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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageSinti und Roma als Storyteller in eigener Sache08.02.2019

RomArchiveSinti und Roma als Storyteller in eigener Sache

Hunderte Jahre Kulturgeschichte der Sinti und Roma mit wenigen Klicks erfahrbar machen: das ist das Anliegen des RomArchive. Das digitale Archiv bündelt Beiträge internationaler Kunst aller Gattungen - und zeigt damit auch die Sicht der Sinti und Roma auf sich selbst.

Von Manuel Gogos

Das Bild "Back To The Future! Safe European Home" von Damian Le Bas zeigt eine Europakarte vn 1938, die der Künstler übermalt hat. (Deutschlandradio / Damian Le Bas )
Die übermalte Europa-Karte des Künstlers Damian Le Bas - einer von vielen Beiträgen im RomeArchive (Deutschlandradio / Damian Le Bas )
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Der "Zigeuner" ist eine europäische Erfindung: Seit Hunderten Jahre sind Sinti und Roma Opfer von Projektionen. Bilder wie der messerwerfende Mann, das verführerische Mädchen oder der temperamentvolle Musiker sind stereotype Vorstellungen, die weit verbreitet sind. Tatsächlich sind Roma Grenzüberschreiter, Transnationalisten par excellence. Das macht sie in den Augen der Sesshaften verdächtig.

Sprich nicht über mich, sprich mit mir

Wie Sinti und Roma selbst diese Geschichte erlebt haben, welche Spuren sie in der Geschichte Europas hinterlassen haben, wie sie sich selbst sehen - und gesehen werden wollen, dafür gab es bislang keine Museen, keine Bibliotheken, überhaupt keinen entsprechenden Raum. Das nun eröffnete digitale "RomArchive" will deshalb genau solchen Selbstrepräsentationen von Sinti und Roma aus Kultur und Wissenschaft eine Bühne bieten.

Das RomArchive im Foyer der Akademie der Künste Berlin (Deutschlandradio / Manuel Gogos)Das RomArchive im Foyer der Akademie der Künste Berlin (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Fünf Jahre Vorbereitung

Das "RomArchive" wurde von einer internationalen Gruppe von Kuratorinnen und Kuratoren – viele von ihnen gehören selbst der Minderheit an – über einen Zeitraum von fünf Jahren entwickelt und aus Mitteln der Kulturstiftung des Bundes finanziert. Mit einem mehrtägigen Festival wurde das Archiv Ende Januar in der Akademie der Künste in Berlin eröffnet.

Die Eröffnungsfeier

Die kreative Szene feierte sich in Berlin nahe dem Brandenburger Tor selbst: mit Konzerten, Tanzperformances und Ausstellungen. "Sprich nicht über mich, sprich mit mir" ist eine der zentralen politischen Forderungen der Roma-Aktivisten. Manuel Gogos hat sie beim Wort genommen und sich unter das Eröffnungspublikum gemischt. Ein Mitglied des Fachbeirats ist Ethel Brooks. Die Soziologie-Professorin aus New York betonte, wie anspruchsvoll es ist, ein solches Archiv zu kuratieren:

"Es ist eine komplizierte Frage, was in so ein Archiv gehört und was nicht. Das zu entscheiden war ein langer Prozess. Vor allem soll im Archiv die Stimme der Roma selbst zu hören sein. Bis heute sind wir in nationalen Archiven nur als Stereotype aufgetaucht. Jetzt sind wir Roma selbst zu hören. Mit unser eigenen Geschichte. Nicht durch die Augen anderer gesehen."

Eine schriftlose Kultur?

Die Roma-Kultur sei eine schriftlose, orale Kultur, heißt es oft. Der Schriftsteller Jovan Nikolić ist der lebende Beweis dafür, dass das so nicht stimmt. Nikolić ist das Kind eines Jazzmusikers und einer Jazzmusikerin. Seine Kindheit verbrachte er mit seiner Schwester in Hotelzimmern in ganz Jugoslawien. Zur Eröffnung des RomArchives las er aus seinem Kurzprosaband "Schwarzer Rabe":

"Man sagt, dass alle Zigeunermusiker lungenkrank werden. Dass sie Asthma haben. Deshalb ist die Zigeunermusik so traurig und immer nur in Moll."

Gibt es sowas wie Roma-Musik?

Musik ist das große Aushängeschild der Roma-Kultur. Sinti und Roma haben zahlreiche Musikrichtungen geprägt: den europäischen Jazz Django Reinhardts, den ungarischen Csárdás oder den spanischen Flamenco. Petra Gelbart ist Kuratorin des Archivbereichs Musik. Die Musikerin und Musikethnologin aus der Tschechischen Republik prangerte die stereotypen Vorstellungen vom "Teufelsgeiger" oder der "schönen Carmen" an:

"Viele Leute halten Roma für geborene Musiker und die Roma-Musik per se für sehr leidenschaftlich. Manchmal glauben die Musiker selbst daran. Aber mussten sie nicht von Kindesbeinen hart daran arbeiten? Es stellt sich also die Frage: Steckt die Heißblütigkeit in der Musik selbst? Oder in den Köpfen der Leute?"  

Wahrsagerin oder Performerin?

In der Ausstellung zur Eröffnung des "RomArchive" sind auch Arbeiten von Ceija Stojka zu sehen. Die bekannte Holocaust-Überlebende hat in ihren künstlerischen Arbeiten Gegenbilder zu den diffamierenden "Zigeuner"-Darstellungen der Nationalsozialisten entworfen.

"Witch Hunt", Installation von Delaine le Bas in der Akademie der Künste (Deutschlandradio / Manuel Gogos)"Witch Hunt", Installation von Delaine le Bas in der Akademie der Künste (Deutschlandradio / Manuel Gogos)

Die Künstlerin Delaine Le Bas, selbst Angehörige der britischen Traveller-Community, dagegen geht spielerisch mit den Zuschreibungen von außen um. Ihre Installation "Witch Hunt" versetzt den Zuschauer mit bunten Bändern und Puppen in eine Kindheit, die abgründig und schrecklich ist.

"Meine Hexen-Jagd"-Installation bezieht sich auf meine eigene Kindheit, aber auch auf Kindheit allgemein. Es gibt ja Kinder, die nie eine Kindheit hatten. Aber ich sehe darin etwas Universelles: Der Armut ist es egal, welcher Herkunft du bist."

Kultureller Reichtum

Im abschließenden Interview gibt der Berliner Galerist und "RomArchive"-Kurator Moritz Pankok eine kleine kulturgeschichtliche Einführung in die Rolle, die Roma und Sinti in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte geleistet haben.

"Das RomArchiv ist ein lebendiges Archiv. Die sogenannten "Außenseiter" wandern damit mitten ins Zentrum der Kultur. Und das hat eine belebende Wirkung für die ganz Gesellschaft."

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