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StartseiteKommentare und Themen der WocheGezielte Provokation26.11.2018

Zwischenfall im Schwarzen Meer Gezielte Provokation

Zwischen der Ukraine und Russland drohen jetzt auch massive Spannungen im Schwarzen Meer. Dies sei letztlich keine Überraschung, kommentiert Florian Kellermann. Denn Russland setze weiterhin mit allen Mitteln auf eine Destabilisierung der Ukraine, um das Land von seinem prowestlichen Kurs abzubringen.

Von Florian Kellermann

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Ukrainische Marineboote fahren an der Halbinsel Krim in der Nähe der Meerenge zum Asowschen Meer in Gewässern, die von Russland beansprucht werden.  (Tass/dpa)
Die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine nehmen zu (Tass/dpa)
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Über Monate hat sich angedeutet, dass sich die Lage im Schwarzen und Asowschen Meer zuspitzt. Denn Russland nutzt die Annexion der Krim vor knapp vier Jahren immer schamloser aus - wirtschaftlich, politisch und militärisch.  

Unter anderem durch seine Kontrolle über die Zufahrt aus dem Schwarzen ins Asowsche Meer. Moskau schikaniert ukrainische Frachtschiffe mit Kontrollen und würgt so die Wirtschaft der ukrainischen Hafenstädte Mariupol und Berdjansk ab. Das Ziel ist dasselbe wie beim Krieg im Donezbecken: Das Nachbarland soll destabilisiert werden. In der Hoffnung, geschwächt werde es von seinem pro-westlichen Kurs abrücken und in die Arme Moskaus zurückkehren.

Die Ukraine hat dem wenig entgegenzusetzen. Mit dem Versuch, drei Militärboote ins Asowsche Meer zu bringen, wollte Kiew wenigstens Präsenz zeigen. Obwohl diese, keine Frage, der russischen Marine dort klar unterlegen wären. Moskau hat selbst diese Mini-Machtdemonstration des Nachbarn verhindert, obwohl es einen gemeinsamen Vertrag über das Asowsche Meer gibt. Er sichert beiden Seiten freien Zugang zu. Die russische Begründung dafür, dass es die ukrainischen Schiffe festgesetzt hat, ist grotesk: Diese hätten russische Hoheitsgewässer durchquert. Nachdem Russland die Krim als sein Staatsgebiet ansieht, haben ukrainische Schiffe - aus russischer Sicht - gar keine andere Wahl mehr, wenn sie ins Asowsche Meer wollen.

Auch Poroschenko in der Kritik

Eine Eskalation war also zu erwarten - allerdings nicht in dieser Form. Dass Russland offenbar das Feuer auf die ukrainischen Boote eröffnet hat, ist eine Aggression, die nicht ohne entschiedene Antwort der internationalen Gemeinschaft bleiben darf. Der Ukraine muss der Rücken gestärkt werden. Sie leidet ohnehin tagtäglich unter dem von Russland am Leben gehaltenen Konflikt in der Ostukraine. Die Minimalforderung muss sein, dass Russland die ukrainische Marinesoldaten wieder freigibt, die es gefangengenommen hat - und natürlich, dass es die Schiffe zurückgibt.

Allerdings gibt auch das Verhalten des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko Anlass zu Kritik. Er will die Verhängung des Kriegszustandes durchsetzen - ausgerechnet jetzt, vier Monate vor der Präsidentenwahl. Noch weitaus dramatischere Wendungen im Konflikt mit Russland in den vergangenen Jahren waren ihm dafür nicht wichtig genug. Noch ist unklar, ob die Wahl so überhaupt stattfinden kann. Von einer Verschiebung, oder einem eingeschränkten Wahlkampf, könnte Poroschenko profitieren. Denn laut aktuellen Umfragen gilt er derzeit nicht als Favorit.

So richtet die Eskalation im Schwarzen Meer für die Ukraine doppelten Schaden an: Sie destabilisiert das Land - und schwächt zusätzlich noch die Demokratie.

Portrait von Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Florian Kellermann, Jahrgang 1973, hat sich als freier Autor seit Jahren auf Reportagen und Berichte aus den Ländern Mittel- und Osteuropas konzentriert. Grundlage für die Qualität seiner Berichte sind neben langjähriger journalistischer Erfahrung seine exzellenten Kenntnisse der Region, ihrer Kulturen und ihrer Sprachen sowie ein Studium der Philosophie und Slawistik an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Krakau. Er berichtet für Deutschlandradio seit 2008 mit Sitz in Warschau aus Polen, der Ukraine und – gemeinsam mit dem Moskau-Korrespondenten Thielko Grieß - auch aus den baltischen Staaten und Weißrussland.

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