Montag, 25.05.2020
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageNeue Perspektiven vor, auf und hinter der Bühne21.02.2020

Kultur postkolonial (3/3)Neue Perspektiven vor, auf und hinter der Bühne

Auch das Theater ist nicht frei von rassistischen und postkolonialen Strukturen. Warum gibt es kaum dunkelhäutige Schauspieler in deutschen Ensembles? An wen richten sich die Inszenierungen an unseren Stadt- und Staatstheatern? Eine Erkundung am Thalia Theater in Hamburg.

Von Anna Seibt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Szenenausschnitt aus der Produktion "Hereroland" des Hamburger Thalia in der Gaußstraße im Rahmen der Lessingtage, im HIntergrund ein Vorhang mit einer Aufnahme von Kolonialsoldaten, daneben ein Stück namibische Landschaft. Ein Scharzer Schauspieler blickt mit gefalteteten Händen durch einen Spalt im Vorhang, im Vordergrund der verschwommene Kopf eines weißen Schauspielers mit Hut. (Armin Smailovic)
Bei den diesjährigen Lessingtagen wird das Stück "Hereroland" im Hamburger Thalia Theater uraufgeführt (Armin Smailovic)
Mehr zum Thema

Kultur postkolonial (2/3) Die Stimme der Machtlosen

Kultur postkolonial (1/3) Erbe und Gegenwart der Stadt Augsburg

In Hamburg-Ottensensen, an der Studiobühne des Thalia Theaters, warten ca. 160 Menschen auf Einlass. Sie alle halten eine Karte mit einem individuellen Theaterparcours in ihren Händen. Darauf ist die Reihenfolge vermerkt, in der sie die Stationen des Theaterstücks "Hereroland" abgehen sollen.

Da heißt es dann: 1. Mitte, 2. Waterberg innen, 3. Zelt, 4. Mitte ... die einzelnen Stationen sind dicht an dicht auf die ansonsten schwarze Studiobühne und in den Zuschauerraum gebaut. Vier deutsche Schauspieler und sieben Schauspieler und Schauspielerinnen aus Namibia spielen an den verschiedenen Stationen Szenen, die teilweise von der deutschen Kolonialzeit im damaligen "Südwestafrika" handeln, sich aber auch auf die jüngere Vergangenheit oder Gegenwart beziehen. Der deutsche Regisseur Gernot Grünwald und der namibische Regisseur David Ndjavera haben mit den Akteuren das Stück gemeinsam erarbeitet.

Eine Szene aus Hereroland (Deutschlandradio  / Anna Seibt)Die Vorstellung von Hereroland ist zu Ende (Deutschlandradio / Anna Seibt)

Ausgangspunkt von "Hereroland" ist der Aufstand der einheimischen Herero gegen die deutschen Kolonialherren Anfang des 20. Jahrhunderts und schließlich der Völkermord an der Volksgruppe, der von General von Trotha befohlen worden war.

Die Stimmung ist zum Zerreißen gespannt

Eine Station während des gut zwei Stunden dauernden Stücks ist der "Friseurladen", eine kleine Wellblechhütte, zu der ein paar Holzstufen hinaufführen. Innen ist es dunkel und eng. Nur ein Stuhl, ein schmaler Tisch, ein Spiegel und ein paar Kämme und Bürsten. Eine Frau um die 70 sitzt gerade in dem Laden. Einer der Schauspieler aus Namibia, um die 30 Jahre alt, kämmt ihr die Haare. Dann sagt er unvermittelt: "Sie erinnern mich an meine Großmutter." Es entspinnt sich ein, auf Grund der Sprachbarriere etwas holpriges Gespräch, in dem er erzählt, dass seine Großmutter Krebs hatte. Sie musste starke Schmerzen erleiden, da sie im Krankenhaus nur rudimentär behandelt wurde. Die Frau auf dem Friseurstuhl fragt ihn, ob sie auf Grund ihrer helleren Hautfarbe eine bessere Behandlung erhalten hätte? Die Stimmung ist zum Zerreißen gespannt, als der Schauspieler nicht auf die Frage der Frau eingeht, sondern stattdessen antwortet: "Sie war eine Kämpferin, die Urenkelin eines deutschen Vergewaltigers," und dabei seine Hand besänftigend auf die Schulter der alten Dame legt. Brüsk wehrt sie ihn ab: "Bitte fassen Sie mich nicht an!".

Erzwungener Perspektivwechsel

Eine ganz andere Herangehensweise hat das Stück "Reverse Colonialism!", das am nächsten Abend auf der Studiobühne aufgeführt wird. Es ist eine Gastproduktion aus Belgien des Regisseurs Ahilan Ratnamohan. Zusammen mit drei Schauspielern entwirft er die Utopie eines neuen Landes, in dem Menschen nicht mehr wegen ihrer afrikanischen Herkunft oder ihrer afrikanischen Wurzeln unterdrückt werden. Die drei Schauspieler Etuwe Bright Junior, Aloys Kwaakum und Lateef Babatunde stammen aus Nigeria. Sie kamen nach Belgien mit dem Traum, Profifußballer zu werden. Allerdings waren sie nicht so erfolgreich, wie sie sich das gewünscht hatten. Nun touren sie mit dem Theaterstück "Reverse Colonialism!" durch Europa.

