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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageDas "Dorf der Jugend" in Sachsen18.10.2019

Offene JugendkulturarbeitDas "Dorf der Jugend" in Sachsen

In Grimma, in der Nähe von Leipzig, ist nicht viel los. Ein ehemaliges Fabrikgebäude aus Backstein ist deshalb zum Symbol des Aufbruchs geworden: Im "Dorf der Jugend" können sich junge Menschen ausprobieren, ihre Ideen verwirklichen und lernen, sich gegen rechtes Gedankengut zur Wehr zu setzen.

Von Manuel Waltz

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Schriftzug "Dorf der Jugend" in Blau und Pink an eine Mauer gesprayt, im "o" ein rotes Herz, im Hintergrund eine Wolke, aus der ein Regenbogen kommt, sowie ein Hirschkopf (Manuel Waltz)
Hier sollen Jugendliche lernen, mit Vielfalt, mit anderen und anders Denkenden umzugehen und selbstverantwortlich zu handeln (Manuel Waltz)
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Seit fünf Jahren gibt es das "Dorf der Jugend" am Rande von Grimma in Sachsen. Hier sind kreative Ideen und Eigeninitiative willkommen. Die Jugendlichen können gärtnern, skaten, im selbstverwalteten Containercafé abhängen, an ihren Fahrrädern schrauben oder Konzerte organisieren: Hauptsache, es tut sich was.

Aufgebaut wurde das Jugendhaus vom Sozialarbeiter Tobias Burdukat. Der hat sich inzwischen aus dem Projekt zurückgezogen, sein Geist ist aber geblieben. So positionieren sich die meisten hier weit links der Mitte. Das zeigt sich nicht nur an den Sprüchen, die auf der Klowand stehen, sondern auch an der Auswahl der Bands, die im "Dorf der Jugend" spielen. Dass das im ländlichen Sachsen nicht überall gut ankommt ist klar. Doch die Jugendlichen kämpfen, um die Lokalpolitiker von ihrem Projekt zu überzeugen. Denn hier lernen sie, mit Vielfalt, mit anderen und anders Denkenden umzugehen und selbstverantwortlich zu handeln.

Ihr Highlight ist das alljährliche Crossover-Festival, das dieses Jahr am selben Wochenende wie die sächsische Landtagswahl stattfand. Manuel Waltz hat die Jugendlichen in dieser spannenden Zeit begleitet: Was denken sie über die Wahl und wie gehen sie mit den Ergebnissen um? Ein Besuch im gallischen Dorf in Sachsen, das schon so manchen Sturm überstanden hat und sich wappnet für den Orkan, der möglicherweise noch kommt.


Das "Dorf der Jugend" ist streng genommen kein Dorf, sondern ein Treffpunkt auf einem alten Fabrikgelände am Ufer der Mulde. Junge Menschen aus der Umgebung kommen hierher nach Grimma, einer Stadt zwischen Leipzig und Dresden, um sich im Containercafé auszutauschen, die Fahrradwerkstatt zu benutzen, sich im Skatepark auszutoben oder eigene Ideen und Projekte umzusetzen. Unterstützt werden sie von einer Sozialarbeiterin, die kaum Vorgaben macht, sondern eher beratend zur Seite steht.

Containercafe im Dorf der Jugend (Deutschlandradio/Manuel Waltz)Containercafe im Dorf der Jugend (Deutschlandradio/Manuel Waltz)

Wie politisch darf Jugendarbeit sein?

Der Sozialarbeiter Tobias Burdukat hat das Projekt 2013 initiiert und zusammen mit den Jugendlichen aufgebaut. Er ist groß, hat einen langen Bart, viele Tattoos und ein Baseballkappe auf dem Kopf. Und er hat eine klare politische Haltung: Seit Jahren engagiert er sich gegen rechtes Gedankengut, für Vielfalt und mehr Toleranz in Sachsen, wo fast 30 Prozent die rechtspopulistische AfD gewählt haben. Damit kommt er bei den Jugendlichen gut an, viele, auch Politiker, betrachten ihn und sein politisches Engagement aber mit Argwohn.

