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Zwischenruf aus der NachrichtenredaktionVom Umgang mit Zahlen in der Corona-Pandemie

Von Rita Vock
Schwesig und Laschet stehen bei einer Ministerpräsidentenkonferenz nebeneinander (dpa/Wolfgang Kumm)
Ministerpräsidenten Schwesig und Laschet / Archivbild (dpa/Wolfgang Kumm)

Daten und Zahlen sind wichtig, um zu erfassen, wie sich die Pandemie entwickelt. Aber welche Kennzahlen beschreiben die Ausbreitung des Coronavirus am besten? In einer politisch aufgeheizten Debatte über Lockdown und Lockerungen ging da zuletzt einiges durcheinander. Einige Gedanken aus der Nachrichtenredaktion.

In der Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion ringen wir seit Beginn der Pandemie darum, wie wir mit den vielen Zahlen und Statistiken am besten umgehen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen verlässlich orientieren, dabei weder Panik machen noch verharmlosen. Hörer und Nutzerinnen begleiten uns dabei mit vielen engagierten und manchmal auch emotionalen Rückmeldungen. Diesem Dialog stellen wir uns und beziehen die Anregungen in unsere Arbeit ein. Gerade jetzt sprechen uns viele Menschen auf die jüngsten Äußerungen von Armin Laschet an. Doch auch der Umgang mit dem Impfstoff ist für unser Publikum momentan ein drängendes Thema.

"Man kann nicht immer neue Grenzwerte erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet." Diesen bemerkenswerten Satz sagte der CDU-Vorsitzende und nordrhein-westfälische Ministerpräsident unlängst vor Parteigenossen. Welche "neu erfundenen" Grenzwerte er damit genau meint, bleibt in der Rede im Unklaren. Erwähnt hatte Laschet zuvor unter anderem das von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausgegebene Ziel, die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland auf unter 10 zu drücken.

Inhaltlich scheint er sich eher auf die Zielwerte 10 oder "NullCovid" zu beziehen, aber auch die 35 und die 50 erwähnt er. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte, welches die passenden Werte sind, um die Pandemie zu bekämpfen, drückte sich Laschet also zumindest missverständlich aus.

Neu erfundene Grenzwerte?

Für die Inzidenzwerte von 50 und 35 gilt jedenfalls, dass sie nicht "neu" sind, denn sie stehen seit dem 19. November des vergangenen Jahres als wichtige Schwellenwerte im Infektionsschutzgesetz, beschlossen vom Deutschen Bundestag.

Aber lässt sich argumentieren, dass sie "erfunden" sind, oder ist das nur ein Versuch, auf die grassierende Lockdown-Müdigkeit einzugehen? Richtig ist, dass diese Werte keiner wissenschaftlichen Studie entspringen, sondern politisch gesetzt wurden. Bei mehr als 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern sind "breit angelegte Schutzmaßnahmen" zu ergreifen, heißt es im Infektionsschutzgesetz, und bei mehr als 50 sollen es "umfassende Schutzmaßnahmen" sein. Was dies genau bedeutet, steht nicht im Gesetz. Es enthält aber einen Katalog möglicher Maßnahmen, vom Alkohol- bis zum Versammlungsverbot. Im November, als das Gesetz entstand, waren Inzidenzen von 35 und 50 als Warnstufen gedacht, inzwischen werden sie politisch eher als Ziele interpretiert, ab denen man wieder lockern kann. Das Gesetz lässt dies jedoch offen und betont, auch unterhalb der Schwellenwerte könnten die Schutzmaßnahmen aufrechterhalten bleiben, solange dies erforderlich sei.

Modellierer und Politik – Zwei Perspektiven

Für absolut erforderlich hält das etwa der Physiker und Covid-Modellierer Michael Meyer-Hermann. Angesichts der ansteckenderen neuen Varianten des Coronavirus, die sich auch in Deutschland bereits ausbreiten, plädiert er dafür, auch unterhalb der Inzidenz von 35 nicht zu früh zu lockern. Aktuell seien wir mit mindestens zwei Pandemien konfrontiert, sagte er in einem Interview. Denn die Mutationen breiteten sich selbst unter den Lockdown-Bedingungen gegenwärtig exponentiell aus. 

Dagegen steht die von Armin Laschet geäußerte Haltung: "Wir können unser ganzes Leben nicht nur an Inzidenzwerten abmessen", auch das sagte er in seinem inzwischen viel zitierten Statement zur (eigenen) Corona-Politik. Der Impuls scheint verständlich, viele Menschen leiden darunter, wie stark die Corona-Pandemie und ihre Bekämpfung Freiheiten einschränkt. FDP-Chef Christian Lindner, der schon länger umfangreiche Lockerungen fordert, fühlte sich vom CDU-Vorsitzenden endlich verstanden und signalisierte volle Unterstützung.  

