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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageBallett trifft Jumpstyle22.05.2020

Frischer Wind für Frankreichs TanzszeneBallett trifft Jumpstyle

Ein Raunen ging durch die französische Tanzszene, als das Kollektiv "(La) Horde" im Herbst 2019 die Leitung des Ballet National de Marseille übernahm. Denn die drei Künstler sind keine ausgebildeten Choreografen und interessieren sich eher für Internetphänomene wie Jumpstyle als für Schwanensee.

Von Florian Fricke und Carolin Brandl

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(Boris Camaca; Alive Gavin)
Das junge Medienkunst-Kollektiv "(La) Horde" (Boris Camaca; Alive Gavin)
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"(La) Horde" stehen für Jugendkultur und überwundene Genregrenzen. Da passt es gut, dass auch das Ballet National de Marseille (BNM) als Institution Erfahrung mit Regelbrüchen gesammelt hat: Schon 1972 stand hier die Rockband Pink Floyd für die Inszenierung des "Pink Floyd Ballet" auf der Bühne. Später wurde es ruhiger auf der Bühne, fast schon brav.

Nun soll "(La) Horde" an die avantgardistische Tradition anknüpfen. Das Selbstvertrauen, ein großes Haus zu leiten, nehmen die drei Digital Natives aus der freundschaftlichen Kollegialität, die sie verbindet. Seit gemeinsamen Studientagen experimentiert das Trio mit Choreografie, Performance und Video.

Der Tanz der Randgruppen

Internationales Aufsehen erregten Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Artur Harel bereits mit ihrer ersten abendfüllenden Inszenierung "To Da Bone". Eine Choreografie, die zusammen mit Jumpstylern entstand. Jugendlichen, die auf den Stil auf den Straßen Belgiens und der Niederlande entwickelt haben.

In ihrem zweiten Stück "Marry me in Bassiani" mit ehemaligen Tänzern des georgischen Nationalballetts gehen "(La) Horde" dem widerständigen Potenzial des georgischen Tanzes mit seiner 1500-jähriger Geschichte auf den Grund und stellen ihn in den Kontext der aktuellen Protestbewegung in Georgien. Im Februar, als die Reporter Florian Fricke und Carolin Brandl das Ballet National des Marseille besuchen, probt das Ensemble gerade für "Room with a view". Es ist die erste Produktion für das BNM unter der Ägide von "(La) Horde". "Room with a view" ist eine Kooperation mit dem Theater Le Chatelet in Paris, wo Anfang März, kurz vor Ausbruch der Coronakrise, auch noch die Premiere stattfand.

Auf der Probe

Das Gebäude des BNM steht nicht im Zentrum von Marseille und ist auch kein Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert, sondern ein brutalistisches Gebäude mitten im Park. Die Proben sind im vollen Gange. "(La) Horde" und Komponist Rone, ein in Frankreich sehr beliebter Produzent für elektronische Musik, sitzen mit weiteren Mitarbeitern an der Stirnwand eines Probenraums, vor den allgegenwärtigen Spiegeln und Ballettstangen, und besprechen ihre Beobachtungen. Dann ist die Sequenz durch und Marine Brutti schreitet zur Manöverkritik.

"Denkt dran, dass es immer wieder leichte Bewegungen geben muss. Im Moment vermissen wir etwas Dynamik und die Zwischentöne. Es ist gerade zu viel Kraft im Spiel."

Etwa 20 Tänzer stehen bunt kostümiert auf einer Kulisse. (Alice Gavin/Boris Camaca)Szene aus einem Stück des Ensembles (Alice Gavin/Boris Camaca)
Danach nehmen sich die drei Zeit für ein Interview. Jonathan Debrouwer kommt gerade aus Lille, für eine Aufführung von "Marry me in Bassiani", denn auch die älteren Produktionen touren weiter durch ganz Europa. Marine Brutti und Artur Harel sind erst kürzlich aus London zurückgekommen, wo sie mögliche Kooperationen mit einem Theater ausgelotet haben. Das BNM besitzt zwar eigene Proberäume und eine angegliederte Tanzschule, aber in den Aufführungsraum passen nur circa 100 Besucher, weshalb das Ensemble auch in Zukunft vor allem auf Tour sein wird.

