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StartseiteEuropa heuteZitronenbauern im Norden befürchten Heimatverlust13.01.2017

Zyperns WiedervereinigungZitronenbauern im Norden befürchten Heimatverlust

Käme es in Zypern zu einer Einigung zwischen türkischen und griechischen Zyprern(*), würde nicht nur das Wirtschaftsembargo fallen, die gesamte Insel wäre dann Teil der EU. Für die Bauern im türkischen Norden ist das Grund zur Sorge: Denn die alten Eigentümer - griechische Zyprer - wollen das Gebiet nach einer Wiedervereinigung zurückhaben.

Von Manfred Götzke

Orangenbaum auf Zypern, aufgenommen 1995. (dpa / R3507_APA_Publication)
Das Gebiet Morphou, das die türkischen Zyprern in Güzelyurt umgetauft haben, als sie 1974 hierher kamen, gehört zu den fruchtbarsten der Insel. (dpa / R3507_APA_Publication)
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Automatisch greifen Fari Darbas' Hände in den Mandarinenbaum, sie scheinen selbst zu erkennen ob die Früchte reif sind, der Zitronenbauer muss kaum hinsehen. Darbas macht seit Jahren fast nichts anderes.

"Die Clementinen hier, die sind jetzt bald reif. Eine sehr sensible Frucht, lange können wir nicht mehr mit der Ernte warten."

Zitronenbauer Fari Darbas (Deutschlandradio - Manfred Götzke)Zitronenbauer Fari Darbas (Deutschlandradio - Manfred Götzke)

Darbas lässt ein paar der Clementinen in den gewölbten Pullover gleiten, schält sie und reicht sie seinen Besuchern. Die Früchte sind noch fest, aber schon süß. Auf 2,5 Hektar Land baut der 44-jährige braun gebrannte Mann Clementinen, Limonen und die Washington-Orangen an, die auf Zypern so gut gedeihen. Genauso wie es sein Vater und sein Großvater getan haben. Nur nicht hier im Nordosten Zyperns, sondern im heute griechisch-zyprischen Süden der Insel.

 "Wir sind 1974 vor den Griechen hierher geflohen, über die Berge, ich zwar damals zwei Jahre alt. Meine Mutter hat mich den ganzen weiten Weg über die Berge hinweg auf ihrem Arm getragen. Ja und jetzt ist meine Heimat hier."

Es geht nicht nur um Land

Nach einem durch Griechenland unterstützen Putsch besetzten türkische Truppen 1974 den Norden der Insel. Jeder dritte Zyprer musste damals fliehen. Wie fast allen türkisch-zyprischen Familien, die aus dem Süden flohen, wurde Darbas' Familie ein Haus zugewiesen und Land gegeben. Ein Haus, das einem Zyperngriechen gehörte, Land, das zyperngriechische Bauern besaßen. Oder besitzen. Denn die alten Eigentümer wollen das Gebiet nach einer Wiedervereinigung zurückhaben. Schließlich haben hier früher nur griechische Zyprer gelebt.

"Mich macht es traurig, wenn sie jetzt sagen, ich soll hier weggehen. Ich habe mit meinen Fingern hier im Boden gegraben, diese Bäume mit meinen eigenen Händen gepflanzt, vorher war hier doch nichts. Ich habe sehr viel Zeit und auch Geld hier investiert. Hier geht es nicht nur um Land – ich hab hier mein Leben hier rein gesteckt."

Zwar hat seine Familie nur ein Drittel dessen bekommen, was sie damals im Süden der Insel hatte. Dafür ist der Boden hier besser, sagt der Bauer und greift in den roten Lehm.

"Schaut man sich Analysen an, gehört dieser Boden hier zu den Top 3 weltweit. Das ist mit nichts vergleichbar. Wir bräuchten nur etwas mehr Wasser."

Anders als auf weiten Teilen der Insel ist das Land hier keine Wüste aus Geröll und Stein. Das Gebiet Morphou, das die türkischen Zyprer in Güzelyurt umgetauft haben als sie 1974 hierher kamen, gehört zu den fruchtbarsten der Insel. Auch deshalb sind die Besitzverhältnisse in dieser Region eines der zentralen Probleme bei den Verhandlungen zur Wiedervereinung: ohne Lösung für Güzelyurt, keine Lösung des Zypern-Konflikts.

"Wir sind alle Flüchtlinge hier in der Region, meine Familie hatte viel Land im Süden. Und jetzt sagen sie uns, wir sollen wieder gehen? Nein, das ist nicht so einfach."

Darbas stapft mit seinen schweren Arbeitsstiefeln weiter durch den Lehm. Hin zu seinen Bäumen mit den Washington-Orangen. Sie sind sein ganzer Stolz. Er pflückt eine der übergroßen Früchte reicht sie seinen Besuchern.

"2,5 türkische Lira kostet das Kilo auf dem Markt. Doch ich bekomme nur eine halbe Lira dafür, umgerechnet 15 Cent."

Bauern leiden unter dem Wirtschaftsembargo

Wie alle Bauern im Norden der Insel hat Darbas mit dem Wirtschaftsembargo zu kämpfen. Weil die türkische Republik Nordzypern nur von der Türkei anerkannt wird, kann er nur in die Türkei exportieren. Zwei türkische Firmen teilen sich das Geschäft – und drücken die Preise. Das macht dem ganzen Nordteil zu schaffen – Zitrusfrüchte sind schließlich das wichtigste Exportprodukt.

Käme es in Zypern zu einer Einigung, würde nicht nur das Wirtschaftsembargo fallen, die gesamte Insel wäre dann Teil der EU. Auch deswegen stimmte die Mehrheit der türkischen Zyprer 2004, beim letzten Referendum, für die Wiedervereinigung. Obwohl der Plan vorsah, Güzelyürt an die griechischen Zyprer abzutreten. Damals scheiterte es am "Nein" der Zyperngriechen. Jetzt ist die Stimmung im Norden gekippt.

 "Ich will diesen Ort hier nicht verlassen. Ich glaube, wir können das Land hier auch mit den griechischen Zyprer teilen."

"Das wäre das Ende für uns"

Dengiz Usun, der Englischlehrer und Dolmetscher nickt. Auch er will Güzelyurt auf keinen Fall verlassen. Seine Eltern sind ebenfalls aus dem Süden der Insel hierher geflohen. Und auch er lebt in einem ehemals griechisch-zyprischen Haus. Einem Abkommen, das Güzelyurt den griechischen Zyprern zuspräche, würde er in einem Referendum niemals zustimmen. Die Mehrheit in dieser Gegend sieht das laut Umfragen so.

"Es ist doch genug für alle da - wenn einige griechische Zyprer wieder hier leben wollen, dann geht das. Zum Beispiel auf Land, das jetzt dem Staat gehört. Wir könnten hier in einer gemeinsam verwalteten Sonderzone zusammen leben. Es gibt keinen Grund, das nicht zu versuchen. Denn wieder hier wegzugehen: Das wäre das Ende für uns."


(*) In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es im Teaser "... zu einer Eingung zwischen Zyprern und Griechen ...". Diesen Fehler haben wir in der jetzigen Fassung korrigiert. 

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