Freitag, 17.01.2020
 
Seit 22:00 Uhr Nachrichten
StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageMit Rumpelstilzchen am Lagerfeuer20.12.2019

Besuch beim MärchenfestivalMit Rumpelstilzchen am Lagerfeuer

Lesungen, interaktive Theaterwerkstätten und Diskussionen: Bei den 30. Berliner "Märchentagen" - einem mehrwöchiges Festival - stehen Märchen und ihr pädagogisches Potenzial im Mittelpunkt. Aber ist das noch zeitgemäß?

Von Jakob Schmidt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein altes Malbuch mit dem Titel "In's Märchenland!" aufgenommenin einem Antiquariat (picture alliance / David Ebener)
Märchen - eine oft jahrtausendalte Erzähltradition (picture alliance / David Ebener)

"Wir sind der Meinung, dass Märchen der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den Kulturen, Religionen und Generationen sind", sagt Silke Fischer, eine der Organisatorinnen. "Und deswegen müssen sie unbedingt am Leben erhalten und mehr in die Gesellschaft eingeprägt werden, damit die Kinder mit Märchen weiter aufwachsen können. Die Märchen füllen Lücken aus dem magischen Universum, aus dem die Kinder gekommen sind und auf dem Weg sind in unsere Zivilisation." Inzwischen gibt es über 800 Einzelveranstaltungen. Damit sind die Märchentage das größte Event dieser Art. Zweieinhalb Wochen lang wird jährlich in Berlin und Umgebung vorgelesen, diskutiert, Theater gespielt und vieles mehr.

Mikrokosmos-Autor Jakob Schmidt ist allerdings skeptisch und fragt sich, was Kinder heute noch von Märchen lernen können? Sind die Geschichten nicht viel zu brutal für seinen 5-jährigen Sohn Lasse? Um das zu klären und den fantastischen Erzählungen eine zweite Chance zu geben, durchstreifen die beiden in der Mikrokosmos-Reportage das Festival.

Tiefgehender als Kinderliteratur

In der säkularen "Ibn Rushd-Goethe Moschee" empfängt Gründerin Seyran Ateş eine Grundschulklasse. Sie führt die Kinder durch einen für viele fremden Ort, erzählt von ihrem Leben als muslimische Frauenrechtlerin und liest aus dem Märchen "Der Meisterdieb" vor. Die Geschichte bedeute ihr viel erklärt Ateş: "Da geht es um Gerissenheit", sagt sie, "der ist ja ein Dieb und macht eigentlich was Böses. Ich wollte über das Böse und Gute reden, und dass man im Bösen teilweise auch gute Dinge machen kann. Die Welt ist ja so viel komplizierter. Märchen gehen sehr viel tiefer, als heute Kinderliteratur oft geht. Sie zwingen den Menschen dazu, seinen eigenen Verstand zu nutzen und wirklich zu hinterfragen." Autor Jakob Schmidt lässt sich davon aber noch nicht überzeugen. Er findet ein Märchen, in dem Leichen vom Galgen gerissen werden nicht sehr kindgerecht. Sein Sohn Lasse hingegen ist interessiert an der Frage, was Gerechtigkeit bedeutet, die in der Geschichte aufgeworfen wird.

Kinder werden selbst zu Märchenerzählern

Im Berliner Abgeordnetenhaus werden Kinder dann selbst zu Autorinnen und Autoren. "Königskinder" heißt das interaktive Märchen von Annette Hartmann. Gespannt lauschen sie der Geschichte eines Königs, der im Sterben liegt und seine Kinder bittet, gemeinsam seine Regierungsarbeit fortzusetzen. Als diese sich zerstreiten und das Königreich zusammenzubrechen droht, reißt die Erzählung unvermittelt ab: "Das ist der Punkt, bis wohin ich euch dieses Märchen erzähle. Und gleich seid ihr gefragt, zu gucken, wie könnte es weitergehen", sagt Schauspielerin Stefanie Dorr, die den Workshop heute betreut. Die Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse finden sich in Gruppen zusammen und entwerfen ein kleines Theaterstück, das sie am Ende vorführen dürfen. Spielerisch, so die Idee, entwickeln sie dabei auch ein Grundverständnis für den Wert demokratischer Entscheidungswege und Institutionen. "Was hat denn das Märchen damit zu tun?", will Stefanie Dorr nach der Vorführung von der Gruppe wissen. "Die haben erst alle gestritten, wer König ist – und dann mussten sie sich demokratisch einigen", erklärt ein Schüler.

Ein zu großes Spektrum an Veranstaltungen

Andere Veranstaltungen finden in Botschaften verschiedener Länder statt, in denen Märchen aus unterschiedlichen Kulturen vorgelesen werden, es gibt Musik- und Theatervorstellungen für Kinder wie für Erwachsene – aber auch Events, deren Bezug zum Märchenkosmos eher weit hergeholt scheint: Kulinarische Märchenabende im Burgerladen zum Beispiel  oder ein Game-Design-Workshop für "märchenhafte" Computerspiele.

Märchen in der Kritik

Immer wieder waren Märchen im Laufe der Geschichte auch Kritik ausgesetzt: Zu brutal, zu moralisch eindimensional, zu stereotyp. Das sind einige der Vorbehalte, die viele Eltern auch heute noch daran hindern, ihren Kindern Märchen vorzulesen.

Die Berliner Märchen- und Erzählforscherin Kristin Wardetzky ärgert sich darüber: "Ich glaube, die Vorbehalte, die man gegenüber dem Märchen hat, sind dadurch entstanden, dass man irgendwann mal das Märchen wie eine Art Ratgeberliteratur betrachtet hat. Märchen als eine Erziehungshilfe, in der wir lernen, wie wir anständig miteinander umgehen und wie wir unser Leben gestalten sollen. Das ist Humbug!" Die Didaktisierung von Märchen sei eine Folge von Missverständnissen. "Zum Beispiel Frau Holle mit der Goldmarie, das ist so der Inbegriff eines braven Mädchens. Wie oft ist dieses Märchen im didaktischen Sinne genutzt worden, ohne genau zu lesen?" Wer das Märchen genau lese, erkenne, dass es in der Geschichte eben nicht um die viel bemühte einfache Moral gehe: "Sei brav, gehorche, dann wird es dir gut gehen". Erst als Goldmarie selbst beginne, Wünsche zu äußern, nämlich nach Hause zu dürfen, werde sie belohnt. "Wir dürfen nicht den Fehler machen und Märchen als eine Art Handlungsanweisung missverstehen", sagt Wardetzky.

Dieser These folgt auch Jakob Schmidt gerne. Tatsächlich hat er neuen Gefallen an den alten Geschichten gefunden und sich vorgenommen, nun auch seinen Sohn Lasse öfter ins Land der Märchen mitzunehmen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk