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StartseiteEuropa heuteEin Jahr nach dem Fast-Bankrott10.04.2014

ZypernEin Jahr nach dem Fast-Bankrott

Vor genau einem Jahr drohte Zypern der Staatsbankrott. Zur Rettung wurden private Guthaben über 100.000 Euro eingefroren, vermutlich werden sie nie wieder freigegeben. Trotz hoher Arbeitslosigkeit ist jetzt aber wieder vorsichtiger Optimismus zu spüren.

Von Michael Lehmann

Leere Sonneliegen stehen in Limassol auf Zypern in einer Reihe. (dpa / Vladimir Astapkovich)
Sonnenliegen in Limassol, Zypern (dpa / Vladimir Astapkovich)
Weiterführende Information

Irland: Verhaltener Jubel nach Verlassen des Euro-Rettungsschirms (Deutschlandfunk, Hintergrund, 13.12.2013)

Avo Terzian zuckt ein klein wenig zusammen, als er in seinem Schmuckladen in der Altstadt von Nikosia nach seinen Erinnerungen an den Haircut gefragt wird. Das war im März letzten Jahres, als zur Rettung vor der Staatspleite alle griechischen Zyprer eingeteilt wurden - in die mit weniger und die mit mehr als 100.000 Euro. Guthaben über 100.000 Euro auf der Bank wurden mit sofortiger Wirkung eingefroren - und werden vermutlich nie wieder aufgetaut. Wir fragen den Schmuckhändler: Ist das der Grund für seine 70-Prozent-Rabatt-Aktion im Schaufenster

"Oh nein! Vergessen Sie nicht, dass dieser Haircut letztes Jahr alle Menschen mit weniger als 100.000 Euro Guthaben verschont hat. 90 Prozent der Leute haben so gar nicht groß bluten müssen. Aber viele sind immer noch vorsichtig. Aber wir sind ok, oder sagen wir mal, es geht uns nicht schlecht, wirklich nicht schlecht!"

Dieser Optimismus in Teilen der zyprischen Bevölkerung gefällt Männern wie Maris Tsiakkis von der Industrie und Handelskammer des Landes. Er erzählt von tollen Hotels, von top ausgebildeten Leuten, von besten Bedingungen auch für Investoren aus Deutschland. Angespannte Lage im Bankensektor, Spekulationen, dass noch eine Bank tot umfällt - nächstes Thema, sagt der Handelsexperte und holt in seinem Bürohochhaus das größte Licht vom Horizont, das Gas, das weit unter der Südküsten in tiefsten Tiefen schlummert:

"Europa sollte wissen, dass diese Gasvorkommen unter den Gewässern Zyperns für ganz Europa neue Sicherheit bei der Energieversorgung bringen werden. Also wenn das klappen wird mit der Förderung, dann wird Europa als Gemeinschaft enorm profitieren."

Der Krisenstaat Zypern, fotografiert aus dem All (picture alliance / dpa / NASA Modis)Der Krisenstaat Zypern, fotografiert aus dem All (picture alliance / dpa / NASA Modis)

Traum klappt nur mit reichlich Geld

Klappen kann der Traum vom eigenen Erdgas nur, wenn Zypern reichlich Geld für die teure Fördertechnik an Land zieht und die ungeklärte Rechtslage zwischen dem griechischen Süden und dem türkischen Nordteil der Insel geklärt ist.

Lieber konkret Handeln statt von milliardenschweren Gaserträgen träumen, denken sich die meisten Zyprer, die wie der junge Lukas nach dem Studium drei Jahre lang in der Warteschleife zum Arbeitleben taumeln mussten. Außer einem unbezahlten Praktikum hat er beruflich nichts erleben dürfen bisher. Weit über 40 Prozent der Jugend Zyperns ist arbeitslos. Lukas hat die letzten Monate mit Geld vom Vater überlebt.

"Ich habe Computerwissenschaften studiert - aber dann nicht einfach nach einer Stelle als Webdesigner gesucht oder Programmierer. Ich habe auch in anderen Bereichen nach Arbeit gesucht: als Computertechniker und nichts gefunden. Mein Vater hat mir als Fotograf ab und zu kleine Aufträge zugeschanzt, obwohl auch er durch die Krise wenig zu tun hatte. Aber so war das eben, ich bin als zweiter Fotograf mitgegangen. Also er hat mir geholfen und ich habe ihm geholfen."

Kampf gegen Krise dauert an

Nicht nur die jungen Zyprer müssen weiter gegen die Folgen der Krise ankämpfen. Hunderte Boutiquenbesitzer mussten schließen, weil sich der satte Wohlstand aus der Mittelschicht verabschiedet hat. Gebrauchte Porsche Cayenne sind Ladenhüter, weil sich die Spritpreise nur noch wenige wirklich Reiche leisten können und auch im wohlhabenden Touristen-Eldorado Limassol bröckelt an manchem mondänen Badehotel der Putz. Ach, schaut ihr Euch wieder mal die Goldfischchen Europas an, grinst uns ein Reiseführer entgegen, der sich darüber freut,dass deutsche Journalisten auch nach den guten Seiten des Insellebens schauen wollen. Mit Goldfischchen meint er die Zyprer, die immer noch sehr lebendig wirken am hellblauen Beckenrand von Europa.

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