Viel Schauspieler auf der Bühne, hinter ihnen eine Umfrage auf einer Leinwand (Deutschlandradio / Anna Seibt)Das Publikum stimmt ab (Deutschlandradio / Anna Seibt)

Zwei Schauspieler stehen auf der fast leeren Bühne. Zu verschiedenen Oberthemen wie Name, Ort, Migrations- und Familienpolitik propagieren sie ihre Vorstellungen von dem neuen Land. Das Publikum ist dann aufgefordert zwischen den beiden Optionen abzustimmen. Davor gibt es aber die Möglichkeit, über die Vorschläge und die Bedenken der Zuschauer zu diskutieren.

Das Publikum beteiligt sich angeregt an den Diskussionen und schreckt auch vor grundsätzlicher Kritik nicht zurück. Ein Mann stellt fest: "Wenn Sie ein neues Land erfinden, ist es völlig unerheblich, wie es heißt, wo es ist!" Die Schauspieler lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Aloys Kwaakum entgegenet: "Ich sehe da noch immer Eurozentrismus. Er denkt für uns. Ich hab’s zu Beginn gesagt: Wenn Sie abstimmen, stimmen sie nicht auf Grund ihrer Gefühle ab, sondern benutzen Sie Ihren Kopf! Stimmen Sie nicht als Deutsche ab, sondern weil Sie wollen, dass ich an einem besseren Ort leben darf. Wenn Sie denken, dass das eine schlechte Idee ist, dann, weil Sie Deutscher sind. Was wir vorschlagen, ist gut für uns. Also, stimmen Sie dafür ab, was Sie ok finden, aber nicht, weil Sie wollen, dass ich Deutscher werde."

Nora Hertlein, eine der Kuratorinnen der Lessingtage, des Festivals, in dessen Rahmen die Aufführungen stattfinden, sieht in diesen konfrontativen Situationen die Stärke der Inszenierung "Reverse Colonialism!": "Hier wird eine Utopie gezeigt, die man sonst nicht sehr oft sieht, nämlich die selbstbewussten Immigranten aus Afrika, die auf der Bühne stehen und sagen, ‚Ich habe ein Recht gut zu leben‘."

Niemand bringt gerne den Rassismus ans Haus

Die Regisseurin Julia Wissert beschäftigt sich schon lange mit den Perspektiven, die auf deutschen Bühnen verhandelt werden. Sie selbst ist Teil des deutsch-namibischen Kollektivs "Kaleni" und kennt die namibische Theaterszene gut.

Im Herbst 2020 wird die 34-Jährige neue Intendantin am Schauspiel Dortmund – und die erste schwarze Intendantin an einem deutschen Stadt- oder Staatstheater. Sie betont, dass Rassismus ein strukturelles Problem sei und es sei damit, genau wie in der deutschen Gesellschaft, auch an deutschen Theatern zu finden. Sie ermutigt die Verantwortlichen, ihren Mitarbeitenden mehr zu vertrauen und nicht davor zurückzuschrecken, rassistische Vorkomnisse auch als solche zu bennenen.

Um das zu erleichtern, hat sie zusammen mit einer Juristin die "Antirassismus-Klausel" entworfen. Diese können Schauspieler und Schauspielerinnen in ihre Verträge mit Theatern aufnehmen. Sie verpflichtet die Häuser dazu, anti-rassismus Trainings oder ähnliches für ihre Mitarbeitenden zu veranstalten, sollte sich ein Schauspieler oder eine Schauspielerin rassistisch angegangen fühlen. Die Kritik, Theaterschaffende könnten eine solche Klausel verwenden, um andere Kollegen zu diskreditieren, weist Julia Wissert entschieden zurück: "Welche Person würde sowas freizügig nutzen, um am Ende diejenige zu sein, die den Rassismus ans Haus bringt? Keine Person der Welt möchte so weit gehen müssen, in der Öffentlichkeit Gesicht zeigen zu müssen und am Ende vielleicht die Kritik zu ernten und keine Jobs mehr zu bekommen. Deswegen glaube ich, die Gefahr eines Missbrauchs ist eigentlich nicht existent."

Um rassistische Machtstrukturen innerhalb der Theater wirklich aufzubrechen, müsse sich noch einiges ändern, meint sie. Ensembles und Führungsebenen müssten diverser besetzt werden. Aber auch die Inszenierungen müssten ein vielfältigeres Publikum in den Blick nehmen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk