendjemand ihr Spiel glaubt, dann wird das alles dauern, bis wir sterben. Das gesamte Land muss aufstehen und gegen die ungerechte Führung kämpfen. Wir selbst wurden geschlagen, einige unserer Äbte wurden zu Tode geprügelt oder erschossen. Menschen wurden auf den Straßen ermordet, und wir leiden sehr darunter. Ich kann nicht ausdrücken, wie sehr. Ich kann nur darüber nachdenken, wie wir genügend Unterstützung bekommen können. Wir, das Volk, haben es in den Händen. Es muss selbst dafür sorgen, dass es seine Rechte wieder bekommt."
Sie alle haben die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages in ein demokratisches Birma zurückkehren zu können. Wie aber wird es jetzt in dem verarmten Land weitergehen? Cynthia Maung sagte dazu:
"Das Volk und auch die hiesigen Gemeindeorganisationen sind sehr stark. Aber das Militär hat Waffen und wird innerhalb der internationalen Gemeinschaft unterstützt. Es gibt Länder, die das Militär mit Waffen versorgen. Und das ist das Problem. Die Menschen lernen weiterhin, sich auf gewaltlose Weise zu wehren, aber solange man die Militärs nicht ändern oder entwaffnen kann, ist das sehr hart."
Der Journalist und Herausgeber der Dissidentenzeitschrift "Irrawaddy", Aung Zaw, rechnet mit weiteren Protesten - und neuer Gewalt:
"Im Lande herrschen Verzweiflung und Unterdrückung. Es gibt so viel Wut und Hass auf die Militärjunta. Ich habe Informationen darüber erhalten, dass es wahrscheinlich in den kommenden drei bis sechs Monaten neue Proteste und neue Unterdrückung geben wird - und wahrscheinlich auch neues Blutvergießen. Auch sind die Menschen enttäuscht, dass der kürzlich erfolgte Besuch des UN-Sondergesandten Ibrahim Gambari ein Fehlschlag war, obwohl man Gambari das nicht anlasten kann. Denn die Militärs wollen keine Kompromisse eingehen, in ihrem Vokabular kommt dieses Wort nicht vor. Das wird neue Proteste provozieren. Die Menschen werden wieder auf die Straße gehen, wann immer sie eine Möglichkeit dazu sehen."
Auch ein Teil der Mönchsgemeinschaft hat bereits beschlossen, den Kampf für Demokratie fortzusetzen - mit friedlichen Mitteln:
"Wir denken dabei an eine Art Guerilla-Bewegung, aber gleichzeitig auch an offenen Protest. Wir wollen keine Volksmilizen oder andere militante Gruppierungen in unserem Land. Deshalb wollen wir uns gemeinsam mit der Bevölkerung und den Studenten organisieren, um dies zu einem Ende zu führen. Es wäre besser, wenn es überhaupt keine militärischen Führer in Birma gäbe."
Weitere 20 Jahre wollen Birmas Mönche jedoch nicht warten mit ihrem Kampf für Freiheit.