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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageDie DVD ist tot, es lebe die Videothek04.01.2019

Der Film-Shop in KasselDie DVD ist tot, es lebe die Videothek

Die älteste Videothek der Welt steht nicht etwa in einer Stadt wie New York, sondern in Kassel. Seit über 40 Jahren finden hier Filmfans zusammen, um sich auszutauschen. Zwar hat das Filmstreaming per Internet auch dem Film-Shop in Kassel zugesetzt, aber ans Aufhören denkt hier keiner.

Von Marius Elfering

Ein Mann steht zwischen Regalen voller Videokassetten. (Deutschlandradio/Marius Elfering)
2017 übernahm Ralf Stadler mit dem Verein "Randfilm" den Film-Shop in Kassel. Die älteste Videothek der Welt kämpft ums Überleben (Deutschlandradio/Marius Elfering)
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Eckhard Baum war schon immer ein leidenschaftlicher Filmliebhaber. In den 70er-Jahren war er stolzer Besitzer einer Sammlung von Super-8-Filmen. "Irgendwann habe ich gemerkt: Es ist Dummheit, die einfach so an Freunde zu verborgen, damit kannst du eventuell ein Geschäft machen", erinnert sich Baum. Also eröffnete er 1975 den "Film-Shop" in Kassel – die erste Videothek der Welt.

Drei Männer in einer Videothek (Deutschlandradio/Marius Elfering)Die Videothek "Film-Shop" in Kassel ist ein Treffpunkt für Filmbegeisterte. Auch Eckhard Baum (rechts), der frühere Besitzer, kommt noch oft vorbei. (Deutschlandradio/Marius Elfering)

Das Geschäft lief blendend. Über Jahrzehnte hinweg verlieh er Videokassetten, DVDs, Blu-rays und Super-8-Filme. Bei ihm gingen nicht nur die Kunden ein und aus, auch zahlreiche Filmstars, wie zum Beispiel der Winnetou-Darsteller Pierre Brice, statteten Baum und seiner Videothek einen Besuch ab.

Mit dem Internet kamen die Probleme

Als in den 2000er-Jahren das Zeitalter des Internets anbrach und immer mehr Menschen sich Filme online ansahen, da ahnte Baum schon, dass das nicht lange gut gehen würde. "Ich habe es immer verdrängt", sagt er. Er wollte es nicht wahrhaben, dass es mit seinem Laden bergab ging. 75 Videotheken gab es damals noch in Kassel, heute sind es noch zwei.

Ehrenamtliche Hilfe

Als der "Film-Shop" 2017 vor dem Aus stand, entschloss sich der Kasseler Verein "Randfilm" die Videothek von Eckhard Baum zu übernehmen. Damit hat der Verein vorerst sein Lebenswerk gerettet und damit auch mehr als 4.000 VHS-Kassetten und 15.000 DVDs. Das Verleihgeschäft geht also weiter: Regelmäßig kommen Stammkunden in den Laden und leihen Filme für 1,50 Euro pro Tag aus. Laufkundschaft gibt es aber nur wenig.

Die Fassade der ältesten Videothek der Welt in Kassel, gegründet 1975 von Eckhard Baum (Marius Elfering)Der Film-Shop kämpft ums Überleben. (Marius Elfering)

Ein Ort für Gleichgesinnte

Eckhard Baum selbst, mittlerweile 80 Jahre alt, steht einmal in der Woche hinter dem Tresen und verleiht DVDs. Dann schwelgt er mit seinen Kunden zusammen in Erinnerungen: Umgeben von vielen Fotos und dem alten Mobiliar, erzählt er von seinem Schimpansen, der ihm jahrelang Gesellschaft geleistet hat und von Jürgen Drews, der den Film-Shop in eine Ballermann-Bühne verwandelte.

Der Wunsch nach vergangenen Zeiten

Wie wichtig die Erinnerungen an vergangene Zeiten sind, das weiß Kathrin Natterer. Sie forscht an der Universität Augsburg unter anderem zum Thema Nostalgie. Man könne zwei Arten der Nostalgie unterscheiden, meint sie. Während die persönliche Nostalgie mit Erinnerungen ans eigene Leben einhergeht, versetzen wir uns mit historischer Nostalgie in Zeiten und Situationen, die wir selbst gar nicht erlebt haben. Dass Videotheken von unserer Nostalgie profitieren werden, ist unwahrscheinlich sagt sie: "Ich bezweifle ein wenig den emotionalen Wert der Videokassette". Doch in die Zukunft gucken kann letztlich niemand.

Zwei Stühle stehen neben einem Filmprojektor vor einer Leinwand (Deutschlandradio/Marius Elfering)Mittlerweile hat der Verein "Randfilm" die Videothek um ein kleines Film-Museum erweitert. (Deutschlandradio/Marius Elfering)

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