Doch die Kritik folgte ebenso schnell. Denn was bedeutet es letztlich, sich weniger an den Inzidenzen zu orientieren? Die Inzidenz beschreibt, wie viele Menschen sich in der Bevölkerung anstecken. Man soll also weniger stark darauf achten, wie schnell sich das Coronavirus ausbreitet? Mit welcher Konsequenz? Die Aussage erinnert in diesem Punkt an Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der zu Jahresbeginn erklärt hatte, man könne nicht "um jeden Preis jedes Leben schützen" – und auch damit viel Widerspruch hervorgerufen hatte. Laschet und auch Schäuble vertreten mit diesen Äußerungen die Position, dass der Gesundheits- und Infektionsschutz nicht das einzige Ziel sein kann, sondern dass man abwägen müsse: gegen die Schäden in Wirtschaft und Gesellschaft und auch in der Psyche vieler Menschen. Kritiker dieser Haltung wenden dagegen ein, es handele sich um einen Scheinwiderspruch: Wirtschaft und Gesellschaft würden schließlich nicht weniger leiden, wenn die Pandemie außer Kontrolle gerate und deutlich mehr Menschen krank würden – wir hätten nur zusätzlich zu allen anderen Schäden noch deutlich mehr Todesfälle.

Ist Deutschland "Letzter" beim Impfen?

Zum Frust trägt bei, dass das Impfen länger dauert, als es sich viele erhofft haben. Die Ungeduld ist verständlich, allerdings war schon zu Beginn der Impfkampagne klar, dass sie mindestens ein Jahr, nach unterschiedlichen Modellrechnungen aber auch noch deutlich länger dauern würde. International stehen derzeit Israel, Großbritannien und die USA deutlich besser da. In den meisten EU-Ländern läuft es dagegen ganz ähnlich wie in Deutschland: Viele sehr alte Menschen in Pflegeheimen und Teile des medizinischen und pflegerischen Personals sind inzwischen geimpft (sowie einige Bürgermeister und ein Bischof). Andere ältere Menschen bekommen nach und nach ihre Termine. Bis zum Ende des Sommers, so versprechen es die Bundesregierung und die EU-Kommission gleichermaßen, sollen dann auch alle anderen Erwachsenen die Möglichkeit erhalten, sich impfen zu lassen. Wenn sich diese Versprechen halten lassen, wäre es angesichts der früheren Prognosen dann doch recht schnell gegangen.

Für Polemik sorgte zuletzt ein Ländervergleich, der im Internet viel geteilt wurde und den auch Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, verbreitete.

Auf dem Schaubild ist zu sehen, wie viele Impfdosen je 100 Einwohner ausgewählte Länder bislang eingesetzt haben. Deutschland steht in einer Liste von 35 Ländern ganz unten. Dies erklärt sich allerdings aus der Auswahl der Daten: Die Tabelle ist unterhalb von Deutschland abgeschnitten, dargestellt sind also nur die Länder, die besser abschneiden. Quelle ist die Statistik-Seite "Our World in Data", auf der Nutzer und Nutzerinnen Schaubilder und Tabellen mit selbst gewählten Parametern erstellen können. Die vollständige Liste zeigt, dass Deutschland mit derzeit rund 5 verimpften Dosen je 100 Einwohner ziemlich genau im EU-Durchschnitt liegt. Nachbarländer wie Frankreich, Österreich und die Niederlande sind etwas weniger weit, Dänemark und Spanien dagegen etwas weiter fortgeschritten. Auch außerhalb der EU gibt es Länder wie Kanada oder auch China, die noch deutlich geringere Bevölkerungsteile geimpft haben als Deutschland.

Ministerpräsidentin Schwesig kommentierte den Ausschnitt, in dem Deutschland besonders schlecht wegkommt, mit den Worten "Stell dir vor, du versuchst dein Land fast ein Jahr gut durch die #CoronaPandemie zu steuern, mutest allen sehr viel zu, wirbst für Zuversicht und dir fehlt der wichtigste Schutz & die wichtigste Motivation: #Impfstoff Achja, Kritik dazu ist unerwünscht." Der Chefredakteur der "Welt am Sonntag" Johannes Boie, hatte zur selben Grafik geschrieben: "Wann tritt eigentlich jemand zurück?" Beide skandalisieren damit den Fakt, dass Deutschland im EU-Mittelfeld liegt und Länder wie Israel, Großbritannien und die USA weiter sind.

Mit dem Nachsatz, Kritik sei unerwünscht, suggeriert Schwesig zudem, es werde über diese Entwicklung keine offene Debatte geführt. Wer diese Kritik nicht wünsche, schreibt sie nicht. Was bleibt ist der raunende Vorwurf, etwas dürfe nicht gesagt werden. Die Knappheit der Impfstoffe in Europa und die Frage, ob man dafür jemanden politisch verantwortlich machen kann, bestimmte nun allerdings in jüngster Zeit ganz wesentlich die Corona-Debatten, und diese fanden auf offener Bühne statt.

Ob es nun um Inzidenzwerte oder um Impfquoten geht: Ein redlicher Umgang mit Zahlen scheint in beiden Fällen wesentlich für eine sachliche Auseinandersetzung.

Mehr zum Thema: 

Welche Zahlen aussagekräftig sind, und wie man sie politisch einordnen kann, war auch Thema im Deutschlandfunk-Podcast "Nach Redaktionsschluss" in der Folge "Die Pandemie der Zahlen".

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