Mittwoch, 23.06.2021
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteCorsoZwitter aus Mensch und Maschine12.11.2013

Zwitter aus Mensch und Maschine

Cyborgs lassen sich technische Geräte in den Körper pflanzen

Neil Harbisson bezeichnet sich selbst als "Cyborg" - als Zwitterwesen aus Mensch und Maschine. Durch die Technik gleicht er körperliche Behinderungen aus. Auf Netzkongressen in ganz Deutschland erklärt er, wie er lebt und denkt. Er ist nicht der Einzige.

Von Christian Schiffer

Der US-Amerikaner Tim Cannon hält einen Kopfhörermagneten am Finger. Er wird von einem implantierten Gegenstück angezogen. (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Der US-Amerikaner Tim Cannon hält einen Kopfhörermagneten am Finger. Er wird von einem implantierten Gegenstück angezogen. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

"Wenn Menschen Technologie nutzen und diese zu einem Teil ihres Körpers machen, dann werden sie diskriminiert - an vielen Orten. Ich spreche nicht nur von Flughäfen oder Plätzen mit großen Sicherheitsvorkehrungen. Ich spreche von ganz normalen Orten wie Supermärkten, Kinos, Kirchen oder Geschäften. Da darf man oft gar nicht rein oder muss erst einmal lange alles erklären. Oder man wird rausgeschmissen, (...) weil man etwas Unbekanntes am Kopf trägt. Ich will Leute unterstützen, die auf diese Art und Weise diskriminiert werden."

Neil Harbisson sitzt in seinem kleinen Atelier im Zentrum von Barcelona und spricht über Diskriminierung. Genauer: über die Diskriminierung von Cyborgs. Dabei baumelt eine Kamera vor seinem Pilzkopf, eine Kamera, die mit seinem Hinterkopf verschraubt ist. Neil Harbisson ist Chef der Cyborg Foundation und selbst ein Cyborg, zumindest sieht er das so. Cyborgs, das sind Mischwesen aus Mensch und Maschine, man kennt sie vor allem aus der Popkultur. Die Zeichentrickfigur "Inspektor Gadget" ist ein Cyborg, die Science-Fiction-Figur "RoboCop" natürlich und auch der Serienheld "Der-Sechs-Millionen-Dollar-Mann". Die Kamera hat sich Neil Harbisson vor zehn Jahren anschrauben lassen; allerdings war es gar nicht so einfach, ein Krankenhaus zu finden, das bereit war, ihn zu operieren.

"Ich habe immer und immer wieder angerufen. Und wenn ich dann gesagt habe, was ich eigentlich will, wurde einfach aufgelegt. Die meisten dachten, das wäre ein Scherz; oder sie fanden das einfach völlig undenkbar."

Dabei ist das Anliegen von Neil Harbisson aus seiner Sicht gar nicht so abwegig. Von Geburt an kann er die Welt nur in schwarz-weiß-grauen Tönen wahrnehmen. Der Eyeborg, so nennt er die Kamera, setzt Farben in Töne um. Gelb klingt dann für Neil Harbisson seither wie die Note G auf der Tonleiter, die Farbe Rot wie ein F.

Ohne die Kamera auf seinem Kopf wäre das nicht möglich. Er sagt: Sie gehört zu mir, ist integraler Bestandteil meines Körpers. Exakt das versucht er, den britischen Behörden zu erklären. Damals - vor fast zehn Jahren - möchte er mit seinem Eyeborg auf seinem Passfoto abgebildet werden. Doch ihm wird gesagt: Technische Geräte sind auf Passfotos nicht erlaubt. Neil Harbisson bleibt hartnäckig, Ärzte und Universitäten unterstützen ihn. Die Regierung gibt nach, die Kamera wird als Teil seines Köpers akzeptiert, Harbisson gilt fortan als erster offiziell von einer Regierung anerkannter Cyborg. In Zukunft möchte er noch mehr mit der Technik verschmelzen.

"Bislang ist das nur ein Explantat. Die Operation wurde bereits genehmigt, aber damit ich es mir implantieren lassen kann, müssen wir noch weiter an der Antenne arbeiten. Ich möchte mir einen Audioeingang in den Schädelknochen legen lassen und auch die Antenne soll direkt aus dem Kopf kommen."

Anders als die Cyborgs aus der Popkultur fängt Neil Harbisson keine Verbrecher. Übermenschlich stark macht ihn seine Kamera auch nicht. Neil Harbisson ist Künstler, er malt Bilder nach Tönen, setzt zum Beispiel Musikstücke in Farben um. Das kann er nur mithilfe seiner Krücke, seines Eyeborgs. Ist Neil Harbisson also ein echter Cyborg? Dass die Technik Teil des Körpers ist, das reicht noch nicht aus, um als Cyborg durchzugehen, denn dann wäre auch jeder Mensch mit einem künstlichen Hüftgelenk ein Cyborg. Die Technik müsse den einzelnen Körper verbessern, finden zumindest Neil Harbisson und viele seiner Mitcyborgs. Einer von ihnen ist Stephan Urbach. Er hat sich einen Magneten in den Finger implantieren lassen, ein sechster Sinn, mit dem er elektromagnetische Wellen spüren kann. Er glaubt: Wir haben es viel öfter mit Cyborgs zu tun, als wir denken.

"Ich glaube, wir haben schon mehr Cyborgs unter uns, als wir glauben. In dem Augenblick, in dem Prothesen Nervenimpluse aufnehmen können und dann verarbeiten zu einer Handbewegung zum Beispiel, sobald die im Spiel sind, ist es oft so, dass nicht mehr die Originalfunkton hergestellt wird, sondern es besser funktioniert als früher."

Mit dem menschlichen Körper verbundene Technik kann den Körper also heute schon verbessern. Je nach Definition könnten sich viele Menschen also vielleicht jetzt schon als Cyborgs fühlen. Und trotzdem: Neil Harbisson muss damit leben, schief angeschaut zu werden, auch damit, dass ihn Betrunkene an der Kamera ziehen oder ihn Kinobetreiber rauswerfen, weil sie denken, er zeichne den Film auf und stelle ihn danach in die nächstbeste Online-Tauschbörse. Neil Harbisson wird noch länger gegen Diskriminierung kämpfen müssen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk