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StartseiteBüchermarktZwischen Zorn und Versöhnung06.12.2012

Zwischen Zorn und Versöhnung

Ein Porträt von Peter Handke zum 70.

"Immer noch Sturm" heißt Peter Handkes jüngstes Theaterstück, "Versuch über den Stillen Ort" dagegen lautet der Titel seiner neuesten Prosaarbeit. Was kann das anderes besagen, als dass in seinem Werk auch im siebzigsten Lebensjahr nach wie vor die Gegensätze und der Widerstreit lebendig sind.

Von Eberhard Falcke

Der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)
Der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)

Denn es ist ein Irrtum, zu glauben, dass es bei Handke durchweg so beschaulich zugehe wie in manchen der Naturbetrachtungen, für die er berühmt ist. Nein, sein Schreiben ist immer eine kritische Auseinandersetzung, sei es, wie in "Immer noch Sturm", mit der Geschichte der Kärntner Slowenen, von denen er mütterlicherseits abstammt oder, wie im "Versuch über den Stillen Ort" mit dem eigenen Leben und Schreiben. Die dramatischen Konflikte gehören zum Abenteuer seines Schreibens unbedingt dazu.

Peter Handke: "Wenn diese Glut nicht wäre, könnte ich mir meine eigene Asche aufs Haupt streuen. Es ist dramatisch. Bei mir muss das Schreiben, auch das Epische muss dramatisch sein. Es muss ein dramatischer Vorwurf da sein, den ich natürlich verwische dann, dem ich auch ausweiche dann, damit ich die Leut nicht dauernd in die Intensität stoße. "

Peter Handkes Zornes-Kapazitäten sind bekannt, sie haben schon manche Kontroverse ausgelöst und auch manches Gegenüber verschreckt. Seine Versöhnungsideen hingegen werden oft als ein etwas wunderliches Besänftigungsprogramm belächelt. Tatsächlich aber herrscht bei diesem Schriftsteller zwischen Zorn und Versöhnung ein beständiger Widerstreit. Und dieser wahrhaft dramatische Konflikt gehört neben der wandernden Weltbetrachtung zu seinen ganz zentralen Handlungsmustern.

Peter Handke: "Das scheint doch meine Natur zu sein. Sie müssen ja auch unterscheiden, 'Untertagblues' ist ja wirklich auch ein Spiel mit dem Zorn und der 'Große Fall' das ist eher eine große Trauer, ein Schmerz, ein Mitsein, wenn der da Metro fährt, der Schauspieler, hat er da wilde Versöhnungsaugen, obwohl das auch wieder ... wild und Versöhnung könnte man als Widerspruch verstehen, aber ich versteh's nicht als Widerspruch. Es gibt ein wildes Begehren nach Versöhnung."

Es waren ärmliche Verhältnisse, in die Peter Handke am 6. Dezember 1942 hineingeboren wurde. Der leibliche Vater war bereits mit einer anderen Frau verheiratet, der Stiefvater, ein Berliner Staßenbahnschaffner konnte in dem Kärtner Dorf Griffen, dem Heimatort der Mutter, nicht recht Fuß fassen. Er sei ein "Kleinhäuslersohn" so beschrieb Handke diese Verhältnisse später. Jedenfalls musste er sich bei der Enge seiner Herkunft von vielem befreien. Das aber gelang ihm mit den Talenten und Begabungen, die schon der Schüler zeigte, glänzend. Schon früh suchte er sich Wege ins Offene. Dadurch wurde sein Literaturverständnis geprägt, seine Rebellion gegen die konventionellen Formen der Sprache und des Erzählens, seine Entwicklung einer epischen Erzählweise. Auch Kindlichkeit gehört für ihn zu dieser Offenheit dazu. Fällt diese Haltung auch mit 70 noch leicht?

Peter Handke: "Nein, nein, nein, das ist eine Gnade, die Kindlichkeit, dass die dann wieder kommt für manche Momente, das muss ja nicht nur Lachen sein, das können ja auch Tränen sein, das ist ja eine Ergriffenheit oder' Und auch Ergriffenheit und spielen können. Auch die Freude ist eine Kindlichkeit. Das Glück ist nicht kindlich. Das Glück ist eine Art Episode im Leben. Aber die Freude ist eigentlich das Ewigkindliche in einem. Wenn das kommt, dann ist es. Das Glück hat man in der Jugend, aber später, das ist jetzt so ein blöder Spruch von mir, so ab 40 habe ich kein Glück mehr erlebt sondern höchstens - warum höchstens sage ich' - sondern Freude. Und dann war ich vielleicht dem Kind so nah oder dann bin ich dem Kind so nah, wie ich als Kind vielleicht nie war."

Wenn das Schreiben ins Offene zielt, dann ist es auch ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Und Peter Handke legt Wert darauf, nicht, wie üblich, Geschichten, Handlungen oder Plots nachzuerzählen, sondern vorzuerzählen, einen Handlungsweg aus dem Erzählen zu entwickeln. Geht es bei diesem Schreibabenteuer auch um Scheitern oder Gelingen?

