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StartseiteEuropa heute"Zwischengeparkt"18.08.2010

"Zwischengeparkt"

Die Roma von Saint-Denis

Sie hausen in zusammengezimmerten Hütten, Zelten oder im Freien, ohne Wasser und Strom. Für Staatspräsident Nicolas Sarkozy sind die Roma von Saint-Denis aber keine Menschen am Rande der Gesellschaft - für ihn sind sie ein Sicherheitsrisiko.

Von Anne Christine Heckmann

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will rund 700 Roma des Landes verweisen (AP)
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will rund 700 Roma des Landes verweisen (AP)

Direkt vor dem Regionalbahnhof des Pariser Vororts Saint-Denis befindet sich der "Platz der Menschenrechte". So steht es auf einem kleinen blauen Schild. Nur ein paar hundert Meter von hier entfernt liegt das Übergangscamp für Roma. Sie haben den Glauben an die Menschenrechte verloren. Sie leben im Freien, manche in Zelten, andere in selbst zusammengebauten Holzbuden - ohne Strom, ohne Wasser, ohne Toiletten. Das bisschen was sie hatten, haben sie verloren - am 8. Juli. Am Tag, als die Polizei ihr altes Lager in Saint-Denis geräumt hat. Mica, ein kleiner Mann mit Strickmütze und Dreitagebart,, erinnert sich mit Schrecken:

"Es kamen vielleicht 100 bis 200 Polizisten. Sie haben die Leute verscheucht, Ihnen alles weggenommen und alles kaputtgemacht."

Mica ist Vermittler zwischen den Roma und den französischen Behörden. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Gemeinde den Roma ein neues Gelände zur Verfügung stellt. Vier kleine, brachliegende Grundstücke in der kleinen Gasse "Passage Dupont" hat ihnen die Stadt vorübergehend überlassen. Hier fangen sie wieder bei Null an. Die Männer haben mit alten Brettern kleine Überdachungen für ihre Familien zusammengehämmert. Vazil, der einen alten, blauen Trainingsanzug trägt, hat sogar mit ausgemusterten Türen Seitenwände gebaut. Seine hübsche, dunkelhaarige Frau sitzt auf einem klapprigen weißen Holzstuhl inmitten von Bauschutt, Brettern und Unkraut. Gebaut wird erstmal nicht mehr, jetzt wird gewartet, sagt Vazil. Alle hier warten auf die Liste des Bürgermeisters.


"Der Bürgermeister hat gesagt: Personen mit Kindern bleiben hier. Wenn sie keine Kinder haben, werden sie nicht bleiben. Heute oder morgen kommt die Liste, dann steht fest: bleiben oder weg nach Rumänien."

Zurück nach Rumänien will niemand. Vazil und seine Frau hoffen, nicht abgeschoben zu werden. Auch ihre Nachbarn wollen trotz der schwierigen Lage in Frankreich bleiben. Sie sitzen rund um ein kleines Feuer und wärmen sich die Hände. Der 14-jährige Eddy sitzt etwas abseits auf einem rostigen Campingstuhl. Seine großen dunklen Augen fixieren das Feuer.

"Es ist sehr schwer hier","

sagt er,

""aber wir wollen nicht weg. Ich bin auch hier, um zur Schule zu gehen."

So wie in Saint-Denis geht es vielen Roma in ganz Frankreich. Die illegalen Lager werden aufgelöst, Wohnwagen und Zelte beschlagnahmt. Für Staatspräsident Sarkozy sind die Roma ein Sicherheitsrisiko, deshalb hat er ihnen den Kampf angesagt. Wer sich von ihnen illegal in Frankreich aufhält, soll schnell nach Hause geschickt werden. Insgesamt 700 Roma sollen zurück nach Rumänien oder Bulgarien.
Die Politik des Präsidenten stößt in Frankreich zunehmend auf Kritik. Die Sozialisten sprechen von "barbarischen Methoden". Der Grünen-Politiker Cohn-Bendit wirft Sarkozy - so wörtlich - Ausgrenzungspopulismus auf Kosten von Minderheiten vor. Und auch in der Regierungspartei UMP werden Stimmen laut, die sich gegen die Methode Sarkozy aussprechen. So auch der konservative Abgeordnete Jean-Pierre Grand.

"Was mich persönlich sehr schockiert hat, ist, dass in Saint-Denis morgens um sechs schwer bewaffnete Polizisten Familien ausquartieren, dass Männer und Frauen getrennt werden. Und wenn Frauen protestieren, man ihnen droht, sie von ihren Kindern zu trennen. Das ist doch nicht die französische Republik. Das ist eine Politik der Vertreibung."

Die Roma in Saint-Denis sind beruhigt, vorerst eine Alternativ zu haben und nicht auf der Straße zu sitzen. Die Gemeinde hat sogar Strom- und Wasseranschluss versprochen. Doch Mica, Vazil, Eddy und ihre Familien wissen, dass sie nur ein Jahr hier bleiben können. Dann müssen sie das Feld räumen, denn dort, wo sie jetzt leben, werden Häuser gebaut. Wie's mit ihnen weitergeht wissen sie nicht. Vazil zuckt mit den Schultern - sein Kumpel Darius vermutet das Schlimmste.

"Das Jahr wird schnell vorbei sein. Du hast dann angefangen, dir hier was aufzubauen, dann wirst du wieder vertrieben und am Ende landest du doch immer wieder auf der Straße."

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