Room with a view

Wie sind "(La) Horde" bei der Recherche für das neue Stück vorgegangen? Jonathan Debrouwer erzählt:

"Uns geht es um das Nutzerverhalten auf Facebook, die Bilder, die man aufsaugt. Man sieht Waldbrände, Demonstrationen, Botschaften gegen den Femizid, also Frauenmorde. Aber auch schöne Sachen wie Demonstrationen der Solidarität in einem fremden Land. Die Menschen gehen wieder für die Freiheit auf die Straße. Auf mich wirkt das wie eine globale Botschaft des Alarmiertseins, ein Bewusstsein für die Zustände. Aber was macht man damit?"

Marine Brutti ergänzt:

"Es geht uns vor allem darum, zu zeigen, wie eine ganze Generation aufwacht. Und wenn wir über Zusammenbrüche reden - die können auch für etwas gut sein. Zum Beispiel der Kollaps des Patriarchats, der Heteronormativität. Auf der Bühne wollen wir das ausbalancieren: Wir sagen, ja, es gibt da diese riesige Krise und das finden wir nicht gut. Aber vielleicht führt diese Krise ja zu kleinen Rissen im System, die es uns erlauben, auch andere Stimmen zu hören."

Keine Angst vor Kommerz

Danach ist Mittagspause und die Tänzerinnen und Tänzer versammeln sich im Aufenthaltsraum. Hier gibt es eine Kaffeemaschine, Mikrowellen, drei Computer und eine Sofaecke, wo sie sich nach dem Essen ausruhen können. Heute aber herrscht große Aufregung, weil Sebastian Peretto, der Social-Media-Manager, ein Modeheft vorbeibringt. Darin sind Fotos abgedruckt, die die Truppe mit Kleidung der Designermarke Armani auf dem Dach des BNM zeigt. Einer der Tänzer, Nathan, blättert im Magazin.

"Der zeitgenössische Tanz vereint viele Stile. Die Tänzer kombinieren ihre Kleidung genauso wie ihre Tanzstile. Ich definiere mich auch über meinen Style, jeden Tag trage ich was anderes. Das ist an sich schon ein eigener Stil."

Er freut sich über die Zusammenarbeit mit Armani, für die er allerdings keine Extra-Gage erhalten hat.

Dann müssen alle wieder zur Probe. Am Flügel lehnt schon Sebastian, der Social-Media-Manager aus Paris. Elegant gekleidet, Drei-Tage-Bart, circa 50 Jahre alt. Er macht Bilder und Videos, die er fast täglich auf Instagram postet, um die Follower bei der Stange zu halten.

"Als ich hier angefangen habe, kam mir die Idee eines Gesamtkunstwerks. Es gibt hier diese großartige Architektur, aber auch die Verbindung zu Künstlern und Modedesignern – ein sehr universeller Ansatz, denn alle großen Choreographen haben sich immer auch für Design und Musik interessiert, für Bilder und Videos."

Ein Mann steht mittig auf der Bühne, zahlreicher Darstellerinnen und Darsteller stehen und Knien um ihn und sehen ihn an. (Alice Gavin/Boris Camaca)Eine Szene aus einem Stück des Ensembles (Alice Gavin/Boris Camaca)
Während wir sprechen, macht sich neben uns Elena Garcia warm, eine spanische Tänzerin, die in den USA aufgewachsen ist. Es sei das erste Mal, dass sie mit Nicht-Tänzern wie "(La) Horde" zusammenarbeite, berichtet sie.

"Sie sprechen nicht unsere Sprache und das ist eine wunderbare Chance. Wie können wir auf eine nicht-tänzerische Art miteinander kommunizieren?"

Die Leitung des BNM wollte nach Problemen mit der vorigen Intendanz, der sie eine zu elitäre Auffassung von Tanz vorwarf, das Haus unbedingt verjüngen. "(La) Horde" überzeugten mit ihrer kreativen Bewerbung, erzählt Verwaltungsdirektor Jean-Pascal Sorroche.

"Es gibt eine künstlerische Seite und eine kommunikative, die sich bestens ergänzen. Das ist die Basis ihres Projekts, das es einen verbalen und künstlerischen Diskurs über den Tanz an sich gibt, also wie man ihn präsentiert."

Die drei Multimedia-Künstler von "(La) Horde" scheinen einen Nerv getroffen zu haben. Gekonnt verbinden sie einen politischen, sozialkritischen Anspruch mit der Instagram tauglichen Vermarktung ihres Werks – und sorgen damit für Furore in der Tanzwelt.

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