Als sich das "Dorf der Jugend" als freier Träger der Jugendarbeit anerkennen lassen wollte, stand vor allem Burdukat im Mittelpunkt der Kritik. Die Verantwortlichen nahmen Anstoß daran, dass er sich öffentlich als Anarchist bezeichnet hatte sowie an einem Schriftzug, der auf die Toiletten des Jugendtreffs, gemalt ist: "Kacken ist wichtiger als Deutschland". Zeitweise schien es, als ob das ganze Projekt auf der Kippe stünde. Inzwischen haben die Jugendlichen aber die Anerkennung als freier Träger und damit auch die finanzielle Sicherung des Projekts erreicht. Tobias Burdukat hat sich als Sozialarbeiter aus dem Dorf der Jugend zurückgezogen. Zu aufreibend sei die Arbeit gewesen und die Jugendlichen kämen auch ohne ihn zurecht.

Selbstermächtigung und Eigeninitiative

Dass sie selbstverantwortlich handeln können, haben die Jugendlichen auch dieses Jahr wieder unter Beweis gestellt. Am Wochenende der Landtagswahl in Sachsen haben sie das "Cross-over Festival" nun schon zum 14. Mal organisiert. Dem sind lange Treffen und viele Diskussionen vorausgegangen. Aber am Tag des Festivals ist alles fertig: Am Ufer der Mulde sind Stände von politischen Initiativen aufgebaut, die etwas gegen den Rechtsruck in der Gegend machen wollen. Es gibt veganes Essen, verschiedene Bands treten auf – der Eintritt ist frei. Eine Besucherin erzählt, dass es nichts Vergleichbares in der Gegend gebe. In anderen Orten müssten sich die Jugendlichen abends im Bushäuschen treffen, weil sie sonst nicht wüssten wohin.

Jugendliche provozieren gerne

Das Cross-over-Festival in Grimma beginnt: Das Projekt wurde 2013 zusammen mit Jugendlichen initiiert.  (Deutschlandradio/Manuel Waltz)Das Cross-over-Festival in Grimma beginnt: Das Projekt wurde 2013 zusammen mit Jugendlichen initiiert. (Deutschlandradio/Manuel Waltz)

Veranstaltungen wie das "Cross-over Festival", aber auch der Streit mit dem Jugendamt hat die Gruppe im "Dorf der Jugend" zusammengeschweißt, wie Leonie, eine der Jugendlichen, erzählt. Die Solidarität untereinander in der Gruppe sei groß, keiner lasse die anderen im Stich.

Leonie hat auch nicht das Gefühl, von ihrem Sozialarbeiter Tobias Burdukat indoktriniert worden zu sein. Vielmehr habe er immer wieder dazu animiert, sich eine eigene Meinung zu Politik und gesellschaftlichen Themen zu bilden. Das Graffiti an den Toiletten, das den Jugendlichen viel Ärger eingehandelt hat, zu entfernen, kam den Leuten vom "Dorf der Jugend" nie in den Sinn. Leonie meint, dahinter stecke ein humanistischer Gedanke, schließlich müsse jeder seine Grundbedürfnisse stillen. Der Schriftzug solle auch nicht Hass auf Deutschland ausdrücken, aber Jugendliche müssten eben auch provozieren. Und das sei mit dem Graffiti gelungen – auch deshalb ist es ein wichtiges Symbol für die Gruppe.

Ausgerichtet an den Interessen der Jugendlichen

Was gute Jugendarbeit ausmacht und welche Voraussetzungen es dafür braucht, das erklärt Elke Josties, Professorin für Theorie und Praxis der sozialen Kulturarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie hat zum Thema "Szenebezogene Jugendarbeit" geforscht und auch ein Buch darüber geschrieben. Offene kulturelle Jugendarbeit, sagt sie, richte sich nach den Interessen der Jugendlichen. Es werden keine inhaltlichen Angebote gemacht, aus denen sie auswählen können, sondern die Jugendlichen schaffen sich diese Angebote selbst. Sie lernen, ihre Umgebung zu gestalten, zu organisieren, sich durchzusetzen und auch einmal zu scheitern.

Die Funktion der Sozialarbeiterinnen mag dabei auf den ersten Blick marginal wirken. Aber das Gegenteil sei der Fall, sagt Josties. Sie müssten dafür sorgen, dass sich keine Machtstrukturen bilden, niemand ausgegrenzt wird, dass Jugendliche sich ernst genommen und auch angesprochen fühlen – und dafür, dass die Öffnungszeiten und andere Regeln eingehalten werden.

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