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StartseiteForschung aktuellZwischenlager für Rückbauabfälle27.07.2011

Zwischenlager für Rückbauabfälle

Sendereihe: Ende auf Zeit - Zwischenlager für radioaktiven Müll in Deutschland, Teil 3

Wenn Brennstäbe im Kraftwerk abbrennen, um Strom zu produzieren, bleibt die Radioaktivität nicht nur in den Stäben, sondern sie dringt nach außen und verseucht viele Bauteile des Kraftwerks. Beim Abriss fällt deswegen eine Menge radioaktiver Müll an. Und auch der muss zwischengelagert werden, bis er eines Tages in ein Endlager gebracht werden kann. Bisher wurden in Deutschland drei Kernkraftwerke vollständig zurückgebaut, 14 weitere befinden sich im Abriss, so zum Beispiel das Siedewasserkraftwerk Würgassen von E.ON Kraftwerke im Süden von Nordrhein-Westfalen. Die Anlage ging 1971 in Betrieb. Mitte der 1990er-Jahre allerdings entdeckten Ingenieure Haarrisse im Stahlmantel des Reaktors. Eine Reparatur erschien nicht rentabel. Man entschied sich daher zum Abriss, der 1997 begann.

Von Julia Beißwenger

Jeder Pfeiler, jede Türe: Zwei Arbeiter im Schutzanzug bereiten Betonsegmente des  Kernkraftwerks Würgassen für die Dekontaminierung vor.  (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Jeder Pfeiler, jede Türe: Zwei Arbeiter im Schutzanzug bereiten Betonsegmente des Kernkraftwerks Würgassen für die Dekontaminierung vor. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
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Ende auf Zeit

Die Atmosphäre erinnert an die Umkleidekabine einer Badeanstalt. Männer packen ihre Kleidung in Schließfächer und laufen - nur mit Unterhose und Schlappen bekleidet - umher. Manche stehen in kleinen, zu zwei Seiten offenen Kabinen. Darin gibt ein Lautsprecher Anweisungen.

" Bitte Kopfdetektor hochschieben, Füße positionieren. Vier, drei, zwei, eins. - Vielen Dank. Keine Kontamination. "

Also keine radioaktive Verstrahlung. In den Kabinen muss sich jeder überprüfen, der aus dem Innern des Kernkraftwerks Würgassen kommt. Bis zu 600 Beschäftigte arbeiten hier am Rückbau der Anlage. 440.000 Tonnen Baumaterial sind abzureißen, rund zwei Prozent davon strahlen radioaktiv. Verseucht sind neben dem Reaktor und seinen Einbauten, Rohrleitungen und Armaturen sowie viele Wände. Letztere lassen sich durch den Beschuss mit Stahlkügelchen reinigen. Den übrigen radioaktiven Müll zerlegen Arbeiter im Maschinenhaus. Anschließend wird er nach Möglichkeit gepresst, erklärt der Pressesprecher des Werks Peter Klimmek:

"Hier auf dem Feststofflager ist jetzt die Hochdruckpresse zur Verdichtung radioaktiver Abfälle aufgebaut worden. Das heißt, dann wird dieses Material zunächst in Blechtrommeln gesammelt. Und um da keinen Platz zu vergeuden, werden dann diese sogenannten Knautschtrommeln mit der Hochdruckpresse zusammengedrückt und damit auf ein Drittel oder ein Fünftel der Ursprungsgröße reduziert."

Und so verkleinert kommt der Abfall in rund zwei Meter hohe gelbe Stahlcontainer. Darin liegen die Presslinge eingegossen in Beton. Behälter dieses Typs nehmen die Zwischenlager in Ahaus und Gorleben an sowie die Forschungseinrichtungen in Jülich und Karlsruhe. Doch nicht immer geht der Abrissmüll auf Reisen. In Stade und Mühlheim-Kährlich bleibt er zunächst auf dem Kraftwerksgelände, genauso ist es in Würgassen. Hier gibt es zwei Lager. Das größere steht neben dem Reaktorgebäude. Es ist eine rund sieben Meter hohe Halle. In ihr stapeln sich bis zur Decke Container mit schwach radioaktivem Müll. Das Gebäude ist fast voll, das zweite Lager dagegen erst halb gefüllt.

"Das enthielt früher ein Reaktorsicherheitssystem und war eine Absicherung gegen Auswirkungen von Flugzeugabstürzen. Und dieses Gebäude mit etwa zwei Meter dicken Wänden wurde umgebaut als Zwischenlager für mittelradioaktive Abfälle. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Materialien aus dem Reaktordruckgefäß, also nicht um die Brennelemente, sondern um zum Beispiel den Kernmantel, um Pumpen und andere Abfälle, die als Einbauten aus dem Reaktor kommen."

Die Einbauten wurden unter Wasser zerlegt und lagern in gelben Fässern, die in etwa die Größe einer durchschnittlichen Mülltonne haben. Die dünnwandigen Behälter halten die radioaktive Strahlung kaum ab. Die dicken Gebäudewände sollen daher die Abschirmung nach Außen gewährleisten. Im Innern ist die Radioaktivität so hoch, dass selbst Mitarbeiter das Lager nicht betreten, sagt Manfred Winnefeld, Leiter der Anlage in Würgassen.

"Die Fässer müssen aus diesen Bereichen wieder fernbedient heraus rausgeholt werden. Die werden dann, wenn die Endlagerung dann ansteht und sie abgeholt werden zum Transport, vorher in abgeschirmte Behältnisse verpackt und können dann in der Art ins Endlager gebracht werden."

Noch gibt es kein Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall, doch der Schacht Konrad in Salzgitter wird zurzeit vorbereitet. Er kann voraussichtlich ab 2019 die ersten Behälter aufnehmen. Dann allerdings wird es zum Stau kommen, prophezeit Peter Fritz vom Karlsruher Institut für Technologie, wo ebenfalls viel Müll lagert.

"Wir haben 60 Prozent aller schwach- und mittelradioaktiven Abfälle Deutschlands hier in einem Zwischenlager konzentriert. Und nach heutigem Stand wird in Konrad es möglich sein, sieben solcher Gebinde pro Tag anzunehmen. Ein Gebinde ist zum Beispiel ein solcher Container, und wenn man komplett den gesamten Zeitraum sich vorstellt, bis alles, was hier sich befindet, dort eingelagert worden ist, müssen wir mit etwa 30 Jahre rechnen."

Peter Fritz geht davon aus, dass der Müll aus Karlsruhe als Erstes ins Endlager einfahren darf. Anderswo wird man warten müssen, wie etwa in Würgassen. Da allerdings läuft die Genehmigung für das Zwischenlager in rund 30 Jahre ab.

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