Peter Handke: "Diese Gegensätze von Scheitern und Gelingen. Ich kann nichts damit anfangen. Es ist eine irgendwie mechanistische Frage, weil das dazugehört zum Schreiber, dass er ans Scheitern denken muss. Und dann denke ich: Bin ich gescheitert? Aber andererseits könnte ich auch nicht sagen, es ist mir was gelungen. Es ist auch nicht Gelingen, ich weiß nicht, was es ist. Ein einziges Mal war das ganz klar, dass ich ein Gefühl von Gelingen hatte, aber das kam eben vielleicht auch daher, dass es am Rand des Absturzes und auch der Unfähigkeit ... die Geschichte immer dahin verlief und das war, als ich noch ziemlich jung war, und als ich ans Ende vom 'Kurzen Brief zum langen Abschied' kam, als ich die Geschichte von mir, unter Anführungszeichen, und John Ford erzählte. Und das ging in die Weite hinaus, da habe ich einen Moment gedacht, das ist gelungen und dann ging ich auf den Friedhof, das war in Köln damals, ich habe gedacht, jetzt falle ich tot um, weil mir was gelungen ist, zugleich war das wie ein Schreck, verstehen Sie?"

Georges-Arthur Goldschmidt, seinerseits Schriftsteller, hat 27 Bücher von Peter Handke ins Französische übersetzt. Er sagt, im Deutschen könne man alles machen, sich alles erlauben und gerade darum schätze er an Handkes Sprache besonders deren Einfachheit. Und was betrachtet der österreichische Schriftsteller selbst als das Besondere an der deutschen Sprache?

Peter Handke: "Die deutsche Sprache ist gefährlich, die ist so verästelt, dass man Gefahr läuft durch die Verästelungen, durch die Feinheiten, die Feingliedrigkeit der deutschen Sprache sich so drin zu verfangen, dass man mystische Probleme bekommt. Also, dass man nicht mehr zur Form gelangt. Aber es ist doch was Herrliches dran, aber es ist andererseits gefährlich, das ist wie ein Labyrinth, in dem man sich verlieren kann. Ist dieses Wort wirklich das, was ich gefühlt habe, was ich gesehen habe, was ich gehört hab, was ich von dem Gegenstand aufgenommen habe' Das glaube habe ich nicht so ganz schlecht gemacht, also dass ich durch dieses Paradies und zugleich Labyrinth und zugleich Hölle, was die deutsche Sprache sein kann, ab und zu mich so durchgetapert, durchgetastet habe."

Wenn Handke von den Kärntner Slowenen und der langen Geschichte ihrer Unterdrückung erzählt, wenn er für die Serben eintritt: Hat das mit dem Gedanken zu tun, dass der Dichter anderen als Fürsprecher seine Stimme leiht?

Peter Handke: "Ob ich einem Volk eine Stimme gebe, ich weiß nicht, ich weiß nicht. Nicht einmal in meinem Dorf, in meinem Dorf könnte ich niemandem, nicht einmal dem Hahn, wenn's noch einen gibt, es gibt ja keinen Hahn mehr, der Hahn gibt eher mir was zu hören, als ich ihm. Es ist vorbei fürs erste ... die Dichter, wir Dichter, warum nicht einmal sagen: Dichter, sagen wir, haben die Autorität verloren und wir können nicht selbsternannte Volkshelden werden. Nein, wir sind selber so verloren, so verloren wie die meisten aber auch triumphal verloren, also entschieden verloren und lichtvoll verloren."

Dieses Licht scheint besonders draußen über den Wegen, die der Schriftsteller, der sich lieber Schreiber nennt, weiter beschreitet, mal tatsächlich mit leichtem Rucksack, mal in der literarischen Erfindung. Und oft sind das ja bekanntlich Wege über die Dörfer, entlang der Stadtränder, durch die Niemandsbuchten, wo die Bedeutsamkeiten dünn gesät sind und die Offenheit groß ist, und wo er weiterhin den Möglichkeiten des Erzählens nachspüren möchte.

Peter Handke: "Zur Stadt hinaus, das ist gewaltig, was man für Hindernisse auch hat. Im großen Fall geht der Schauspieler ja vom Stadtrand in die Stadt hinein, den ganzen Tag lang. Die Sphären, die verschiedenen, die man da ... und auch die Autobahnen, die verlassenen Zuggleise, die Ruinen, na und so weiter, es ist unglaublich, es ist für mich schon abenteuerlich. Die heutige Welt ist, glaube ich, durch diese Zerrissenheit, die keine Vielfalt ist. Aber dann durch Gehen wird sie dann vielfältig. Die können Sie nicht erleben durch Autofahren oder auch nicht einmal durchs Radfahren. Das Vielfältige ist durchs Gehen schon deutlich zu machen."

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